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„Work and Travel“ wie im Mittelalter: Zu Besuch bei Wandergesellen in Groß Ilsede

Ilsede „Work and Travel“ wie im Mittelalter: Zu Besuch bei Wandergesellen in Groß Ilsede

Groß Ilsede. „Bitte kein Foto in schmutziger Arbeitskleidung!“ Mit Eitelkeit habe das nichts zu tun, erklären die beiden Wandergesellen Ken Buchholz (27) und Dario Petersen (20) aus dem Kreis Schleswig-Flensburg, die für eine Weile bei der Firma Holzbau Selle in Groß Ilsede arbeiten. Dies sei vielmehr jener strengen „Ehrbarkeit“ ihrer „Schacht“, also ihrer Gesellenbruderschaft geschuldet. Erst, als die „rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen“ ihre offizielle schwarz-weiße Wandertracht angelegt haben, darf die PAZ-Fotografin zur Tat schreiten.

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Selle mit Gesellen: Reiner Selle vom gleichnamigen Betrieb in Ilsede mit den beiden Wandergesellen Dario Petersen (rechts) und Ken Buchholz (links).

Quelle: Isabell Massel

Seit 16 Monaten sind die Handwerker für insgesamt drei Jahre und einen Tag „auf der Walz“. Ohne Mobiltelefon, ohne Facebook. Sie leben von der Hand in den Mund, wie schon ihre Vorgänger vor 800 Jahren. Übrigens sei es natürlich nicht verboten, sich von einer Telefonzelle aus bei den Lieben zu melden, schränkt Dario ein.

Irgendwie wirken sie wie lebendige Museumsfiguren: die schwarz-weiße Arbeitstracht mit dem großen Hut und dem Wanderstab. „Work and Travel“ wie im Mittelalter, sozusagen, einerseits sehr streng reglementiert, andererseits mit allen Freiheiten, die sich rechtschaffene junge Männer wünschen können. Wer als „rechtschaffender freier Zimmerer- und Schieferdeckergeselle“ auf die Walz will, muss zunächst seine Handwerkslehre abgeschlossen haben, ledig, kinderlos, schuldenfrei und unbestraft sein.

„Man lernt unterwegs sehr viel“, muss aber einen Abstand von mindestens 50 Kilometern von der Heimat halten, erklärt Ken. Natürlich würde man nach dem entsprechenden Tarif bezahlt. Je nach Arbeitsanfall bleibe man zwischen sechs Wochen und drei Monaten vor Ort. Dann suche man entweder den nächsten Betrieb, wo man sich eine spezielle, Jahrhunderte alte Bewerbungsformel deklamierend (die ausschließlich mündlich weitergegeben werde) bewerbe. „Ist keine Arbeit da, zieht man eben weiter“, erklärt Dario. Allerdings werde man zuvor vom Meister ausreichend verpflegt, manchmal sogar mit einer kleine Spende versehen. Apropos Spende: Einziger Wertgegenstand des Wandergesellen ist sein goldener Ohrring - mit dem seine Bestattung bezahlt wurde, sollte seine Wanderung tragisch enden, oder der ihm nach schweren Verfehlungen herausgerissen wird - wovon der Begriff „Schlitzohr“ abgeleitet werde.

Die Walz diene übrigens keineswegs allein der unermüdlichen Fron: Ken habe bereits Venedig oder Kanada (Flugzeugreisen zwischen den Kontinenten sind erlaubt) bereist, nicht zum Arbeiten sondern zur kulturellen Bildung. Üblichem Amüsement müssen Wandergesellen nicht im Geringsten abgeneigt sein. „Klar gehen wir mit unserer Tracht auch in Discos, Clubs oder Kneipen“ bestätigen die beiden unisono. „Dumme Sprüche“ über die Walz im Allgemeinen oder die Tracht im Besonderen gebe es sehr selten. „Wir wecken eher großes Interesse und werden neugierig angesprochen“, fügt Ken hinzu.

Gegen Reisen als Anhalter sei übrigens nichts einzuwenden, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen sei hingegen streng verpönt. Die mit symbolhaften Zeichen versehene und nicht durch andere Kleidungsstücke zu kombinierende maßgeschneiderte Tracht sei zwar „im Sommer zu warm und im Winter zu kalt“. Aber sie „macht auch vieles leichter, weil Menschen darauf sehr hilfsbereit reagieren“.

Übernachtet werde beispielsweise in Scheunen. Meteorologische Notfälle wie beispielsweise starker Frost oder Regen würden auch schon mal bei hilfsbereiten Polizisten überstanden, „wenn die gerade ein Zimmer mit Gittern frei haben“, sagt Ken und lacht.

Seit heute ist Dario auf dem Weg in die Schweiz, Ken zieht es nach Würzburg. Leicht gefallen sei es keinem von ihnen, von Daheim loszugehen. Aber irgendwann in den üblichen Handwerker-Alltag zurückzukehren, daran mögen sie im Moment überhaupt nicht denken.

uj

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