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Mit Langstock und Milchwächter

Ilsede Mit Langstock und Milchwächter

Bülten. Die „Chemie“ muss stimmen zwischen zwei Menschen - und ob die stimmt, entscheidet sich am visuellen Eindruck innerhalb der ersten zehn Sekunden. Bei Felizitas Dietz aus Bülten nicht. Sie ist blind.

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Die Bültenerin Felizitas Dietz liebt ihren Garten und genießt Blumenpracht und Sommerduft auf ihre ganz persönliche Art.

Quelle: uj

Diesen Eindruck hat der Besucher nicht, wenn ihm die Hausherrin die Tür öffnet. Wie sehend durchquert sie ihren Wohnbereich, greift gezielt nach Gegenständen („Ordnung ist das halbe Leben!“), weist selbstverständlich den Sitzplatz und wirkt ausgeglichen. Die Kommunikation habe sich mit dem Nachlassen des Augenlichts erschwert, räumt die agile 78-Jährige ein. „Ich verlasse mich seitdem auf mein Gefühl und die Stimme meines Gesprächspartners“. Das klappe meistens.

So sehr sie die selbst gewählte Einsamkeit vieler Schicksalsgenossen nachvollziehen könne, ist sie ihr ein Gräuel. „Viele Blinde sind unsicher und trauen sich kaum noch unter Menschen“.

Als sie aus dem schlesischen Gleiwitz nach dem Krieg vertrieben wurde, in Bülten ein neues Zuhause, Ehemann und Beruf fand, ahnte sie von ihrer Behinderung noch nichts. 35 Jahre stellt sie bei der Firma Steinbach in Hohenhameln Schnitzereien her - bis sie jene genetisch bedingte Sehschwäche trifft, die ihr inzwischen nur noch ein Prozent Sehkraft lässt. Vor elf Jahren tritt sie deshalb dem Blindenverein bei, lernt in speziellen Mobilitäts-Lehrgängen am „Langstock“ zu laufen und akustischen Ampeln zu vertrauen. Sicheres Treppensteigen muss sie ebenso neu lernen, wie die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Sie plaudert über ihr inzwischen stark verbessertes Gehör und den bewussten Verzicht auf einen Blindenhund: „Bei mir hätte er nie frei - und ein Hund muss auch ein Hund bleiben.“ Radler bittet sie rechtzeitig zu klingeln, denn die seien sie im Gegensatz zu Autos nicht rechtzeitig zu hören.

Ein einwöchiges Seminar vermittelt „lebenspraktische Fertigkeiten“: Kartoffelschälen und Knopfannähen, Kochen („wie treffe ich mit dem Topf die Mitte des Kochfeldes?“) oder den Gebrauch des „Milchwächters“ („ich will ja auch mal Pudding essen!“).

Apropos essen: Alle zwei Wochen bekommt Dietz Besuch ihres in Berlin lebenden Sohnes: dann wird gemeinsam für die nächsten 14 Tage vorgekocht und portionsweise konserviert. Wenn Nachbarn („die sind alle wunderbar!“) einkaufen, habe es sich eingebürgert, bei Dietz zu klingeln und gleich nach ihrer Einkaufsliste zu fragen. Wenn sie vom Lesen spricht, meint sie spezielle und ungekürzte Literatur-CDs aus der Blindenbücherei. Biografien gibt sie hierbei den Vorzug. Und das schicke Fernsehgerät nutzt sie für „Hörfilme für Blinde“. Audiodescription heißt das Zauberwort, mit dem sie hörend „zuschauen“ kann.

Als Mitglied im Behindertenbeirat des Landkreises, als Beiratsmitglied bei KISS, als Vorsitzende der Kreisgruppe Peine des Blinden- und Sehbehindertenverbandes sei sie gerne und viel unterwegs. Für neue Begegnungen ist sie immer offen. Und am ersten Satz entscheidet sich die Chemie.

uj

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