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Bewegende Historie per Post: Russische Botschaft schickt Personalkarten von Bültener Kriegsgefangenen

Bülten Bewegende Historie per Post: Russische Botschaft schickt Personalkarten von Bültener Kriegsgefangenen

Ungewöhnliche Post bekam der Bültener Heimatpfleger Heinz Rogalski im Sommer 2011: Die russische Botschaft bat ihn, die auf dem Bültener Friedhof ruhenden Kriegsgefangenen für die Kriegsgräberfürsorge zu erfassen. Als Dank für seine Mühen bekam Rogalski jetzt nicht nur eine Postkarte mit Neujahrswünschen, sondern auch Abzüge der Kriegsgefangenen-Personalkarten aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Heinz Rogalski mit der Dankeskarte und den Personalkarten am Grab der sechs russischen Kriegsgefangenen in Bülten. – Oben und links: Die Kopie der Personalkarte des Kriegsgefangenen Michail Kusnezow. Er wurde im Januar 1945 erschossen.

Bülten. Es sind Farbkopien der originalen Aktenblätter, die die Nazis von ihren Gefangenen gefertigt hatten: Ausgeblichenes, hellbraunes Papier. Links oben ein Foto des Gefangenen, darunter ein Fingerabdruck des rechten Zeigefingers, darüber handschriftlich ausgefüllte Personal-Daten: „Name: Kusnezow, Vorname: Michail, Staatsangehörigkeit: Russe,  Dienstgrad: Soldat, Zivilberuf: Bauer“, so lauten einige knappe Informationen, die auf der Personalkarte eines Kriegsgefangenen vermerkt sind. Auch der Ort der Gefangennahme in Russland und der Vermerk „gesund“ sind auf der Vorderseite des Din A4 Blattes entzifferbar.

Auf der Rückseite sind die sechs Kommandos, also die Stationen der deutschen Gefangenschaft des Russen Michail Kusnezow in unterschiedlichen Handschriften aufgelistet, beginnend mit Deblin am 6. Juni 1942, auch das „Zwischenlager Bergen Belsen“ am 23. Juni 1944 wird erwähnt. Die Liste endet am 21. Januar 1945 mit dem nüchternen Eintrag „Auf der Flucht erschossen“ – nur etwa drei Monate vor Kriegsende. Wenige Zeilen und Worte, hinter denen das jahrelange Leid eines Kriegsgefangenen zur Nazi-Zeit steckt.

Vor seinem Tod war Michail Kusnezow in Klein Bülten stationiert – auch das geht aus seiner Personalkarte hervor. Und hier wurde er auch beerdigt: Er und fünf weitere russische Kriegsgefangene sind auf dem Bültener Friedhof begraben – ein Grabstein steht am westlichen Rand des Bültener Gottesackers.

Bereits vor fast drei Jahren hatten Mitglieder des örtlichen Heimat- und Bergbauvereins, Helfer sowie Politiker des Ortsrates das Grab der russischen Zwangsarbeiter saniert. „Es war total verwahrlost und die Buchstaben ganz verblasst“, erzählt der Vereinsvorsitzende Heinz Rogalski. „Das konnte so nicht bleiben.“ Mit gesammelten Geld wurde das Grab wieder hergerichtet. „Damals hatte die PAZ darüber berichtet“, so der Bültener. „Und dieser Artikel ist über Umwege der russischen Botschaft in Berlin in die Hände gefallen.“

So kam es, dass Rogalski Mitte vergangen Jahres Post aus Berlin bekam – ein Schreiben mit dem hochoffiziellen Briefkopf „Botschaft der russischen Föderation – Büro für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit.“

In dem Brief wurde der Bültener gebeten, dabei zu helfen, eine „Registerkarte“ für die Kriegsopfer in Bülten zu erstellen – „damit die heute noch lebenden russischen Angehörigen wissen, wo ihre Verstorbenen liegen und auch das Grab besuchen können“, erklärt der Klein Bültener. Fragen zur Abmessung des Grabes, zur genauen Lage auf dem Friedhof, inklusive der Bitte um Foto und Lageplan, Fragen auch zur Art der Grabstätte – Massen- oder Einzelgrab – sollte er per Post beantworten. „Das habe ich alles gemacht, auch wenn es teilweise etwas gedauert hat, bis ich die Daten zusammen hatte“, erzählt Rogalski. Er habe diesen Dienst als Selbstverständlichkeit angesehen – auch viele Deutsche haben ja ihre Vorfahren im Zweiten Weltkrieg verloren und wissen nicht, wo sie ruhen. „Mein eigener Vater ist in Russland vermisst“, sagt der gebürtige Schlesier.

Die Antwort der Botschaft habe ihn dann umso mehr überrascht: „Ich hätte nie gedacht, dass sich die Russen so bedanken“, sagt Rogalski. Denn neben einer freundlichen Postkarte schickte ihm die Botschaft die Farbkopien der Kriegsgefangenen-Personalakten. „Als Heimatforscher habe ich mich darüber natürlich sehr gefreut“, sagt er.

Doch eine Frage treibt ihn um: „Warum wurden gerade diese sechs hier beerdigt? Es waren doch hunderte Kriegsgefangene, die hier während des Krieges in Ilsede schuften mussten“, fragt er. Einen Zusammenhang kann er auch mit Blick auf die Personalkarten nicht erkennen. Denn die handschriftlichen Todesdaten auf der Rückseite variieren. Die meisten starben während der Zwangsarbeit, ein Kriegsgefangener wurde auf der Flucht erschossen. Und auch die Todeszeitpunkte unterscheiden sich deutlich: Die sechs Russen starben zwischen 1942 und 1945.

Die PAZ ging der Sache nach: Insgesamt arbeiteten wohl 587 Kriegsgefangene im Erzbergbau Bülten (siehe Hintergrund). Nach den Recherchen von Manfred Nothnagel, Archivar bei der Gemeinde Ilsede, waren aber unter den Bültener Kriegsgefangenen hauptsächlich Italiener und nur 63 Russen. „Es kann durchaus sein, dass nur sechs von ihnen in Bülten starben, andere dagegen wieder das Arbeitslager wechselten.“

Der Grabstein in Bülten, auf dem alle sechs russischen Gefangenen zusammengefasst sind, stammt aus dem Jahr 1970, sagt Imke Rau vom Friedhofswesen in Ilsede. „Das ergibt sich aus einem Schreiben aus dem gleichen Jahr an den damaligen Regierungspräsidenten, in dem angeregt wird, die sechs Holzkreuze, die dort zu dem Zeitpunkt noch standen, durch einen soliden Grabstein zu ersetzen.“

Offensichtlich wurden die Russen also an ihrer heutigen Grabesstätte auf dem Bültener Friedhof jeweils direkt nach ihrem Tod beerdigt, tippt sie. „Genaue Daten über die Beerdigung und die erstmalige Einrichtung der Gräber haben wir aber auch nicht in den Akten“, sagt sie.

Heinz Rogalski ist deshalb interessiert an weiteren Hinweisen: Wer Informationen über die sechs Bültener Kriegsgefangenen hat, kann sich bei dem Heimatpfleger melden. Rogalski erteilt auch Interessierten Auskünfte, die ebenfalls Grabstätten von Kriegsgefangenen an die russische Botschaft melden wollen.

sip

▶ Heinz Rogalski ist unter der Telefonnummer 05172/7423 zu erreichen. Das Büro für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit ist unter 030/22487580 erreichbar oder per E-mail an bfkg@list.ru.

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Zwischen 1941 und 1945 gerieten weit über 5 Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene kamen dabei um.

Die Faktenlage für das Peiner Land ist unsicher. Ein Standardwerk für Fragen rund um das Thema ist das Buch „Die Geschichte der Ilseder Hütte“ von Wilhelm Treue, aus dem folgende Zahlen stammen: Für das Peiner Walzwerk wird als das größtes Unternehmen im Peiner Stadtgebiet die Höchstzahl des Einsatzes an Kriegsgefangenen und Ausländern auf 1212 beziffert. 1944 zählten dazu 428 „Ostarbeiterinnen“, 672 russische und italienische Kriegsgefangene und 48 ausländische Zivilarbeiter – vorwiegend aus Polen und Frankreich. Im Hochofenwerk Ilsede arbeiteten 292 Kriegsgefangene, im Erzbergbau Bülten 587 und in Lengede 261 Gefangene und „Ostarbeiter“. Sechs der größten Industriebetriebe in Peine errichteten ab 1942 spezielle Unterkünfte für zwangsverpflichtete Kräfte.

sip

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