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Kraftwerk: Die Angst vor dem Ungewissen

Mehrum Kraftwerk: Die Angst vor dem Ungewissen

Mehrum. Die Mitarbeiter des Kraftwerks Mehrum haben Angst - vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor allem aber Angst vor der Unsicherheit. Wie und wie lange es weitergeht, weiß momentan niemand (siehe Info). 130 Mitarbeiter wären allein im Kraftwerk Mehrum von der Schließung betroffen - 130 Schicksale.

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Rainer Rettberg-Berkowsky (links) ist Betriebsratsvorsitzender im Kraftwerk Mehrum, Helmut Süß der Pressesprecher des Werks.

Quelle: js

Von Jonas Szemkus

„Bald muss ich hier wohl schon wieder weg“, sagt Johann Fischer. Der 29-Jährige kam vor zwei Jahren als Kraftwerker nach Mehrum - weil das Werk, bei dem er damals arbeitete, kurz vor der Schließung stand. „Und jetzt ist hier praktisch eine ähnliche Situation. Wenn es noch bis 2023 offen bleibt, wäre das ja schon mal gut. Für die Rente reicht das aber auf keinen Fall. Das ist schon Stress“, sagt der junge Mann.

Sein Arbeitskollege Martin Dettmer hat mehr Arbeitsjahre auf dem Buckel. „Seit das Werk 1979 aufgemacht wurde, arbeite ich hier“, sagt der 53-Jährige. Ob er Angst um seinen Job habe? „Auf jeden Fall, es weiß ja niemand, was mit den konventionellen Kraftwerken passiert.“ Die Ungewissheit lähmt. Fühlt er sich von der Politik ernst genommen? „Kein Stück. Die Politiker sagen immer nur ‚Ja ja‘, aber letztlich tun sie trotzdem nichts.“ Den Umstieg hin zur regenerativen Energie findet Dettmer richtig. „Aber so wie das jetzt im Moment läuft, ist das ein Schnellschuss.“ Es fehle zum Beispiel an richtigen Speichermethoden für Solar- und Windstrom. „Solange wie das nicht gelöst ist, wird man konventionelle Kraftwerke immer brauchen. Die Sonne scheint nunmal nicht immer. Im Moment wird so was aber ignoriert.“ Ökologische Ideologie ist gut - aber zu jedem Preis?

In diese Kerbe schlägt auch Helmut Süß. Er arbeitet selbst seit 1979 im Werk, ist mittlerweile Pressesprecher. „Es fehlt mir eine Energiekonzeption, die den Übergang hin zur regenerativen Versorgung begleitet.“ Und: „Wir reden hier nicht nur über Mehrum, über die Mitarbeiter oder über das Kraftwerk. Wir reden bei den Veränderungen auch über die Netzsicherheit in Europa.“ Er habe „mittlerweile wirklich Angst, dass es in naher Zukunft mal einen Schwarzfall, einen sogenannten Blackout, gibt.“ Es sei auf kurz oder lang eben nicht mehr nur Gedankenspiel, dass der Strom wegbleibe, weil die Sonne nicht scheint, der Wind nicht bläst und konventionelle Kraftwerke der Vergangenheit angehören: Schon jetzt gehen die Investitionen ins Kraftwerk Mehrum immer weiter zurück. Wurde früher noch vorbeugend investiert, wird mittlerweile meist nur getauscht, was schon kaputt ist. „Das tut uns an der Seele weh“, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Werkes, Rainer Rettberg-Berkowsky. Die Identifikation mit dem eigenen Unternehmen sei so wichtig, leide aber für viele Kraftwerks-Mitarbeiter unter der Situation.

Jan Walkling ist 23 Jahre alt. Seit 2007, also seit er 16 war, ist er Teil der Mehrumer Belegschaft. Seine Ausbildung machte er zum Elektroniker. „Natürlich mache ich mir Gedanken um meinen Job“, sagt Walkling. „Wenn man noch jung ist, gerade sesshaft geworden, und dann hört man von dieser Situation, dass jetzt auf einmal ein Ende vor 2023 im Gespräch ist, das ist alles andere als schön.“ Einer Utopie gibt Walkling sich nicht hin. Er weiß, dass das Werk früher oder später schließt. Doch er will - wie die Mehrheit seiner Kollegen - vor allem eins: Klarheit. „Es reicht mit den ‚könnte‘ und ‚hätte‘ aus der Politik. Ich denke, Kohlekraftwerke werden noch länger gebraucht und die aktuelle Strompolitik ist nicht zu halten. Das ist im Moment ein wirres Hin und Her. Vor allem will ich, dass die Politiker endlich mal klar sagen, was Sache ist, was gebraucht wird und wie lange“ - dann wissen die Mehrumer Kraftwerks-Mitarbeiter wenigstens, woran sie sind.

Info - Der offene Brief der Belegschaft:

Die 130 Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze, Ende Juli wandte sich der Betriebsrat des Kraftwerks Mehrum deshalb an die Öffentlichkeit: Im Rahmen der Energiewende wünscht sich die Belegschaft mehr Unterstützung, damit konventionelle Energiegewinnung nicht früher ins Abseits gestellt wird als nötig. „Eine Welt, die ihre Energieversorgung ohne jegliche Umweltbelastung bereitstellt, wäre zwar der Idealfall“, heißt es da – allerdings derzeit technisch und finanziell nicht möglich. Die Zukunft des Mehrumer Kraftwerks steht fest: Bis 2023 soll es am Netz bleiben – und nur dann länger, wenn erhebliche Investitionen der Betreiber (Stadtwerke Hannover und Stadtwerke Braunschweig) folgen. Doch große Investitionen bleiben laut den Kraftwerks-Mitarbeitern schon jetzt aus. Deshalb geht die Angst um, dass das Kohlekraftwerk Mehrum schon früher als bisher geplant schließt.

js

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