Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Über Warschau in den Westen

Wipshausen Über Warschau in den Westen

Sie wollten weg, einfach nur weg. Und die letzte Chance zur Flucht aus der DDR war für Josef und Theresa Herrmann die Deutsche Botschaft in Warschau. Am 6. Oktober 1989, also vor genau 20 Jahren, packten sie ihre beiden kleinen Kinder und ein wenig Gepäck in den 20 Jahre alten Trabant und fuhren los.

Voriger Artikel
Aus einer Vision wird Wirklichkeit
Nächster Artikel
Gradeste Furche auf schwerem Boden

Kurz nach ihrer Ankunft in Westdeutschland ließen die Herrmanns ein Familienfoto machen.

Quelle: privat

Edemissen-Wipshausen . „Wir dachten, es ist ein Abschied ohne Wiedersehen“, erinnert sich Josef Herrmann an den Tag, als er als 29-Jähriger mit seiner 24-jährigen Frau und den beiden kleinen Söhnen ihren Wohnort Ost-Berlin in Richtung Polen verließ, um der DDR für immer den Rücken zu kehren.

„Wir hatten einen Reiseantrag nach Polen gestellt mit der Absicht, in die Deutsche Botschaft in Warschau zu gelangen und von dort aus in den Westen auszureisen. Vorsichtshalber haben wir uns nicht für den Weg über die damalige

Tschechoslowakei entschieden. Wir hatten – zu Recht, wie sich herausstellte – die Befürchtung, dass dieser Weg versperrt ist, bevor wir dort sind“, sagt Herrmann. Und auch für die Ausreise über Polen drängte die Zeit, denn es sei zu befürchten gewesen, dass nach dem 7. Oktober, dem Tag der Republik, die Bedingungen wieder verschärft werden würden.
Eigene Eltern ahnten nichts

Niemand wusste von den Ausreiseplänen, nicht einmal die eigenen Eltern ahnten, dass die jungen Eheleute sich mit dem Gedanken trugen, die DDR zu verlassen. „Nur mein Bruder war eingeweiht. Bei ihm haben wir auch alles deponiert, was wir später brauchen würden und nicht mitnehmen wollten, Zeugnisse zum Beispiel“, sagt der 49-Jährige.

Die Angst, entdeckt zu werden, war so groß, dass er keine Unterlagen mitnehmen wollte, die man nicht für einen gewöhnlichen Urlaub benötigt. „Wie sollten wir auch erklären, warum wir unsere Arbeitszeugnisse oder auch Alben mit Familienfotos dabei haben, wenn wir gefilzt worden wären?“

Auch in anderer Hinsicht waren die Herrmanns extrem vorsichtig. „Unseren Nachbarn konnten wir nicht trauen. Deshalb haben wir dort erzählt, dass meine Frau mit den Kindern zu ihren Eltern fährt. Sie ist auch allein vor der Tür gestartet, ich habe mich von ihnen verabschiedet. Dann bin ich zu Fuß einige Straßen weiter gegangen, wo meine Frau mich abgeholt hat“, erklärt Herrmann die Strategie, die aufgegangen ist.

Die Ausreise selbst war weit weniger spektakulär, als es die Fernseh-Bilder aus Prag, wo Kinder über den Botschafts-Zaun gehoben wurden und wo der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher seine unvollendete historische Rede gehalten hat, vermuten lassen. Herrmann sagt: „Wir konnten einfach aufs Gelände gelangen und schon nach einer Nacht in die Bundesrepublik ausreisen.“

Zunächst ging es in eine Notunterkunft, aber die Hilfe und Unterstützung seien groß gewesen. Bald konnte die Familie in eine eigene Wohnung ziehen und auch die Söhne Markus, damals vier Jahre alt, und Patrick, ein Baby von 18 Monaten, kamen wieder zur Ruhe. Die Eheleute fanden bald Arbeit in ihren Berufen als Busfahrer und Krankenschwester und haben sich nach einigen Jahren in Wipshausen ein Haus gekauft.

„Wir haben im Leben nicht gedacht, dass die Grenze so bald ganz geöffnet sein würde. Wenn wir das geahnt hätten, wären wir nicht ausgereist“, betont Herrmann. Aber natürlich war die Freude riesig, als sie schon nach wenigen Wochen ihre Eltern wiedersehen konnten.

Liebe PAZ-Leser, sind auch Sie vor 20 Jahren aus der DDR geflüchtet oder kennen Sie jemanden, der geflohen ist? Dann schreiben Sie eine E-Mail an t.kroeger@paz-online.de.

wos

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Edemissen

Lesen Sie alles rund um das traditionsreiche Peiner Fest. mehr

157d6b0e-8102-11e7-8a9d-ecf16cf845db
„Begehbare Kunst!“: Impressionen von der Vernissage

In seinem Atelier 53 in Groß Ilsede interpretiert Fritz Lutz mit Teppichstücken Werke namhafter Künstler.

Veranstaltungen

Welche Veranstaltungen und Termine gibt es im Peiner Land? In unserer Datenbank finden Sie alle Infos. mehr

Sudoku

Das Zahlenrätsel Sudoku in verschiedenen Schwierigkeitsgraden

Kinoprogramm

Jeden Donnerstag neu: alle Filmstarts in Peine und Umgebung