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Publikum feierte „seinen“ Gerhard Gieseking

Edemissen Publikum feierte „seinen“ Gerhard Gieseking

Edemissen. Manchmal wirken Balladen lustig wie ein Bauerntheater, gelegentlich jugendgefährdend brutal, aber auch bis an die Grenze des Erträglichen weise und ehrenvoll. Am Freitag standen diese besonderen Gedichte im Mittelpunkt des vom Heimat- und Archivverein veranstalteten Literaturabends.

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Gerhard Gieseking (l.) war beim Balladenabend im Wipperhof in seinem Element.

Quelle: Isabell Massel

Vor zwölf Jahren hatten Gerhard Gieseking und seine Vortrags-Riege ihrem Publikum zum ersten Mal einen Balladen-Abend beschert. Bis jetzt hat der Meister das Repertoire mit 14 weiteren Literaturprogrammen angedickt. Weitere sollen allerdings zumindest aus Giesekings Schaffenslust nicht mehr folgen.

Sozusagen „um den Kreis nun zu schließen“ hatte die 87-jährige Literatur-Koryphäe mit Ilse Schulz und Marlies Havekost nochmals zu diesem Cocktail aus Deutschstunde und Erzähl-Theater eingeladen.

So scharte sich einmal mehr das Publikum im ausverkauften Wipperhof um das Vortrags-Team, als es um Handschuh werfende Damen, konsequente Ritter, sturztrunkene Könige, kreative Auszubildende und um Folter und Mord ging.

Serviert wurden hochprozentig gefüllte Pralinees in Balladenform, für die Jahrhunderte konserviert von der Creme brulee der deutschen Dichterschaft um Goethe, Heine, Schiller und Kollegen, heute allerdings überwiegend bekennenden Bücherwürmern oder Absolventen von Deutsch-Leistungskursen näher vertraut. In Edemissen scheint sich das allerdings geändert zu haben, denn der Wiedererkennungswert mancher Zeilen bewies sich an gelegentlichem Mitmurmeln im Parkett.

Nun müssen Balladen sozusagen gleich zweimal zergehen wie Butter in der heißen Pfanne: sowohl auf der Zunge des Rezitators als auch gleichzeitig im geistigen Empfangszentrum des Zuhörers. Das lesende Trio gewann die gebannte Aufmerksamkeit des Publikums.

Goethes „Fischer“ der „vom feuchten Weibe“ halb gezogen, halb dahinsinkend ihr verfällt, der Erlkönig oder Schillers „Handschuhballade“ gelten ja noch als leichte Kost.

Aber auch die sprachliche Kunstfertigkeit in der unheimlichen „Vergeltung“ von Annette von Droste-Hülshoff, der brutalen Folter- und Rachegeschichte über „die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer nimmt das Publikum bereitwillig und konzentriert auf. Leidet mit Mutter Randers, als auch noch ihr letzter vom Meer verschonter Sohn Schiffbrüchigen zur Hilfe kommen will, amüsiert sich aber auch über „unerwarteten Besuch“ bei Eugen Roth und bedauert, dass ausgerechnet ein Frauenzimmer aus Köln die fleißigen Heinzelmännchen für immer vergrault hat.

Als versierter musikalischer Unterhalter erwies sich am Klavier Malte Klingenberg, der mit schmissigen Interpretationen beispielsweise vom „Dritten Mann“ oder „Heinzelmännchens Wachparade“ die Gunst des Publikums befeuerte, bis es zum Schluss „seinen“ Gerhard Gieseking nebst Rezitatorinnen im Stehen feierte.

Ganz von der Vortragsbühne verabschieden wollte sich der sichtlich gerührte Gieseking übrigens an diesem Abend nicht - nur neue Programme möge er nicht mehr entwickeln. Warten wir es ab…

uj

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