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16:46 30.08.2018
Zur Person: Helmut Nowak ist Coach und Lehrer für Achtsamkeit und Stressbewältigung und schildert hier regelmäßig, wie man lernt, bewusster zu leben. Quelle: privat
Hannover

Ich muss noch die Wäsche bügeln“, „Ich muss noch das Bad putzen“, „Ich muss mich noch auf die Prüfung vorbereiten“. Ob es so oder so ähnlich auf unserer To-do-Liste steht oder wie ein Mantra in unserem Kopf herumschwirrt – die Aufgaben warten auf Erledigung. Und in emotionaler Hinsicht ist dieses selbst verordnete Pflichtprogramm meist belegt mit einer gewissen Schwere und Unlust, verbunden mit der Tendenz, aufgeschoben zu werden. Dann wird es irgendwann freudlos erledigt.

Das scheint in gewisser Weise paradox. Denn jede Entscheidung oder Handlung für oder gegen etwas ist subjektiv immer die Beste – zum Zeitpunkt der Entscheidung. Das bedeutet, dass der Entschluss in optimaler Weise zu unserem Wohlergehen beiträgt. Denn wer würde schon bewusst die zweitbeste Alternative wählen?

Die Beziehung zwischen Gefühlen und Bedürfnissen

Wohlergehen bedeutet, dass man angenehme Gefühle hat. Wann hat man angenehme Gefühle? Nun, wenn das, was man macht, dazu beiträgt, im Mangel befindliche Bedürfnisse zu nähren. Denn das ist die Beziehung zwischen Gefühlen und Bedürfnissen: Unangenehme Gefühle weisen auf unerfüllte Bedürfnisse und angenehme Gefühle auf erfüllte Bedürfnisse hin. Was aber sind Bedürfnisse? Auf der körperlichen Ebene alles, was man zum Leben braucht, beispielsweise Nahrung, Schlaf, Schutz. Auf der psychischen oder emotionalen Ebene wäre unter anderem zu nennen: Verbindung zu anderen Menschen, Entwicklung und Wachstum, Struktur und Ordnung, Beitragen zum Wohlergehen anderer, Klarheit und vieles mehr.

Jetzt können wir uns der Frage zuwenden, durch welche Sichtweise es gelingen kann, aus dieser Haltung des Müssens herauszutreten, also nicht mehr müssen zu müssen.

Dazu lade ich Sie ein, sich ein paar Aktivitäten vorzustellen oder aufzuschreiben, die mit dem Etikett „Ich muss“ belegt sind. Ausgenommen sind „Ich muss sterben“ und „Ich muss aufs Klo“. Denn auf das Erste haben wir keinen Einfluss und auf das Zweite nur einen sehr bedingten.

So schmilzt der innere Widerstand

Anschließend versuchen Sie doch mal für jede notierte Aktivität zu erspüren, welches Bedürfnis Sie wohl mit der Erledigung nähren würden. Beispiel: Das Bad zu putzen, erfüllt das Bedürfnis nach Hygiene und Sauberkeit. Eine Prüfungsvorbereitung erfüllt beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit. Zugegeben, es ist nicht immer ganz einfach, korrespondierende Bedürfnisse zu finden. Darin sind wir einfach nicht geübt. Aber es lohnt sich. Denn dann kann man umformulieren: statt „Ich muss“ in „Ich möchte … um mir das Bedürfnis nach … zu erfüllen“. Es lohnt sich, dieses gedankliche Umschalten zu versuchen. Die bislang mit Schwere beladenen „Ich muss“-Aktivitäten werden zu leichten „Ich möchte“-Aktivitäten. Wenn mir also das Bedürfnis hinter meiner Handlungsintention klar wird und ich mir vergegenwärtige, dass erfüllte Bedürfnisse ein angenehmes Gefühl zur Folge haben, schmilzt der innere Widerstand.

Ergänzend dazu noch ein weiterer Aspekt: Wenn meine Handlung immer das Beste für mich im jeweiligen Moment beinhaltet, dann ist es inspirierend, diese auch mit Lust und Freude auszuführen.

Mit dem Klagen aufhören

Weiter gedacht, führen uns obige Überlegungen zu der befreienden Einsicht, dass wir eigentlich keine subjektiven Fehler machen, beziehungsweise keine „falschen“ Entscheidungen treffen. Wohlgemerkt, das bezieht sich auf den Augenblick des jeweils getroffenen Entschlusses. Natürlich kommt man später eventuell zu neuen Erkenntnissen, Erfahrungen und Einsichten. Hätte man diese eher gehabt, dann hätte man vielleicht anders entschieden oder gehandelt. Doch in die Zukunft blicken kann schließlich niemand, ebenso wenig wie man das Rad der Zeit zurückdrehen kann.

Daher ist es nicht sinnvoll, sich seine Entscheidungen zu verübeln. Und außerdem: Wer sagt denn, dass eine andere Entscheidung womöglich auch eine bessere gewesen wäre? Denn das Leben wäre ja dann in völlig anderen Bahnen verlaufen. Und was einen dabei erwartet hätte, werden wir nie erfahren. Also können wir zukünftig aufhören, wegen eines vermeintlich falschen Entschlusses im Nachhinein zu klagen, wenn der Gedanke auftaucht: „Hätte ich nur ...“

Der Autor ist zu erreichen unter
www.achtsamkeit-und-co.de

Von Helmut Nowak

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