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Wissen Film Elternschule: „Es gibt ein grundsätzliches Missverständnis“
Nachrichten Wissen Film Elternschule: „Es gibt ein grundsätzliches Missverständnis“
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18:47 22.10.2018
Szene aus dem Film Elternschule Quelle: Mindjazz
Hannover

Für den Film „Elternschule“ hatte ein Kamerateam mehrere Familien in der Jugend- und Kinderklinik Gelsenkirchen begleitet. Der Dokumentarfilm läuft derzeit in ausgewählten Kinos. Im Fokus der Kritik stehen vor allem die gezeigten autoritären Erziehungsmethoden. Ein Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Professor Jörg Fegert.

Professor Jörg Fegert, der Ärztliche Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Quelle: dp

Herr Professor Fegert, Sie haben sich die Dokumentation „Elternschule“ angesehen. Was ist Ihr Eindruck?

Ich habe ihn gesehen, nachdem ich viele besorgte Anfragen von Ärzten und Eltern erhalten hatte – ich war also schon beeinflusst. Mein Eindruck ist, dass es ein grundsätzliches Missverständnis in der Bewertung des Films und den dort gezeigten Therapie-Methoden gibt.

Worin liegt das Missverständnis?

Das Problem liegt meines Erachtens in der Bezeichnung „Elternschule“. Diese suggeriert: Hier kann ich lernen, wie man ein (Klein-)Kind erzieht. Diese Botschaft ist aber komplett falsch. In dem Film geht es um Kinder mit zum Teil massiven sogenannten Regulationsstörungen, zum Beispiel, Essstörungen, Schlafstörungen und stundenlanges Schreien. Und um Beziehungen von Eltern und Kindern, die soweit entgleist sind, dass

sie sich nicht mehr mit konventionellen Methoden regulieren lassen. Es

geht hier also nicht um die Frage, welche Erziehungsmethode generell empfehlenswert ist.

Kritiker werfen der Klinik „Schwarze Pädagogik“ vor, bei der die Kinder teilweise gewaltsam gezwungen werden, zu funktionieren.

Was ich gesehen habe, hat mit Schwarzer Pädagogik nichts zu tun. Die Therapieinhalte sind lege artis – also entsprechen den Regeln der ärztlichen beziehungsweise psychotherapeutischen Kunst. Aber noch einmal: Voraussetzung ist, dass die Interaktionen im Kontext mit der Schwere der Krankheitsbilder zu sehen sind. Die Methoden sind das letzte Mittel, bevor sich die Kinder massiv selbst schädigen und in Lebensgefahr geraten oder Eltern drohen, die Selbstkontrolle zu verlieren und es zu Misshandlungen kommen könnte. Wenn ich ein magersüchtiges Mädchen behandele, muss ich auch notfalls unter Zwang dafür sorgen, dass es isst, wenn es um Leben und Tod geht. Dafür sind dann in der Regel gerichtliche Entscheidungen erforderlich aber es geht in solchen Situationen nicht immer ohne Druck.

Im Film werden „Kampfbeziehungen“ zwischen Eltern und Kindern gezeigt. Was ist da schief gelaufen?

Vieles lässt sich auf ein verunsichertes Verhalten der Eltern zurückführen. Eltern, die es nicht geschafft haben, Grenzen zu setzen und durchzuhalten. Wenn ich in einen Clinch mit einem Kind trete, darf ich zwischendurch nicht umkippen und das schwierige Verhalten damit fördern. Dazu kommt Vermittlung von Trost und Empathie. Wenn sich etwa ein Kind wund gelegen hat, muss ich Worte für Gefühle finden. Wenn ich diese beiden Grundpfeiler für längere Zeit ignoriere, laufe ich Gefahr, ohnmächtig das eigene Kind sozusagen als kleines „Monster“ wahrzunehmen.

Ist der Aufschrei der Kritiker also nicht nachvollziehbar?

Nicht, wenn man das ganze als Krankenbehandlung sieht – schon, wenn man

das als allgemeine Elternschule oder Erziehungsempfehlung ansieht. Ethisch aber frage ich mich, wie die betroffenen Eltern dem Dreh verantwortungsvoll zustimmen konnten – zumal sie mit den behandelnden Ärzten, auch wenn die Behandlung hilfreich war, in einem Abhängigkeitsverhältnis verbunden sind. Was, wenn die Kinder älter werden und nicht mehr wollen, dass diese negativen Bilder über sie verbreitet werden? Es gibt bessere Beispiele für die Darstellung von Therapie, etwa die jüngste Sendung „Sendung mit der Maus“ zur Kinder- und Jugendpsychiatrischen Behandlung.

Ab wann sollten Eltern sich denn fragen, ob das noch normal ist, wie sich ein Kind verhält?

Das kann nicht kategorisch in einem Interview beantwortet werden. Es wäre aber grundlegend falsch, wenn der Film jungen Eltern suggerierte, aufrüsten zu müssen, weil das Kind die ersten Wochen nicht durchschläft. Wenn Eltern besorgt sind, sollten sie nicht zu lange warten, um Hilfe zu beanspruchen. Sie sollten sich auf jeden Fall Rat holen, bevor Ihnen die Situation über den Kopf wächst.

Werden an Ihrer Klinik ähnliche Methoden wie in Gelsenkirchen angewendet, um Verhaltensstörungen zu behandeln?

Nein, wir arbeiten in dieser Altersgruppe vorrangig mit anderen Methoden. Unsere Kinder-Eltern-Trainings basieren auf Videofeedback, welches versucht, an gefilmten Interaktionen deutlich zu machen, wie man sich in bestimmten Situationen am besten verhält. Etwa, indem man gelingende Momente – die es ja auch immer gibt – positiv hervorhebt.

Von Sonja Fröhlich/RND

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