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Wissen Altruismus bei Kindern: Helfen will gelernt sein!
Nachrichten Wissen Altruismus bei Kindern: Helfen will gelernt sein!
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08:00 04.01.2019
Hilfsbereitschaft ist kein Selbstläufer: Äußere Einflüsse wirken sich schon im frühkindlichen Stadium auf späteres prosoziales Verhalten aus. Quelle: iStockphoto
Hannover

Der zweijährige David sieht seinen Freund weinen. Er versucht, ihn zu trösten, gibt ihm kurzerhand seinen eigenen Teddy. Doch die gute Tat zeigt keine Wirkung. David läuft ins Nebenzimmer, holt den Bären seines Freundes. Mit Erfolg. Der Freund hört auf zu weinen. Eine herzerwärmende Szene – die nicht aus einem Kitschfilm stammt. Sie hat sich vielmehr vor den Augen von Forschern abgespielt, die wissen wollten, ob selbstloses Handeln angeboren ist oder während der ersten Lebensjahre erlernt wird.

Kommen Kinder ohne jegliches moralisches Bewusstsein auf die Welt? Blank wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, regelrecht antisozial?

Kinder helfen gern

Tests von Entwicklungspsychologen zeigen, dass viele Kinder, auch schon im Alter von 14 Monaten, spontan hilfsbereit sind: In einem Experiment etwa spielt ein Kind in einem Teil des Labors, während der Versuchsleiter in einem anderen Teil Wäscheklammern so auf den Boden fallen lässt, dass er sie nicht erreichen kann. Beim Greifen blickt er das Kind an und ruft verzweifelt: „Meine Klammern!“ Er bittet das Kind nicht direkt um Unterstützung, dennoch kommen Kinder dem Erwachsenen in diesem vielfach durchgeführten Test meist zu Hilfe. Kinder scheinen demnach schon sehr früh zu altruistischem Handeln fähig zu sein. Sie teilen meist auch bereitwillig, und sie sind gut darin, andere zu trösten.

Ein Produkt der Evolution

„Besonders interessant dabei ist“, sagt die Psychologin Anne Böckler-Raettig von der Universität Würzburg, „dass die Kinder relativ spontan helfen, ohne Aufforderung.“ Sie unterbrechen sogar ihr Spiel oder krabbeln um Hindernisse herum. „Damit erfüllt das Verhalten der Kinder die Kriterien für prosoziales Verhalten, das einen selbst etwas kostet und anderen nützt.“ Noch ist allerdings nicht geklärt, ob die Kinder tatsächlich schon von Geburt an hilfsbereit sind, oder ob sie durch soziales Lernen in den ersten Lebensmonaten darauf gepolt wurden.

Der Psychologe Felix Warneken von der University of Michigan ist sich sicher, dass die Hilfsbereitschaft von Kindern bereits mit der Geburt angelegt ist. „Die alte Sichtweise eines rein egoistischen Kindes, welches erst durch Sozialisation umprogrammiert werden muss, bevor es sich um andere kümmert, muss revidiert werden“, fordert er. Kleinkinder legten selbstloses Verhalten an den Tag, bevor sie ein komplexes Moralsystem erworben hätten.

Das lege schließlich auch ein Blick in die Tierwelt nahe. „Menschenaffen zeigen Hilfeverhalten ohne den Erwerb von moralischen Werten oder Sozialisationsbemühungen, die für Menschen typisch sind“, argumentiert Warneken. Das belege, dass altruistisches Verhalten nicht allein auf Sozialisation zurückgehe. Viele Forscher gehen wie Warneken mittlerweile davon aus, dass Altruismus sogar ein Produkt der Evolution ist. Das Überleben der Spezies Mensch hing demnach davon ab, dass Individuen einander zu Hilfe kamen. Diejenigen, die nicht zur Kooperation bereit waren, wurden von der Gruppe schlechter akzeptiert. Auf sich alleine gestellt aber war es schwerer, zu überleben und sich fortzupflanzen.

Doch trotz aufschlussreicher Tests und schlüssiger Argumente lässt sich diese These nicht so einfach belegen. Man kann Kinder im vorsprachlichen Alter schließlich nicht fragen, was ihre Motivation für ihr Handeln ist. Ihr scheinbar uneigennütziges Verhalten könnte sich auch anders erklären lassen: „Es wird kontrovers diskutiert, ob es ihnen beim Helfen wirklich um das Wohl des anderen geht“, sagt Böckler-Raettig. Schließlich könne dahinter auch eine generelle Form von sozialer Aufmerksamkeit stecken. „Es könnte beispielsweise sein, dass Kinder einem Erwachsenen, meist dem Studienleiter, helfen, weil sie sich ihm annähern wollen“, argumentiert die Psychologin. Dafür, dass nicht der Wunsch, anderen zu helfen, hinter dem Tun der Kinder stecke, spreche auch die Beobachtung, dass Kinder selektiv altruistisch sind: Manchen Menschen helfen sie und anderen nicht.

Bei Affen haben Flegel ein gutes Image!

Bereits Säuglinge können in Tests hilfsbereite von egoistischen Zeitgenossen unterscheiden und bevorzugen erstere. Solche Studien nahmen Wissenschaftler als Anstoß für die Frage, ob das auch in der Tierwelt verbreitet ist. Anthropologen von der Duke University in Durham untersuchten dafür das Verhalten von Zwergschimpansen (Bonobos), indem sie den Tieren Trickfilme zeigten, in denen eine Figur einer anderen in einer misslichen Lage half oder sie ärgerte. Danach boten die Wissenschaftler den Bonobos Apfelstücke an, auf denen jeweils das Abbild des Helfers oder des Flegels klebte. Das Ergebnis: Die Affen bevorzugten mehrheitlich den Flegel. Die Forscher vermuten, dass Bonobos Grobheit als Zeichen von Dominanz und damit von hohem sozialen Status interpretieren.

Moral entsteht unter äußerem Einfluss

Auch die Psychologin Karen Wynn von der Yale University zweifelt daran, dass Kindern tatsächlich Hilfsbereitschaft in die Wiege gelegt wird. „Bevor Kinder ungefähr vier Jahre alt sind, zeigen sie wenig spontane Freundlichkeit gegenüber Fremden“, schreibt sie in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit. Beim Wäscheklammertest etwa treffen die Kinder meistens in einer Aufwärmrunde den Versuchsleiter. Dieses Treffen macht einen entscheidenden Unterschied: In einer Studie hatten der Versuchsleiter und die Kinder beim Aufwärmen einen Ball zwischen sich hin und her gerollt. Anschließend waren die Kinder sehr hilfsbereit. Wurden sie von dem Erwachsenen nur freundlich begrüßt, sank das Ausmaß der Hilfe um rund die Hälfte. Wynn glaubt, dass Kinder einem wirklich Fremden kaum oder gar nicht helfen würden. Es existiere von Geburt an vielleicht die Voraussetzung für Hilfsbereitschaft – ein Selbstläufer sei sie aber nicht. „Vieles von dem, was am beeindruckendsten an der Moral Erwachsener ist, erwächst nicht aus angeborenen Eigenschaften.“ Es entstehe erst unter dem Einfluss der Kultur.

Fähigkeit zu Mitgefühl zählt

Aber warum ist prosoziales Verhalten bei einem Menschen extrem ausgeprägt – und bei anderen kaum zu finden? Anne Böckler-Raettig geht davon aus, dass frühe Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen. Ob ein Kind sicher an seine Bezugsperson gebunden sei oder nicht, beeinflusse, wie es sich später in sozialen Situationen verhalte, sagt Anne Böckler-Raettig. „Und schon im zweiten Lebensjahr beeinflussen die Werte- und Gerechtigkeitsvorstellungen der Eltern, wie sehr Kinder etwa prosoziales Verhalten von anderen bevorzugen.“

Der Neuropsychologe Tobias Grossmann und sein Team vom Max-Planck- Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben noch eine andere Möglichkeit für Altruismus entdeckt: Sie beobachteten, wie Babys im Alter von sieben Monaten auf Gesichter reagierten. Sieben Monate später untersuchten sie, wie prosozial die Kinder waren – der Versuchsleiter ließ einen Stift fallen und wartete, ob das Kleinkind den Stift für ihn aufheben würde. Die Kinder, die im Alter von sieben Monaten sensibler auf ängstliche Gesichter reagiert hatten, waren mit 14 Monaten eher hilfsbereit.

Vielleicht sei die frühe Fähigkeit zu Mitgefühl ein Wegbereiter für prosoziales Verhalten, schlussfolgerten die Forscher.

Von Christian Wolf / RND

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