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Wirtschaft Bahlsen: „Wir leben zum Teil noch hinterm Mond“
Nachrichten Wirtschaft Bahlsen: „Wir leben zum Teil noch hinterm Mond“
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00:15 24.10.2017
Werner M. Bahlsen Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Herr Bahlsen, Sie haben eine beeindruckende Zahl von Ämtern. Sie führen Ihr Unternehmen, Sie sind Präsident der niedersächsischen Unternehmerverbände UVN und des Wirtschaftsrats der CDU, Sie sitzen im CDU-Bundesvorstand und im Präsidium des BDI. Wie teilen Sie Ihre Zeit auf?

Ich habe überall zu wenig davon (lacht). Im Ernst: Rund 75 Prozent setze ich für das Unternehmen ein. Ich habe die Verantwortung für viele Mitarbeiter. Das macht man nicht nebenher.

Als UVN-Präsident vertreten Sie die niedersächsischen Arbeitgeber gegenüber der Politik. Was sagen Sie zum Wahlergebnis?

Für die CDU ist das Ergebnis sicher ein bisschen enttäuschend, für die SPD ein guter Erfolg. Ich denke, das hat viel mit Stephan Weil zu tun. Er hat eine gute Reputation und überzeugt als Person. Das gilt aber auch für Bernd Althusmann.

Was fordern Sie nun von den Parteien?

Dass wir zügig zu einer Regierung kommen, die die Bedürfnisse des Landes ernst nimmt und schnell abarbeitet. Minister müssen dem Gemeinwohl dienen und brauchen Demut vor dieser Aufgabe. Das würde ich sowohl Stephan Weil wie Bernd Althusmann unterstellen, weil ich beide als bodenständig kennengelernt habe. Es gibt andere Politiker, denen unterstelle ich das nicht.

Wen meinen Sie?

Die Grünen. Sie haben Fortschritt verhindert, Straßenbau unterbunden. Sie versuchen vorne und hinten, uns Dinge zu verbieten. Nein, ich will mir nichts verbieten lassen. Der Staat soll einen Rahmen schaffen und die Unternehmen machen lassen. Wenn einer Arbeitsplätze schafft, dann die Unternehmen.

Die Grünen sind nach heutigem Stand außen vor. Die unternehmerfreundliche FDP auch. Wie bewerten Sie deren Absage an eine Ampel-Koalition?

Die FDP hat einen geraden Wahlkampf gemacht. Sie haben sich vor der Wahl auf Positionen festgelegt. Herr Birkner hat gesagt, das gilt auch nach der Wahl. Da kann man nicht meckern.

Die Große Koalition in Berlin wurde von der Wirtschaft hart kritisiert. Erwarten Sie von ihr in Niedersachsen bessere Politik?

Ich habe schon einige Koalitionen erlebt. Man muss jetzt pragmatisch über Projekte sprechen. Wir brauchen zügig Mittel und Planungskapazitäten für Autobahnen und Straßen. Es gibt Brücken, zum Beispiel an der Hildesheimer Straße, über die können keine schweren Lastwagen mehr fahren, wie in einem Entwicklungsland. Wir kommen mit dem Breitbandausbau nicht in die Puschen. Und wir brauchen in der Bildung eine ganz andere Nummer.

Was lief falsch in der Bildungspolitik?

Das Hin und Her zwischen G 8 und G 9 hat der Qualität mit Sicherheit nicht geholfen. Jetzt haben wir G 9, aber stellen fest, dass ein paar Hundert Lehrer fehlen. Die Leidtragenden sind die Kinder. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder die bestmögliche Bildung erhalten - und wir müssen sie nach Kräften unterstützen. Das hat etwas mit Wertschätzung für unsere Kinder zu tun. Viele Schulen sind in miserablem Zustand. Bei der Ausstattung mit Tablets leben wir zum Teil noch hinter dem Mond.

Die Wirtschaft legt höchsten Wert auf Investitionen in Bildung und Infrastruktur, fordert aber gleichzeitig, keine neuen Schulden zu machen und Altschulden abzubauen. Liegt darin nicht ein Widerspruch?

Die Einnahmen sprudeln. Man muss sich nur überlegen, wofür man das Geld ausgeben will. Rot-Grün hat die Studiengebühren von 500 Euro abgeschafft. 110 Millionen, die plötzlich weg waren. Den Universitäten wurden die 110 Millionen ersetzt. Dann gab es eine Sparrunde in allen Ressorts, auch im Sozialen und der Bildung. Unsinn. Warum zum Beispiel sollten meine Kinder, wenn sie hier studieren würden, keine Gebühren zahlen? Stattdessen sollte man lieber den 20 Prozent, die bedürftig sind, Stipendien geben.

Immerhin hat Rot-Grün als erste Landesregierung einen Haushalt ohne Neuverschuldung beschlossen. Ist das nicht ein Beleg für solides Wirtschaften?

Das kann man so sagen. Aber man kann auch sagen, dass die Schuldenbremse, die 2020 wirkt, die Vernunft erzwungen hat.

Wie wirkt sich die Wirtschaftspolitik auf Ihr eigenes Unternehmen aus?

Genehmigungen dauern lange und sind bürokratisch. Außerdem finden wir zu wenig Fachkräfte. Zum Teil fehlen Ingenieure, zum Teil Facharbeiter, die einen Ofen fahren. Natürlich mildert man den Fachkräftemangel nicht innerhalb einer Legislaturperiode. Aber wir müssen jetzt die Weichen stellen für die nächsten Jahrzehnte. Die IHK, wir Unternehmen und der Staat müssen enger kooperieren. Ich hoffe auch, dass der Bund sich zu einem Zuwanderungsgesetz durchringt. Wir müssen auch Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen.

Zur Person

Als Präsident des Spitzenverbands UVN ist Werner M. Bahlsen (68) sozusagen der Klassensprecher der niedersächsischen Unternehmer. Hauptamtlich führt er sein Familienunternehmen Bahlsen mit weltweit 2700  Mitarbeitern und über 550 Millionen Euro Jahresumsatz (2016). Der Enkel des Gründers Hermann Bahlsen ging in Hannover zur Schule, machte in Göttingen eine Konditor-Ausbildung, studierte in der Schweiz und fing 1975 in der Firma an. Er wirbt für die flexiblen, familienfreundlichen Arbeitszeiten bei Bahlsen, die modernen, hellen Büros. Gleichzeitig betont er, dass er von seinen Mitarbeitern viel Eigeninitiative verlangt. In Berlin berät er den CDU-Bundesvorstand.

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