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10:43 02.03.2017
Am Donnersteg legt der Paritätische Wohlfahrtsverband den Armutsbericht 2017 vor. Quelle: imago
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Potsdam

Anna Schilling und ihr Mann Klaus hatten eigentlich vorgesorgt. Insgesamt 10.000 Euro lagen auf dem Sparbuch. „Für den Tag, wo wir nicht mehr sind“, wie Anna Schilling sagt. Für eine anständige Beerdigung, einen ordentlichen Sarg. Um den Kindern, Enkeln und Urenkeln nicht zur Last zu fallen. „Jetzt aber wird es nur die dünne Holzkiste“, sagt Klaus Schilling und nimmt einen Schluck aus seiner Flasche Radeberger. Jeden Monat muss Ehefrau Anna etwas von dem Sparbuch abheben, weil ihre Miete und sein Pflegeheimplatz nahezu die gesamte gemeinsame Rente aufzehren. 67 Euro bleiben ihr noch zum Leben. Bevor das Sozialamt einspringt, muss das Sparbuch geplündert sein, bis auf 1600 Euro.

Neben Anna Schilling sitzt ihre Freundin Elfriede Goldmann. Geldsorgen hat sie nicht mehr. Sie zahlt zwar eine hohe Miete für das betreute Wohnen im „Havelpalais“, demselben Seniorenheim, in dem Klaus Schilling untergebracht ist. Aber sie kann es sich leisten, viermal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Ihr Mann ist gestorben, Elfriede Goldmann bezieht neben ihrer Rente noch Witwenrente. Seit sie alleine ist, kommt sie zumindest finanziell gut über die Runden.

Kaum etwas unterscheidet die Biografien

Anna Schilling und Elfriede Goldmann leben nicht in unterschiedlichen Welten. Sie wohnen im bürgerlichen Potsdam zwischen Plattenbau und Weltkulturerbe. Sie treffen sich jeden Freitag beim Seniorenkaffee der Volkssolidarität in Sichtweite der Havel. Klaus Schilling trinkt sein Radeberger, die Damen um ihn herum nehmen Filterkaffee. Sie alle sind weit über 80, haben Kinder, Enkel, Urenkel. Sie haben gearbeitet, mal Teilzeit, mal voll. In der DDR, die ihr Berufsleben prägte, gab es keine allzu großen Lohnunterschiede. Und als die Bundesrepublik kam, waren sie schon kurz vor dem Rentenalter. Kaum etwas unterscheidet die Biografien dieser Senioren. Doch am Ende ihrer Wege muss die eine jeden Cent umdrehen, während die andere finanziell sorgenfrei ist.

Hat Merkel recht – oder Schulz?

Zwei Frauen. Zwei Leben. Zwei Wahrheiten. Aber ein Deutschland. Und eine Frage: Wie geht es diesem Land denn nun? Und vor allem: Wie geht es seinen Menschen?

Mit Wucht ist diese Debatte zu Beginn des Wahljahres wieder aufgekommen. Wie keine andere berührt sie den Kern des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie polarisiert. Und sie kann bei der Bundestagswahl im Herbst entscheidend sein. Es geht jetzt um das Existenzielle. Um Ausgrenzung. Um Teilhabe. Und um die Frage, wer denn nun recht hat. CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Satz: „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick“? Oder ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz, der sagt „Vieles ist aus dem Lot geraten“?

Im Seniorencafé an der Havel, wo Anna Schilling und Elfriede Goldmann ihren Kaffee trinken, stimmt beides. Der einen geht es gut, der anderen schlecht. Und beide können nicht wirklich etwas dafür. Das Beispiel der alten Damen zeigt, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Dass sich Belege für die eine und die andere Sichtweise finden lassen. Und dass die Debatte darum ideologisch geführt wird wie kaum eine zweite.

Eine Frage der Zahlen

Statistiken zu Armut und Reichtum lassen sich je nach Standpunkt leicht in die eine und in die andere Richtung interpretieren. Beispiel Gehalt: Auch in unteren Einkommensgruppen ist der Verdienst in den letzten 25 Jahren gestiegen – allerdings weniger stark und mit deutlich größeren Schwankungen als bei der Gesamtbevölkerung. Noch größer wird der Unterschied, wenn man die Entwicklung der Löhne der oberen 60 Prozent der Einkommensskala betrachtet. Dann zeigt sich: Die Schere geht auseinander. Ein weiteres Problem liegt in verschiedenen Rohdaten, die unterschiedlichen Statistiken zugrunde liegen. So operiert die EU-Statistikbehörde Eurostat in ihrer Betrachtung der Einkommens- und Lebensverhältnisse in Europa (EU-SILC) mit anderen Werten als etwa das Statistische Bundesamt bei seinem Mikrozensus. Eine weitere Statistik erhebt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit seinem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Vorsicht geboten ist auch bei vermeintlich einfachen Aussagen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, daran besteht kein Zweifel. Gleichzeitig aber wachsen nicht nur klassische, sondern auch atypische Beschäftigungsverhältnisse wie Minijobs und Zeitarbeit.

Paritätischer Wohlfahrtsverband legt Armutsbericht vor

Am Donnerstag ist es wieder so weit. Dann legen der Paritätische Wohlfahrtsverband und andere Sozialverbände ihren Armutsbericht 2017 vor. Die Pressemitteilungen sind längst geschrieben. Die Wohlfahrtsverbände werden betonen, wie groß das Armutsrisiko in Deutschland ist. Wie ungleich die Verteilung des Vermögens. Und sie werden die Bundesregierung auffordern, mit einem Kurswechsel in der Sozialpolitik gegenzusteuern.

Die Wirtschaftsverbände werden das alles als Alarmismus abtun. Sie werden auf den stetig wachsenden Wohlstand verweisen. Auf die seit Jahren sinkende Arbeitslosigkeit. Und sie werden an die Bundesregierung appellieren, im Wahlkampf keine teuren Sozialversprechen abzugeben, um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft nicht zu gefährden.

Einen Beweis immerhin werden beide Seiten damit erbringen: dass die Antwort auf die Frage, ob Deutschland nun arm oder reich ist, nicht zuletzt vom eigenen Standpunkt abhängt. Und dass mit ihr knallharte Interessenpolitik gemacht wird.

Vielleicht hilft ja ein Blick in die nüchternen Zahlen. Laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) war im Jahr 2015 jeder sechste Deutsche von monetärer Armut bedroht. 16,7 Prozent der Gesamtbevölkerung, etwa 13,4 Millionen Menschen. Der Wert ist im Vergleich zum Vorjahr konstant geblieben. Das sagt allerdings wenig über die Entwicklung von Armut und Reichtum aus. Und viel darüber, wie Armut definiert wird.

Statistiker definieren Armut relativ

Statistiker in Deutschland und Europa operieren mit einem relativen Armutsbegriff. Sie definieren Armut anhand des mittleren Einkommens, des sogenannten Median-Wertes. Das ist der Wert, von dem aus betrachtet es genauso viele höhere Einkommen gibt wie niedrigere.

Die Gefahr, in Armut abzurutschen, sehen die Statistiker bei allen Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zum Leben haben. Im Jahr 2015 lag der Schwellenwert für Alleinstehende bei einem Einkommen von 1033 Euro pro Monat. Bei einer vierköpfigen Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren waren es 2017 Euro. Wer weniger hat, und wenn es nur ein einziger Euro weniger ist, gilt in der Statistik als armutsgefährdet. Oder als arm. Einen Unterschied dazwischen macht das Zahlenwerk nicht.

Das ist nicht das einzige Problem. Nach der Definition kann die Gesellschaft so reich werden, wie sie will, das Armutsproblem wird sie nie lösen. Würden etwa alle Bundesbürger über Nacht das Doppelte verdienen, bliebe die statistische Armutsquote unverändert. Und wenn die obere Hälfte der Gesellschaft plötzlich weniger verdienen würde, ginge die Armut zurück – auch wenn niemand einen Euro mehr im Portemonnaie hätte. In Irland ist während der Finanzkrise genau das passiert.

„Unseriös und schwachsinnig“

Walter Krämer kennt all diese Probleme in- und auswendig. Der Ökonom ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Und er hat eine klare Meinung dazu, wie von offizieller Seite Armut gemessen wird: „Unseriös und schwachsinnig.“ Niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema befasse, nehme die offizielle Statistik noch ernst, sagt Krämer.

Wer seriös herausfinden wolle, wie sich Armut entwickelt, müsse sie an Notlagen festmachen, sagt Krämer. So wie es der indische Nobelpreisträger Amartya Sen vorschlage. Arm sei demnach, wem Mittel für ein menschenwürdiges Leben und Teilhabe an der Gesellschaft fehlten. Neben Nahrung, Kleidung und einem Dach über dem Kopf könnten das sehr verschiedene Dinge sein, die sich im Laufe der Jahre auch veränderten, sagt Krämer. Sein Beispiel: „In den Fünfzigerjahren gab es an jeder Ecke einen Tante-Emma-Laden, in dem Sie frische Milch kaufen konnten. Da brauchte man keinen Kühlschrank, und viele Menschen hatten auch keinen. Heute ist das anders.“

Was Krämer damit sagen will: Mit bloßen Prozentwerten, die sich am allgemeinen Einkommen orientieren, kommt man nicht weiter. Wer echte Aussagen über Armut treffen wolle, muss Gehirnschmalz investieren. Bedarfe festlegen, Warenkörbe erstellen und alles regelmäßig aktualisieren. „Das ist anstrengend und aufwendig, schon deswegen macht das keiner“, sagt Krämer. Außerdem glaubt der Statistiker aus Dortmund, dass Wohlfahrtsverbände und Sozialpolitiker in Wahrheit kein Interesse daran hätten herauszufinden, wie sich Armut in Deutschland tatsächlich entwickelt. „Dabei käme nämlich heraus, dass Armut seit Jahren sinkt.“

Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen

Die Gegenseite weist diesen Vorwurf natürlich mit Empörung zurück. Aber auch sie kommt nicht umhin einzuräumen, dass die Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind. Zumal die Zahlen rein gar nichts darüber aussagen, ob Menschen sich arm fühlen. Und ob sie es bleiben. Studenten etwa leben nominell fast alle unterhalb der Armutsgrenze. Trotzdem fühlen sich die wenigsten von ihnen arm. Weil es in ihrer Lebensphase dazugehört, wenig Geld zu haben. Weil die Kommilitonen auch knapp bei Kasse sind. Und weil sie wissen, dass sich ihre finanzielle Situation mit einem Hochschulabschluss in der Tasche aller Voraussicht nach verbessern wird.

Das ist der wesentliche Unterschied zu alten Menschen mit wenig Geld. Und deshalb klagt kaum jemand über Studentenarmut, während Altersarmut eines der Aufregerthemen der vergangenen Jahre war – und der künftigen Jahre sein wird. Politiker warnen, Versicherungen preisen ihre Vorsorgeprodukte, Seniorenorganisationen schlagen Alarm. „Altersarmut in Deutschland darf nicht weiter verharmlost werden, denn sie ist ein ernst zu nehmendes Problem, schon heute“, sagt etwa Wolfram Friedersdorff, Präsident der Volkssolidarität.

Droht also einer ganze Rentnergeneration die Verelendung? Die Statistik, die das Armutsrisiko eher überbetont, sagt etwas anderes. 16,5 Prozent der Rentner in Deutschland sind demnach arm oder von Armut bedroht – der Wert ist niedriger als der der Gesamtbevölkerung. Bei den 18- bis 24-Jährigen liegt das Risiko sogar bei 21,1 Prozent. Was stimmt, ist, dass die Risiko-Quote für Altersarmut 2005 noch bei 13,4 Prozent lag. In zehn Jahren ist sie also um mehr als 3 Prozentpunkte angewachsen. Oder um rund 25 Prozent, wie Sozialverbände betonen. Beide Aussagen stimmen – und allein das zeigt, dass sich Statistiken je nach Standpunkt sowohl in die eine als auch in die andere Richtung interpretieren lassen.

„Wahrnehmung ist Realität“

Natürlich gibt es in Deutschland wirklich Arme. Das gibt auch Statistikforscher Krämer zu. „Mit manchen Menschen möchte ich nicht tauschen, weil sie auch nach den Kriterien von Amartya Sen arm sind“, sagt der Wissenschaftler. Und es gibt Menschen, die sich arm fühlen – und noch mehr, die sich von Armut bedroht fühlen. Und denen auch eine Statistik nicht hilft, die das Risiko für sie klein rechnet. „Perception is reality“, heißt es im Englischen. „Wahrnehmung ist Realität.“

Mit gefühlten Realitäten lässt sich Stimmung machen. Und Wahlkampf. Das zeigt sich auch beim Seniorenkaffee der Volkssolidarität. Gerade hat Elfriede Goldmann stolz berichtet, dass sie bereits Ururoma geworden ist, da klagt Anna Schilling, dass sie ihren Enkeln und Urenkeln keine Geschenke mehr machen kann. Während der Kaffee kalt und das Bier warm wird, läuft die Diskussion heiß. Neidisch auf die Witwenrente von Elfriede Goldmann ist Anna Schilling nicht. Wohl aber auf die Managergehälter bei VW und anderswo. Viele hier sehen das genauso.

Klaus Schilling hört lange einfach nur zu. Nach seiner Klage über die dünne Holzkiste, die ihm noch bleiben wird, hat der Senior den Damen das Reden überlassen. Jetzt aber will der alte Herr noch etwas loswerden. „Es wird ungemütlicher in Deutschland“, sagt er – und alle nicken. „Das geht immer so weiter. Bis es irgendwann rumst.“

Von RND/Andreas Niesmann und Jan Sternberg

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