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Wirtschaft 50 Jahre Tui: So begann es mit dem Tourismuskonzern in Hannover
Nachrichten Wirtschaft 50 Jahre Tui: So begann es mit dem Tourismuskonzern in Hannover
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00:21 03.12.2018
50 Jahre Tui Quelle: privat
Hannover

Malle, DomRep, Miami? Peter Krause winkt ab. „Die Leute sind ganz früher nach Bad Fallingbostel gefahren oder in den Schwarzwald.“ Zum ersten Mal unter Palmen war der damals 19-Jährige als Lehrling in einem Reisebüro auf der Insel Djerba: „Meine Mutter war Kriegerwitwe – Urlaubsfahrten konnten wir uns nicht leisten.“ Erst eine Stellenanzeige macht für Krause den Weg frei in die weitere Welt; die Freude über die ersten Ferien am Faaker See klingt bis heute nach, wenn er alte Stammkunden im Reisebüro der Tui in der Lister Meile begrüßt.

Inzwischen kommt Krause als Besucher – erst 2017 ist der 72-Jährige in den Ruhestand gegangenen, weil er seine Kunden so gern auf die Reise geschickt hat. Vorwiegend ältere Ehepaare lassen sich von seinen früheren Kollegen beraten, sie holen die Ferienziele per Mausklick auf die Monitore und wissen sofort, wo noch Hotels verfügbar sind. „Als ich hier anfing, kamen die Leute mit dem Katalog zu uns“, sagt Krause. „Wir mussten dann erst beim Veranstalter anrufen, per Tabelle den Preis ausrechnen und schließlich die Anmeldung ausfüllen.“ Bestätigt wurde die Buchung erst Tage später.

Es war eine langsamere Zeit – aber eine goldene für die Touristiker: Pauschalreisen zu den Badezielen erreichen zweistellige Zuwachsraten – jedes Jahr. Waging am See ist einer der ersten Sehnsuchtsorte der Deutschen, der Bremer Reiseveranstalter Wilhelm Scharnow hat das oberbayerische Städtchen in den Fünfzigerjahren als Ziel entdeckt. Der Konkurrent „Dr. Tigges", Hubert mit Vornamen, schickt seine Gäste zu dieser Zeit erstmals mit dem Flugzeug nach Mallorca. Noch ahnen beide nicht, dass sie sich bald zusammenschließen, um sich gegen einen unliebsamen Wettbewerber zu wehren.

Seit Mitte der Sechzigerjahre drängt mit dem Versandhändler Neckermann erstmals ein kapitalstarker Mitbewerber in die bis dahin von Mittelständlern dominierte Touristik. Durch den Direktvertrieb seiner Reisen über Kataloge und eigene Verkaufsstellen spart der Außenseiter viel Geld und setzt die Konkurrenz mit aggressiven Preisen unter Druck: „Urlaub für alle" eben – und nicht länger nur für die Oberschicht.

Dr. Tigges“ und Scharnow finden zueinander und stoßen in Hannover in Jochen Stickrodt (Hummel) auf einen Gleichgesinnten, der auch erkennt, dass die mit Flugreisen verbundenen höheren Risiken gemeinsam einfacher zu tragen sind. Auch Touropa stößt dazu, das mit Bahnreisen nach Ruhpolding zu einem Synonym für preiswerte Pauschaltrips geworden ist: Am 1. Dezember 1968 schließt sich das Quartett zur Touristik Union International zusammen – kurz: Tui.

In der Branche spötteln sie zunächst über die „hannoversche Gemischtwarenhandlung in Sachen Ferienvergnügen“, aber das neue Gebilde ist unbestritten die Nummer eins. Auch wenn sich die Kataloge der großen Reiseveranstalter schnell immer ähnlicher werden und damit Spezialanbietern lukrative Nischen eröffnen, wissen die Konkurrenten auch, wann sie sich zurückziehen müssen. „Die Tui war immer der Elefant", sagt einer: „Wenn die in mein Zielgebiet treten, bin ich tot."

Siebzigerjahre: Spanien wird Lieblingsreiseziel der Deutschen

Um unliebsame Konkurrenz auszugrenzen, bietet die Tui beispielsweise höhere Verkaufsprovisionen und kann so 1200 Reisebüros zum Abschluss von Exklusivverträgen überreden. Der Premiumanbieter Airtours stößt zum Konzern, mit den neuartigen Robinson-Hotels beginnt der Einstieg in den Club-Urlaub. Überhaupt die Hotels: In dem Maße, wie Spanien Italien als beliebtestes Reiseziel der Deutschen ablöst, investiert die Tui dort in eigene Unterkünfte. In den Hotels sind die Renditen deutlich höher als im reinen Veranstaltergeschäft mit Margen um die 2 Prozent.

Ein Bus der Tui in Mexiko: Mitte der Siebzigerjahre werden in Deutschland mehr als fünf Millionen Pauschalreisen verkauft. Quelle: Tui

Mitte der Siebzigerjahre werden in Deutschland erstmals fünf Millionen Pauschalreisen verkauft, Ende der Achtziger sind es zwölf Millionen. Trotzdem ist das Wachstum kein Selbstläufer mehr. Mit Kaufhof (ITS) hat ein weiterer Handelsriese die Branche für sich entdeckt – und auch die Kunden werden kritischer. Überbuchte Hotels und schlechter Service vergrätzen die Urlauber. Sie werden zunehmend selbstbewusster: „Paella und Sangria“ hält niemand mehr für Ausflugsziele, und auch die spanischen Kellner müssen nicht länger Auberginen in der Hosentasche tragen, um den „Alemanes“ bei Tisch die Unbedenklichkeit dieser Früchte zu demonstrieren.

Meilenstein TV-Werbung

Für die Kunden bleibt das Kürzel Tui lange eine Unbekannte. Die Veranstalter treten eigenständig unter ihren eingeführten Namen auf – bis selbst die Wiedervereinigung die Sättigung des deutschen Reisemarktes nicht mehr kaschieren kann. Die Tui muss erstmals auch im Fernsehen für sich werben – „und das ging nur noch mit einer Marke“, sagt ein Branchenkenner. „Das war ein Meilenstein.“

Hinter der heilen Hochglanzwelt der Kataloge jedoch beginnt es zu brodeln, weil alte und neue Anteilseigner um Einfluss kämpfen. Größter Tui-Aktionär ist 1992 die Kahn-Gruppe, welche die Interessen von knapp zwei Dutzend kleineren Reiseunternehmen bündelt. Dort kauft sich die Westdeutsche Landesbank (WestLB) ein, die bereits an den Tui-Anteilseignern Hapag-Lloyd und Horten beteiligt ist. Nach heftigem Gerangel kontrolliert die WestLB schließlich 60 Prozent der Tui-Anteile. Die Mitarbeiter hoffen jetzt auf ruhigere Zeiten; doch es ist nur der Auftakt für noch größere Turbulenzen.

Michael Frenzel führt inzwischen die Preussag AG auf der anderen Seite der Karl-Wiechert-Allee in Hannover – ein Industrie- und Rohstoffkonglomerat, das seine besten Tage hinter sich hat und einen bekannten Großaktionär: die West/LB. Nach einem neuerlichen Ringtausch von Beteiligungen wird die Preussag zum Mehrheitsaktionär der Tui – und erfindet sich als Reiseriese neu. Nach Zukäufen in Großbritannien und Frankreich ist die Keimzelle Tui Deutschland noch immer die größte Einheit in der deutlich erweiterten „World of Tui“.

Im Tui-Reisebüro in der Lister Meile haben Berater und Kunden von diesen Irrungen und Wirrungen der vergangenen 50 Jahre nur wenig mitbekommen. Selbst die Konkurrenz der Reise-Discounter im Internet habe dem Geschäft bisher nicht wirklich etwas anhaben können, sagt der langjährige Büroleiter Peter Krause: „Die Menschen müssen merken, dass wir ihnen etwas Gutes tun wollen – damit steht und fällt alles.“

Von Jens Heitmann

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