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Sommerjobs in Niedersachsen

Teil 1: Der Herr über die Strandkörbe

In unserer Serie „Sommerjobs in Niedersachsen“ stellen wir Menschen in außergewöhnlichen Arbeitsfeldern während der Feriensaison vor. Im ersten Teil geht es um Volker Möller, der in Cuxhaven geflochtene „Zweitwohnungen“ vermietet.
Am Ende zufrieden: Am Strand von Cuxhaven wacht Volker Möller über 500 Strandkörbe. Nach einem schlechten Saisonauftakt hat der heiße Juli das Geschäft angekurbelt.

Am Ende zufrieden: Am Strand von Cuxhaven wacht Volker Möller über 500 Strandkörbe. Nach einem schlechten Saisonauftakt hat der heiße Juli das Geschäft angekurbelt.

© Gunnar Menkens

Hier in Cuxhaven ist Niedersachsen zu Ende. Die hölzerne Kugelbake im Ortsteil Döse markiert den nördlichsten Punkt des Landes, drumherum schwappt die Geschäftsgrundlage aller örtlichen Wirtschaft, das Meer. Kaum keimt Hoffnung auf Sonne, holen Vermieter, wie entlang der übrigen Nordseeküste, Strandkörbe aus dem Winterlager, laden die wuchtigen Gestelle auf Transporter, um sie für ein paar Monate auf Strände zu schleppen. Dort stehen sie, während Besitzer oder Angestellte in hölzernen Kassenhäuschen auf Gäste warten. Seit Jahrzehnten ein althergebrachter Handel mitten im digitalen Zeitalter: Kommt ein Urlauber, drückt ihm der Vermieter einen Zettel mit der Korbnummer in die Hand. Hat der Gast Glück, wird er sogar hingeführt. Sicher ist das nicht. Dann muss der Kunde, angeblich König, allein durch den Sand stapfen, auf den Weg zum roten oder gelben oder weißen Korb dahinten, den man angeblich nicht verfehlen kann.

So geht das Geschäft im Norden, auf den Inseln, an der Küste. Strandkörbe sind das bunte Sommergemüse, sie sprießen einmal im Jahr und für ein paar Monate, für Gäste sind sie die Zweitwohnung am Wasser. Niemand hat alle Körbe jemals gezählt, es sollen wohl, nimmt man Ostseestrände hinzu, etwa 50.000 Behausungen sein. Gerne kostet ein Tag am Meer zehn Euro. Und wenn die Saison nur fünf Monate dauert und jemand bloß 100 Körbe besitzt: Wer möchte da nicht Strandkorbvermieter sein, Romane lesend in der Holzbude oder still aufs Meer guckend und im Winter Erspartes aufzehren?

Volker Möller dagegen zündet sich in seinem Büro eine Zigarette an und spricht emotionslos vom Niedergang seiner Branche. Im Fernsehen läuft eine Mittagstalkshow. Seit 20 Jahren führt er in Cuxhaven das Geschäft seines Vaters fort. Fast könnte es ein Symbol gewesen sein, als seine Bank bei einer Kontoeröffnung die Berufsbezeichnung Strandkorbvermieter nicht akzeptieren wollte. Kaufmann schrieb er dann ins Formular. Möller klagt über stetig weniger Gäste. Auf zwölf Abschnitten am Cuxhavener Strand stehen seine gelben Körbe, blau nummeriert, drei Kollegen haben den Küstenabschnitt unter sich geteilt. Inzwischen hat Möller nur noch 500 statt ehemals 750 Körbe. Früher, sagt also der Kaufmann, konnte man richtig Geld mit Strandkörben verdienen. So viel muss es gewesen sein, dass er es wiederholt. „Richtig Geld.“ Ein paar Kreuzfahrten hat sich Möller davon leisten können. Jetzt vermutet der 61-Jährige, dass ihm niemand seinen Betrieb abkaufen würde, wenn er einmal in Ruhestand geht.

Und heute? Heute ist es im Nordseeheilbad Cuxhaven wie in anderen Ferienregionen auch. Die Urlauber bleiben im Schnitt 9,3 Tage. Möller erinnert sich an Gäste, die verbrachten zwei oder drei Wochen am Stück in Cuxhaven, ein Strandkorb gehörte so selbstverständlich dazu wie der Pilotfisch zum Hai. Jetzt ist die Konkurrenz groß – nicht nur durch Orte in der Nachbarschaft. Wer eine der immer zahlreicher werdenden Ferienwohnungen mit Balkon bucht, braucht keinen Strandkorb mehr.

Wer in Krisenzeiten sein Geld zusammenhält, dem genügt ein Handtuch auf dem Sand. Möller fällt noch mehr ein: Wer mehr unternehmen kann am Urlaubsziel, mietet weniger Tage. Radtouren, Museum, Ausflüge, Wattwandern, üblicherweise schlechtes Wetter – im Grunde spricht alles gegen Strandkörbe. Das Geschäft, sagt der Cuxhavener, „ist krampfiger geworden“. Gut, dass er einige Ferienwohnungen zusätzlich im Angebot hat.

Potenzielle Kunden für dies angeblich 1882 vom Rostocker Wilhelm Bartelsmann für eine rheumakranke alte Dame erfundene „eigentümlich bergende Sitzgehäuse“ (Thomas Mann) gibt es in Niedersachsen dennoch wie Sand am Meer. Die Herbergen an Niedersachsens Nordsee verkauften im vergangenen Jahr fast 12,5 Millionen Übernachtungen. Die Hochburg des Strandkorbs müsste man nun dort erwarten, wo die meisten Gäste sind. Auf Norderney zum Beispiel mit 1,4 Millionen Übernachtungen oder in Cuxhaven, wo 1,25 Millionen Gäste im vergangenen Jahr mindestens eine Nacht verbrachten. In Hannover aber, die Stadt in Niedersachsen, die am meisten Gäste beherbergte, nämlich 1,8 Millionen, führt der Strandkorb ein Außenseiterdasein.

Gunnar Menkens


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