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Grüne Energiewende

Niedersachsen setzt ganz auf Biogas

Grüne Kuppeln der Biogasanlagen, übermannshohe Maisfelder – in Niedersachsen sind sie zum Wahrzeichen für Energie vom Acker geworden. Niedersachsen ist Biogasland, und trotz verschärfter soll die Zahl der Anlagen weiter wachsen.
Maissilage für die Biogasanlage: In Niedersachsen wächst der Widerstand gegen die Monokulturen.

Maissilage für die Biogasanlage: In Niedersachsen wächst der Widerstand gegen die Monokulturen.

© dpa

Hannover. Mit 1300 Biogasanlagen, 200 mehr als 2010, belegt das Land zwar nur Platz zwei nach Bayern. Aber bei der installierten Leistung liegt Niedersachsen vorne. Sie stieg 2011 um 100 auf 650 Megawatt. Das entspricht einem kleineren Kohlekraftwerk, wie Gerd Carsten Höher, Biogasexperte im Agrarministerium in Hannover, erklärt. Strom aus Biogas decke bereits 10 Prozent des Stromverbrauchs in Niedersachsen.

Bundesweit sind nach Angaben des Fachverbands Biogas rund 7100 Biogasanlagen am Netz, 1200 mehr als 2010. Die installierte Leistung stieg von 2291 auf 2780 Megawatt. Damit wurden 18 Millionen Megawattstunden (MWh) Strom hergestellt, verglichen mit 15 Millionen MWh 2010. Der Anteil des Biostroms, mit dem 5,1 Millionen Haushalte, fast eine Million mehr als im Vorjahr, versorgt werden, erhöhte sich von 2,5 auf 3,1 Prozent.

Möglich wurde dies durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG): Für die Einspeisung des Biostroms erhalten die Landwirte hohe Vergütungen – 20 Jahre lang. Für den Anbau der sogenannten Energiepflanzen, aus denen im Gärprozess das Biogas entsteht, kommen satte Boni dazu. Weil Mais die meiste Biomasse je Hektar bringt, werden die Flächen dafür immer mehr ausgedehnt.

Kritik an Vermaisung der Landschaft

Nicht nur Umweltschützer sprechen von einer durch das EEG geförderten „Vermaisung der Landschaft“, die die Artenvielfalt zerstöre und Böden und Grundwasser schädige. Auch bei den Menschen, die in den Maisregionen wohnen, wächst der Widerstand. Viele wollen nicht hinnehmen, dass auch Grünland und manchmal sogar Moorflächen in Maisäcker verwandelt werden. Selbst der Deutsche Bauernverband hält die Monokulturen für ein Problem. Wegen der Konkurrenz um Ackerflächen sind die Pachtpreise drastisch gestiegen.

Mit der Novellierung des EEG, die zu Beginn des Jahres in Kraft trat, versucht die schwarz-gelbe Koalition, die durch ihre bisherige Förderpolitik entstandenen Fehlentwicklungen zu korrigieren. So gibt es nun einen Maisdeckel: Der Anteil der Pflanze in der Biogasanlage darf 60 Prozent nicht überschreiten. Kritiker halten auch das noch für zu viel. Nach Einschätzung des Fachverbands Biogas ist damit ohnehin nichts gewonnen. Schon gebe es einen Ersatz aus Afrika, der dem Mais in Größe, Wuchs und Energieausbeute ähnele: Sudangras. Diese Pflanze dürfe für die restlichen zwei Fünftel eingesetzt werden. Das Interesse an einem Anbau des Süßgrases wachse rasant.

Auch der Branchenverband hadert mit dem neuen EEG. So würden die restriktiven Vorgaben zur Wärmenutzung Bauern von einer Investition abschrecken und den „Biogasausbau massiv bremsen“. Künftig müssen Anlagen mindestens 60 Prozent der anfallenden Wärme nutzen, die bislang meist verpuffte. Der Standort muss also so gewählt werden, dass es genug Abnehmer, Schulen, Schwimmbäder oder Firmen, dafür gibt.

Vergeblich hatte Niedersachsen versucht, die Auflagen zu verhindern. Wer die 60 Prozent nicht schaffe, dem drohe der Verlust der Einspeisevergütung, sagt Höher. Das könne Umsatzeinbußen bis zu 350 000 Euro bedeuten – dann sei ein Landwirt „am Ende“. Für die Energiewende brauche man aber mehr und nicht weniger Biogas. Auch die Bedenken der Kritiker teilt Höher nicht: Unter dem Strich sei die Ökobilanz mit einer CO2-Einsparung von 2,8 Millionen Tonnen jährlich allein in Niedersachsen positiv.

Förderprogramm für den ländlichen Raum

Das Land hat ein besonderes Interesse daran, dass die „Erfolgsgeschichte Biogas“ weitergeht. Das EEG hat wie ein „Investitionsprogramm für den ländlichen Raum“ gewirkt. Rund 1000 Jobs wurden laut Höher auf den Biogasanlagen, die zu 80 Prozent „in Bauernhand sind“, geschaffen, 5000 bei Anlagenbauern und Handwerksfirmen. Vom jährlichen Umsatz von einer Milliarde Euro, den die Anlagen einfahren, blieben vier Fünftel in Niedersachsen. Auch für die Wärme entsteht allmählich ein Markt, wie der Experte sagt. So bezögen immer mehr Unternehmen wie der Duderstädter Orthopädiekonzern Otto Bock ihre gesamte Wärme aus Biogas, gleiches gelte für die Bundeswehr in Cuxhaven.

Deshalb hält man es im Agrarministerium für „realistisch“, dass die installierte Leistung der Biogasanlagen bis 2020 um weitere 500 Megawatt zulegt. Die Hälfte des Zuwachses dürfte jedoch auf die Effizienzverbesserung der vorhandenen Anlagen entfallen, schätzt Höher. Zudem gebe es bei Milchviehbetrieben mit viel Gülle großes Potenzial. Nach dem EEG werden kleine Biogasanlagen bis zu 75 Kilowatt für die Güllevergärung künftig besonders stark gefördert. „Da wollte die Politik auch etwas für die Bauern tun“, sagt Höher.

Die wirklichen Nutznießer des neuen EEG sind Betreiber mit Anlagen bis zu 20 Megawatt, die das Biogas nach Aufbereitung direkt ins Gasnetz einspeisen, wie es beim Branchenverband heißt. „Je größer, desto mehr Förderung.“ 6 Milliarden Kubikmeter Biogas sollen nach dem Plan der Bundesregierung bis 2020 eingespeist werden, um die Wende zu erneuerbaren Energien voranzutreiben. Ein kleiner Teil ist erst geschafft. Deshalb setze die Politik auf große Spieler, sagt ein Verbandssprecher. Für Landwirte bliebe dann nur die Rolle des Rohstofflieferanten. Für die Umwelt lässt das nichts Gutes erwarten.

[Carola Böse-Fischer]

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