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00:18 21.01.2019
Sarah Dhem von #Wirkennendenlandwirt: „Wir liegen zwischen konventioneller Ware und bio“ Quelle: Wölbert
Berlin

 Rund 80 Millionen Hühner, 8 Millionen Schweine und 2 Millionen Rinder: Niedersachsen gilt zurecht als Land der Massentierhaltung. Doch Stände großer Fleischkonzerne sucht man in der Niedersachsenhalle auf der Grünen Woche in Berlin vergebens. Stattdessen zeigt der Rundgang: Zwischen Ems und Elbe gibt es auch viele Landwirte und Lebensmittelproduzenten, die neue Wege gehen.

Süßkartoffeln aus Niedersachsen

„Als Landwirt ist man ja experimentierfreudig“, schmunzelt Ernst Lütje. Er baut normalerweise gemeinsam mit einer weiteren Familie Kartoffeln im Landkreis Gifhorn an. Doch ein Supermarktbetreiber aus der Gegend fragte ihn, ob er auch Süßkartoffeln liefern könne – denn er lege Wert auf möglichst viele regionale Produkte.

Lütje hatte weder geeignete Maschinen noch ein Pflanzenschutzmittel, denn Chemikalien für den Süßkartoffelanbau sind in Deutschland nicht zugelassen. Normalerweise wird die Pflanze schließlich in den Tropen oder im Mittelmeerraum kultiviert. Trotzdem kaufte Lütje 40.000 Jungpflanzen, setzte sie, hackte Unkraut und erntete – von Hand, wie vor 100 Jahren. „Wir sind auf allen Vieren übers Feld gekrochen.“ Mittlerweile kann man seine Süßkartoffeln in einer Reihe von Supermärkten in Südniedersachsen kaufen.

Der trockene, heiße Sommer 2018 spielte Lütje in die Hände. „Im Jahr davor wäre es in die Hose gegangen“, meint er. Trotz des Wetter-Risikos will er künftig noch mehr Süßkartoffeln anbauen. „Es wird eine Nische bleiben, aber wir bauen sie aus.“

Neue Äpfel für das Alte Land

Noch kann Hilke Ehlers sich auf den Elstar verlassen. Die Sorte macht fast die Hälfte der 300.000 Tonnen Äpfel aus, die jährlich im Alten Land geerntet werden. „Doch was ist, wenn sie den Verbrauchern nicht mehr schmeckt?“, fragt die Geschäftsführerin des Fördervereins der Obstbauern. Ständig entwickeln Züchter aus aller Welt neue Sorten, die jüngeren Generationen vielleicht besser schmecken – aber nicht unbedingt im regnerischen Niedersachsen gedeihen.

Seit 15 Jahren züchtet deshalb eine Reihe von Jungbauern im Alten Land neue Sorten. Einmal im Jahr wird geerntet, getestet und neu gekreuzt. „Zwei Sorten stehen kurz vor der Marktreife“, sagt Ehlers. Doch ein Erfolg ist alles andere als sicher. Einige Bauern im Alten Land bauen deshalb auch sogenannte Club-Äpfel an. Dabei kontrollieren die Züchter die Wertschöpfungskette, Bauern und Händler müssen teure Lizenzen kaufen. „Niemand weiß, welcher Apfel der nächste Elstar wird“, sagt Ehlers. „Und alle haben Angst, dass sie die Chance verpassen.“

Zwischen normal und bio

Sarah Dhem wirkt ziemlich aufgebracht. „Es wird einem ständig entgegengepustet, die Landwirte machen nix für Tierschutz“, schimpft die Fleischermeisterin aus Lastrup bei Cloppenburg. Doch das stimme nicht. „Jede Woche rufen uns Schweinemäster an, die bei uns mitmachen wollen.“

Dhem hat mit zwei befreundeten Landwirten und einem Schlachthof die Fleisch- und Wurstmarke #Wirkennendenlandwirt entwickelt. Die Produkte kosten im Supermarkt etwa zweieinhalbmal so viel wie konventionelle Ware. Dafür haben die Schweine doppelt so viel Platz wie gesetzlich vorgeschrieben und können im offenen Stall jederzeit an die frische Luft. Und die Verbraucher erfahren, von welchem Bauer das Fleisch kommt. „Wir liegen zwischen konventioneller Ware und bio“, erklärt Dhem.

Noch steht die neue Marke nur für einen kleinen Teil des Umsatzes ihrer Fleischerei. Den Großteil ihres Fleisches bestellt sie nach wie vor beim Schlachthof. Doch sie will den Vertrieb ausbauen. Wenn das funktioniert, könne sie bald vielleicht weitere Landwirte in ihr Konzept aufnehmen, sagt Dhem.

Kühe mit Fitness-Sensor

„Wir wollen Vorurteile von Verbrauchern abbauen“, sagt Fabian Gräflich, Sprecher der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen. Er und seine Kollegin Christine Licher erklären, wie zum Beispiel die Digitalisierung beim Tierschutz hilft: Viele niedersächsische Milchkühe tragen schon Bewegungssensoren am Fuß. Die Bauern können so am Computer auf einen Blick sehen, welche Kühe sich wenig bewegen – also vielleicht krank sind und behandelt werden müssen.

Von Christian Wölbert

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