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Wirtschaft EZB peilt Ende des billigen Geldes an
Nachrichten Wirtschaft EZB peilt Ende des billigen Geldes an
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08:54 21.10.2017
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

Die Wirtschaft des Euro-Raums wächst und wächst. Entsprechend steigt der Druck auf die Währungshüter, die noch immer extrem lockere Geldpolitik zu beenden. Genau diese Frage dürfte auch im Mittelpunkt stehen, wenn der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag tagt. Experten gehen davon aus, dass die umstrittenen Anleihekäufe schon bald zumindest reduziert werden. Eine zeitnahe Abkehr vom Nullzins-Kurs ist dagegen wohl nicht zu erwarten.

EZB-Chef Mario Draghi hat bereits durchblicken lassen, dass einige Aspekte der gegenwärtigen Geldpolitik in der kommenden Woche geändert werden könnten – wenn auch nur sehr behutsam. Beim zurückliegenden Treffen am 7. September betonten die obersten Vertreter der EZB, dass noch immer „ein beträchtliches Maß“ an Unterstützung nötig sei. Im Klartext: niedrige Zinsen und jede Menge günstige Kredite.

Leitzins von 0,0 Prozent eventuell bis 2019

Um zu gewährleisten, dass billiges Geld verfügbar bleibt, kauft die Zentralbank jeden Monat für 60 Milliarden Euro Anleihen der Euro-Länder. Gerade Draghi war stets ein großer Verfechter dieser Maßnahme. Denkbar wäre aber, dass die Summe der Anleihekäufe ab Januar zum Beispiel auf 30 Milliarden begrenzt wird. In der zweiten Hälfte des kommenden Jahres könnte das Programm dann ganz auslaufen.

Die Konjunkturhilfe der Zentralbank wäre damit aber noch nicht beendet. Denn Draghi und seine Kollegen wollen auch nach einem möglichen Ausstieg aus den Anleihekäufen an einem Leitzins von 0,0 Prozent festhalten – vermutlich sogar bis Mitte 2019. Eine Leitzinserhöhung zu diesem Zeitpunkt wäre für den EZB-Präsidenten, kurz vor dem voraussichtlichen Ende seiner achtjährigen Amtszeit am 31. Oktober 2019, die erste überhaupt.

Für Sparer in wirtschaftlich robusten Ländern wie Deutschland gilt also weiter, dass konservative Anlagestrategien kaum Ertrag bringen. Länder wie Italien wiederum, in denen die Staatsverschuldung besonders hoch ist, profitieren. Würde die EZB das Ende des billigen Geldes zu schnell einläuten, könnten die Kreditkosten dort wieder rasant steigen.

Anleihen im Wert von 2,6 Billionen Euro

„Die EZB wird den Stimulus reduzieren, aber es bleibt doch ein Stimulus“, sagt Michael Herzum von der Fondsgesellschaft Union Investment in Frankfurt am Main. „Und das Ganze geschieht vor dem Hintergrund einer verbesserten Lage auf dem Kapitalmarkt und in der Ökonomie insgesamt.“ Die globale Wirtschaft erhole sich und käme inzwischen auch ohne eine derart starke Medizin der Zentralbanken zurecht.

Herzum betont, dass das Volumen der aufgekauften Anleihen in der EZB-Bilanz noch immer steigt. Der Höhepunkt werde voraussichtlich erst Mitte nächsten Jahres erreicht. Der Gesamtwert dürfte dann bei etwa 2,6 Billionen Euro liegen. Die Zentralbank plant nach eigenen Angaben außerdem, Geld aus fällig gewordenen Staatsanleihen jeweils in neue Anleihen zu investieren, womit die Wirkung der Konjunkturhilfe zeitlich in die Länge gezogen würde.

Die amerikanische Notenbank ist auf dem Weg heraus aus der extrem lockeren Geldpolitik bereits einen Schritt weiter. In Washington soll der eigene „Anleihe-Berg“ mit einem Volumen von etwa 4,5 Billionen Dollar (3,8 Billionen Euro) Stück für Stück abgebaut werden. Auch die USA haben jedoch angekündigt, dabei auf „behutsame und berechenbare Art“ vorzugehen, damit die Zinsen nicht allzu schnell steigen und die Märkte nicht nervös werden.

Zögerliche Haltung aufgrund der Inflationsentwicklung

An den Börsen scheinen die Entwicklungen bisher keine echte Unruhe hervorzurufen. Der Dow-Jones-Index erreichte Ende der Woche ein neues Allzeithoch. Der Dax schloss am Freitag knapp unter der außergewöhnlich hohen Marke von 13 000 Punkten. Gerade damit dieser Trend anhält, will die EZB nichts überstürzen. Sollte sie ihr Programm zur Stärkung der Konjunktur allzu schnell zurückfahren, könnte der Euro teurer werden und die Börsenkurse könnten wieder fallen. Um die Märkte nicht zu verunsichern, müsse die Neukalibrierung der Geldpolitik sehr sanft erfolgen, betonte am Dienstag der Zentralbank-Vizepräsident Vitor Constâncio. „Dies wird bei der EZB der Fall sein.“

Ein weiterer Grund für die zögerliche Haltung ist die Entwicklung der Inflation. Ziel der EZB ist ein Wert von jährlich knapp unter zwei Prozent. Aktuell liegt die Inflationsrate im Euro-Raum aber nur bei etwa 1,5 Prozent. Bei einem abrupten Ende der lockeren Geldpolitik, mit der in großem Stil Kapital in die Märkte gepumpt wird, wäre das Ziel wohl endgültig unerreichbar.

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa, rechnet bei den Anleihekäufen mit einer baldigen Reduzierung der monatlichen Summe von 60 Milliarden Euro auf 25 Milliarden Euro - mit einem Auslaufen des Programms allerdings erst Ende 2018. „Das EZB-Treffen in der kommenden Woche sollte eine grundlegende Veränderung bringen“, sagt er – aber eben „keine überstürzte, sondern eine sehr milde und umsichtige“.

Von David McHugh, AP/RND

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