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Interview

Transnet-Chef kritisiert den Spardruck bei der Bahn

Transnet-Chef Alexander Kirchner ist ein Gegner des Spardrucks bei der Bahn. Im Interview spricht er über die aktuellen Qualitätsprobleme, den geplanten Börsengang und Tarifverhandlungen.

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Transnet-Chef Alexander Kirchner

Transnet-Chef Alexander Kirchner

© Martin Steiner

Nach längerer Suche hat die Bundesregierung mit dem in der Verkehrsbranche wenig bekannten Utz-Hellmuth Felcht einen neuen Aufsichtsratschef für die Bahn gefunden. Sind Sie mit der Wahl zufrieden?
Das kann ich noch nicht sagen, da wir bisher keinen Kontakt hatten. Es gibt aber keinen Grund zur Skepsis. Wir erwarten von Felcht, dass er sich nicht nur als Vertreter der Anteilseigner versteht, sondern beide Seiten im Blick hat – auch die Beschäftigten. So muss er sich gegen Bestrebungen wehren, den Bahn-Konzern zu zerschlagen. Mit seinem Vorgänger Werner Müller haben wir gut zusammengearbeitet, gerade bei der Aufklärung des Datenskandals.

Verspätungen, Zugausfälle, überfüllte Fahrzeuge – viele Kunden sind nach diesem Winter sauer auf die Bahn. Bekommen das die Mitarbeiter zu spüren?
Sehr sogar. In den vergangenen Monaten haben häufig Kunden ihren Frust an Bahn-Mitarbeitern ausgelassen. Beschäftigte wurden beschimpft, manche sogar tätlich angegriffen. Wegen der Probleme bei der Berliner S-Bahn wurden teilweise Kinder von Eisenbahnern in der Schule angepöbelt. Dabei können die Kollegen in den Zügen und den Bahnhöfen nichts für die Lage. Im Gegenteil, sie leiden ebenfalls darunter.

Was sind die Ursachen für die Misere?
Es gibt mehrere Gründe. Ein wichtiger ist, dass man es bei der Bahn mit dem Spar- und Rationalisierungsdruck übertrieben hat. Es gibt zu wenige Fahrzeuge und zu wenig Personal etwa bei Wartung und Instandsetzung von Fahrzeugen. Auch hat man zu viele Subunternehmen eingesetzt, beispielsweise im Winterdienst. Wir haben den Eindruck, dass die Bahn immer mehr zur Modelleisenbahn verkommt, die nur noch auf Normalbetrieb ausgelegt und bei widrigen Bedingungen oft überfordert ist.

Die weiteren Gründe?
Verantwortlich ist auch die Industrie. Sie hat offenbar Fahrzeuge geliefert, die für solche Witterungsbedingungen nicht geeignet sind. Schwierigkeiten gibt es besonders bei jüngeren Fahrzeugen. Sie wurden oftmals zu früh auf den Markt gebracht. Man hat sie nicht ausreichend getestet. Das liegt auch am harten Vergabewettbewerb, bei dem stets das günstigste Angebot gewinnt. Um Kosten zu drücken, werden kaum noch Ersatzteile vorgehalten. Man muss wieder dazu kommen, dass an erster Stelle die Qualität steht – nicht nur der Preis. Und wir brauchen eine stärkere Haftung der Bahnindustrie für technische Mängel.

Bei ICE-Zügen müssen Achsen ausgetauscht werden. Über die Pannen bei der Berliner S-Bahn kann man nur den Kopf schütteln. Hat die Bahn wegen ihrer Börsenpläne an der Sicherheit der Kunden gespart?
Nein, auch wenn Renditedruck und Einsparungen eine Rolle gespielt haben, kann man nicht sagen, dass das Unternehmen bewusst Abstriche bei der Sicherheit in Kauf genommen habe. Die Bahn ist ja immer noch ein sehr sicheres Verkehrsmittel. Mehrere Beteiligte sind verantwortlich: die Bahn, die Fahrzeugindustrie und auch die Politik, wie sich gerade in Berlin gezeigt hat. Der Berliner Senat hatte immer wieder Druck ausgeübt, damit die S-Bahn billiger werden soll.

Durch mehr Wettbewerb bei der Auftragsvergabe wollen Besteller von Nahverkehrsleistungen Kosten senken und eine bessere Qualität bekommen. Was ist daran verkehrt?
Nicht in Ordnung ist, wenn der Wettbewerb fast nur über den Preis und die Personalkosten ausgetragen wird – also auf dem Rücken der Beschäftigten. Das sieht man auch bei der Vergabe des S-Bahn-Netzes in Hannover, um das sich mehrere Konkurrenten bewerben. Um den Auftrag zu verteidigen, tritt die DB Regio mit einer Tochter an, deren Mitarbeiter schlechter entlohnt werden sollen als bisher üblich. Ein solches Lohndumping ist nicht akzeptabel.

Vorstandschef Rüdiger Grube hat unlängst angedeutet, dass die Bahn zum geplanten Zeitpunkt des Börsengangs nicht reif dafür gewesen sei. Der Grund sind mangelhafte Fahrzeuge ...
... er hat darauf hingewiesen, dass nach dem Bekanntwerden der Fahrzeugmängel wohl der Aktienkurs nach unten gegangen wäre. Damit hat er recht. Aber nicht nur aus diesem Grund bin ich froh, dass der Börsengang abgeblasen wurde.

Ihre Gewerkschaft hatte die Börsenpläne allerdings recht wohlwollend begleitet. Ein Fehler?
Wenn Sie von „wohlwollend“ sprechen, dann ist das eine Fehlinterpretation. Wir haben uns nur dazu bekannt, dass es Wettbewerb auf der Schiene gibt. Und wenn der Staat Verkehrsleistungen an private Bahnen vergibt, dann kann man doch auch privates Kapital an der DB beteiligen. Worin besteht der Unterschied? Außerdem hatte die Große Koalition nur eine teilweise Privatisierung geplant, und der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn setzte die Vorgaben um. Die Bahn-Pläne der neuen, schwarz-gelben Regierung haben eine größere Tragweite: Was da im Koalitionsvertrag steht, läuft auf eine vollständige Privatisierung des Personen- und Güterverkehrs sowie der Logistik hinaus. Das ist viel schlimmer.

Nach den jüngsten Problemen der Bahn dürften jedoch noch mehr Bürger gegen eine Bahnprivatisierung sein als schon zuvor. Hat sich – realistisch gesehen – das Thema Börsengang nicht erledigt?
Damit hätten wir bei Transnet bestimmt kein Problem. Klar ist aber auch: Wenn es einen politischen Konsens gibt, dass die Bahn der öffentlichen Daseinsvorsorge dient und vollständig in der Hand des Staates bleiben soll, dann muss man ihr auch genügend Mittel zur Verfügung stellen.

Wofür wird das Geld vor allem benötigt?
Zum Beispiel für moderne Züge. Allein die Ablösung der ICE-Flotte kostet rund 6 Milliarden Euro. Bei den Bahnen ist ein Konzentrationsprozess im Gange. In Zukunft werden nur wenige Bahngesellschaften den europäischen Markt dominieren. Die DB muss die Chance bekommen, sich zu behaupten.

Auch die Bahn musste wegen der Wirtschaftskrise Einbußen verkraften, besonders im Güterverkehr. Bedeutet dies, dass Sie sich bei den nächsten Tarifverhandlungen zurückhalten?
Wir sind dabei, in Dialogen mit der Basis die Forderung zu formulieren. Unsere Kollegen wollen zumindest eine Sicherung der Realeinkommen. Es geht nicht nur um die Lohnhöhe, sondern auch um Beschäftigungssicherung. Der DB-Konzern wurde jedoch nicht so stark von der Krise getroffen. Er hat im vergangenen Jahr trotz allem ein gutes Ergebnis eingefahren. Es gibt Spielraum für höhere Einkommen der Beschäftigten.

Interview: Dirk Stelzl


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