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Glasherstellung

Minister warnt vor Abbau der Industrie

Energiewende stellt Glashersteller vor neue Herausforderungen – aber die alten sind noch nicht bewältigt. Ein Blick auf die Industrie mit dem Durchblick.
Flaschenherstellung bei Owen-Illinois: Das US-Unternehmen betreibt Glashütten in Rinteln und Holzminden.

Flaschenherstellung bei Owen-Illinois: Das US-Unternehmen betreibt Glashütten in Rinteln und Holzminden.

© Archivbild

Bad Münder. Bad Münder. In den niedersächsischen Glashütten ist die Verunsicherung groß. Gerade die Hersteller von Getränkeflaschen und Konservengläsern sehen sich von gleich mehreren Seiten unter Druck: Während die Verbraucher bei Mineralwasser und Erfrischungsgetränken längst Kunststoffflaschen bevorzugen, würden die ökologischen Vorteile der Glasverpackung von der Politik nicht hinreichend gewürdigt, heißt es in der Branche.

Zudem sehen die mehr als 2100 niedersächsischen Glaswerker in eine düstere Zukunft: Wenn im Zuge der Energiewende die Strompreise steigen, könnten das zuerst die industriellen Großverbraucher zu spüren bekommen. Die Glashersteller zählen eindeutig zu diesen sogenannten energieintensiven Branchen. Für sie wären höhere Energiekosten ein empfindlicher Wettbewerbsnachteil – vor allem im Vergleich zu ausländischen Hütten, die ihr Glas dann womöglich in Deutschland zu marktfähigen Preisen anbieten könnten.
Bisher sind es oft die hohen Transportkosten, die den Import von Behälterglas unwirtschaftlich machen. Schließlich lassen sich Glasflaschen nicht zusammenfalten wie Kartons. Es wird also immer viel Luft transportiert.

Zu allem Übel lasse die staatliche Förderpolitik in Ostdeutschland neue Glashütten entstehen, deren Betreiber nicht einmal Tariflohn zahlten und die deshalb das bestehende Preisniveau um 20 Prozent unterbieten könnten. „Da werden prekäre Arbeitsverhältnisse auch noch vom Staat gefördert“, wundert sich Hans-Georg Diekmann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Ardagh-Gruppe, die in Niedersachsen drei Werke mit zusammen gut 1100 Mitarbeitern unterhält. Diekmann sprach auf einem bundesweiten Betriebsrätetreffen der Branche in Bad Münder.

Unter seinen Zuhörern saß als Gast auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP). Er musste einräumen, dass viele Fragen, die die geplante Energiewende aufwirft, noch nicht zu beantworten seien. Wie sich die Preise entwickeln, wenn der bisher vergleichsweise günstige Atomstrom wegfällt, sei „unklar“, sagte Bode. „Wie bekommen wir die Energiewende hin, ohne in eine Phase der Deindustrialisierung zu kommen?“, fragte der Minister – und schob die Antwort nach: „Das ist nicht geklärt.“ Klar ist für Bode nur eines: „Es darf nicht das Ergebnis der Energiewende in Deutschland sein, dass Arbeitsplätze verloren gehen oder ins Ausland abwandern.“

In diesem Punkt waren sich im Wilhelm-Gefeller-Tagungszentrum der IG BCE alle einig. Auch Ardagh-Geschäftsführer Reinhard Wilhelm sieht das so. Er wies den Minister aber noch auf einen Punkt hin, an dem er sich eine neue Weichenstellung durch die Politik wünscht: Die Glasindustrie sollte – wie bis 2007 üblich – wieder selbst Altglascontainer aufstellen dürfen, forderte er. Seit Entsorgungsfirmen die Altglassammlung übernommen haben, seien die Preise enorm gestiegen, wie Gewerkschafter Diekmann vorrechnete: Zahlten die Glashütten 2003 noch 23 bis 26 Euro je Tonne Scherben, seien es in diesem Jahr schon 67 bis 70 Euro gewesen. Es finde in diesem Markt kein Wettbewerb statt.

Zudem, so berichtete Ardagh-Manager Wilhelm, sei die Qualität der Scherben schlechter geworden. Oft seien Keramik oder andere Materialien dazwischen, was die Glasproduktion erschwere. Deshalb müssten schon jetzt Scherben aus Skandinavien importiert werden. Es gibt sogar schon Überlegungen, in den USA Scherben einzukaufen.

[Helmuth Klausing]

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