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Wirtschaft „Der Dieselskandal bei VW? Da müssen wir was aushalten“
Nachrichten Wirtschaft „Der Dieselskandal bei VW? Da müssen wir was aushalten“
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00:24 26.11.2018
Karl-Heinz Kahle (58, links) trat 1987 in das Autohandelsunternehmen seiner Familie ein. Mittlerweile führt er fünf VW-Autohäuser mit insgesamt 350 Mitarbeitern. Heinrich Jacobi (69, rechts) führt das Autohaus Gessner & Jacobi. Dazu gehören zwei Standorte in Hannover mit insgesamt 120 Mitarbeitern. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Erfrischend offen antworteten die VW-Autohändler Karl-Heinz Kahle und Heinrich Jacobi auf die Fragen von HAZ-Wirtschaftsredakteur Christian Wölbert.

Herr Jacobi, Herr Kahle, Ihre beiden Familien verkaufen schon seit den Fünfzigerjahren Autos von VW. Was bedeutet Ihnen die Marke?

Kahle: Sie ist mein Leben. Ich bin in der Werkstatt groß geworden. Die Marke hat mich geprägt.

Jacobi: VW ist unser Hauptlieferant, mit dem wir klarkommen – in guten wie in schlechten Zeiten.

Der Dieselskandal läuft nun etwas über drei Jahre. Was war das für eine Zeit für Sie?

Jacobi: Das verlief wellenförmig. Nach dem Schock haben wir uns gefreut, dass die meisten Kunden uns treu geblieben sind. Konjunkturell bedingt hatten wir sogar drei ordentliche Jahre. Trotzdem möchte ich so einen Stress und Druck nicht mehr haben.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie zum ersten Mal von den Manipulationen hörten?

Kahle: Ich habe nur gedacht: Das kann doch nicht sein, was machen die denn?

Jacobi: Ich habe es im Autoradio gehört und einen Riesenschreck bekommen. Aber die Dimension war mir nicht ansatzweise klar. Dann kam das ,Spiegel’-Titelbild, auf dem der VW Beetle zu Grabe getragen wurde.

Wie haben Ihre Kunden reagiert?

Kahle: Sie hatten erst einmal viele Fragen. Aber wir hatten keine Informationen von VW.

Sie sind selbstständige Unternehmer, kein Teil des VW-Konzerns. Ist Ihren Kunden das bewusst?

Kahle: Nein, wir werden gleichgestellt. Bekannte von mir haben gesagt: ,Du arbeitest doch bei VW.’ Aber darüber dürfen wir uns nicht beklagen. Das Schild mit dem Markenlogo steht vor unseren Häusern.

Jacobi: Wir können die Verantwortung vor Kunde nicht nach Wolfsburg abschieben. Wir sind die Schnittstelle für den Kunden. Unsere Mitarbeiter mussten deshalb einiges aushalten.

Was genau?

Kahle: Es war und ist ein hoher psychischer Druck. Einige meiner Angestellten haben sogar gekündigt. Die haben gesagt, ich mache den Mist hier nicht mehr mit. Es ist eine Herausforderung für unser gesamtes Team und geht ganz schön an die Substanz.

Jacobi: Mitarbeiter wurden in Einzelfällen sogar beleidigt. Ein Beispiel: Ein Kunde fährt einen Diesel mit manipulierter Software und hat vollkommen unabhängig davon einen Defekt an der Wasserpumpe. Wir lehnen nach VW-Vorgabe eine Reparatur auf Kulanz ab. Dann wird der Kunde wütend: ,Ihr habt uns betrogen, und jetzt macht ihr genauso weiter.’ Es wird alles in einen Topf geschmissen.

Viele Kunden sind auch vor Gericht gezogen. Und zwar nicht gegen VW – sondern gegen Sie als Händler.

Jacobi: Wir leiten die Klagen an VW weiter, haben aber natürlich trotzdem viel Arbeit damit. VW zahlt eine Pauschale für diesen Aufwand.

Kahle: Außerdem haben wir Vereinbarungen mit VW über die Prozesskosten. Damit können wir halbwegs leben.

Haben Sie Verständnis für Kunden, die klagen?

Kahle: Haben wir. Sogar ein Freund von mir hat geklagt. Auch dafür habe ich Verständnis.

Jacobi: Ja, absolut. Die Kunden behalten unsere Wertschätzung. Das sind keine leeren Worte. Wenn sie sagen, das Auto habe ich so nicht bestellt – dann haben sie objektiv recht.

In wie vielen Fällen wurden Sie verklagt?

Kahle: Es waren weniger als hundert. Jetzt habe ich beim Oberlandesgericht nur noch einen Fall. Es ist ja bekannt, dass VW versucht, Urteile durch Vergleiche zu vermeiden.

Jacobi: Wichtig ist: Das sind Einzelfälle. Das größte Problem ist, dass alle Diesel massiv an Wert verloren haben.

Kahle: Das ist der Punkt. Da wurden wir in gewissem Maß von VW alleingelassen. Wir haben vor dem Skandal die Restwerte vereinbart. Dann sind die Preise weggebrochen. Das gibt es nur in Deutschland, dass das Risiko komplett beim Händler liegen kann. Die VW-Bank ist zwar bereit, es zu übernehmen, aber das kostet uns einen erheblichen Teil unserer Marge. Und die ist nicht üppig. Im Durchschnitt schaffen VW-Händler eine Rendite von einem Prozent vor Steuern. Bei uns sieht es etwas besser aus, aber wir sind nicht weit weg davon.

Jacobi: Nehmen wir einen Tiguan, der mal 45.000 Euro gekostet hat. Wir haben einen Restwert von 26.000 Euro nach drei Jahren angenommen, jetzt sind es nur noch 15.000 Euro. Die Differenz ist unser Verlust.

Ihr Händlerverband hat für die Wertverluste Schadensersatz von VW gefordert. Hat er sich durchgesetzt?

Jacobi: VW hat etwas überwiesen, und wir sind damit zufrieden. Den Schaden insgesamt hat es aber nicht ausgeglichen.

Haben Sie Verständnis dafür, dass die Kunden keine Diesel mehr wollen?

Kahle: Die ständigen Meldungen über Fahrverbote verunsichern. Aber viele Entscheidungen sind nicht mehr nachvollziehbar. Sehen Sie sich den VW-Fahrdienst Moia an: Die Busse fahren mit Benzin und verbrauchen bestimmt circa 25 Liter pro 100 Kilometer. Das ist doch irre. Der Diesel verbraucht weniger, stößt weniger CO2 aus, und die neuen Modelle sind sauber. Aber darüber wird kaum berichtet.

Eine Spätfolge des Dieselskandals sind die aktuellen Probleme mit dem Abgastest WLTP. VW kann deshalb viele Modelle nicht liefern. Wie wirkt sich das aus?

Kahle: Manche Kunden rufen jeden Tag an und fragen, wann endlich ihr Auto kommt. Aber die meisten bleiben gelassen. Wir werden jedenfalls logistische Probleme bekommen, wenn die Modelle freigegeben werden. Dann müssen wir auf einen Schlag Hunderte Autos kontrollieren und ausliefern.

Jacobi: Wir sind spezialisiert auf Sonderfahrzeuge wie Taxis. Da gibt es Riesen-Verzögerungen, weil VW zuerst die Massenmodelle freigibt. Wir verpassen Ausschreibungen und verlieren Volumen.

Trotz dieser Probleme: Hatte der Dieselskandal aus Ihrer Sicht auch positive Folgen?

Kahle: Es war ein Weckruf. Ich glaube, unter der alten Leitung wären wir mit Verbrennungsmotoren weitermarschiert. Wir hätten den Trend zum Elektroauto verschlafen.

Elektroautos müssen jedoch seltener gewartet werden, das bedeutet weniger Umsatz für Ihre Werkstätten. Gleichzeitig forciert VW den Online-Vertrieb. Brauchen wir in 30 Jahren überhaupt noch Autohäuser?

Jacobi: Wir nehmen an dem Wandel teil. Auch wer online direkt bei VW bestellt, wird einen Händler als Partner auswählen müssen, und der Händler erhält eine Provision. Gleichzeitig schauen wir uns selbst neue Geschäftsmodelle an. Zum Beispiel Carsharing: Wir haben die Autos, die Flächen. Vielleicht werden wir der Familie keinen Touran mehr verkaufen – aber Mobilität.

Kahle: Online kann man Autos in einer festen Konfiguration verkaufen. Sobald man ein bisschen Individualität möchte, braucht man weiterhin einen Händler vor Ort. Eine Vielzahl der Kunden wird auch in Zukunft bei einem so hohen Invest nicht nur von einer Maschine beraten werden

Wissen Sie schon, wer Ihre Betriebe weiterführen wird?

Jacobi: Meine Frau ist 20 Jahre jünger als ich, und sie ist bereits Mitgesellschafterin und Geschäftsführerin. Meine Tochter ist erst 23, da müssen wir mal schauen.

Kahle: Meine Kinder wollen den Betrieb übernehmen. Ob sie es dann auch so können, wie es nötig ist, wissen wir noch nicht. Der Anspruch an den Job ist hoch. Und wir als Eltern stellen uns auch die Frage, ob wir das den Kindern antun wollen.

Von Christian Wölbert

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