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Nachrichten Wirtschaft Britische Wirtschaft zittert: Der „Brexodus“ hat begonnen
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06:27 28.01.2019
Erste Firmen haben angedroht, die britische Insel zu verlassen. Finanzinstitute lagern Geschäftszweige aus. Quelle: dpa/epa/Andy Rain
London

Für die Brexit-Hardliner war es nichts als „Angstmacherei“, mit der Pro-Europäer die Briten zu schrecken suchten. Und viele Brexit-Wähler glauben den Warnungen vor den Konsequenzen einer abrupten Abkoppelung von Europa noch heute nicht. Doch es mehren sich die Zeichen, dass sich die düsteren Prognosen bewahrheiten: Während das Land ohne alle vertragliche Absicherung auf das Exit-Datum zu schlittert, hat der „Brexodus“ begonnen.

Nicht nur kehren immer mehr Arbeitskräfte aus der EU ihrer einstigen Wahlheimat den Rücken – mit ernsten Folgen zum Beispiel für die Patientenversorgung im Land. Auch immer mehr Großunternehmen und Banken schließen britische Operationen. Mit großer Sorge verfolge die Welt, wie ihr Land sich mit dem Brexit abquäle, hat die Geschäftsführerin des Britischen Industriellenverbands CBI, Carolyn Fairbairn, gerade beim Wirtschaftsforum in Davos erklärt,

„Manche zweifeln schon am globalen Gütezeichen des Vereinigten Königreichs“, sagte Fairnbairn. Hier werde „ein Schaden angerichtet, der nicht wieder gut zu machen sein wird“. Vor allem müsse man jetzt einen „No-Deal“-Brexit verhindern: „Sonst werden weiter Jobs und Investitionen bei uns im ganzen Land verloren gehen.“

Neue Firmensitze in Dublin, Paris und Frankfurt

Die Sorge ist durchaus begründet. Viele internationale Finanzinstitute haben bereits Geschäftszweige ausgelagert. In Dublin, Paris, Frankfurt, Luxemburg belebt sich das Geschäft. Autokonzerne haben Produktionspausen und Stellenabbau in Großbritannien angekündigt. Einige haben offen damit gedroht, bei Chaos an den Grenzübergängen ihre Produktion ganz einzustellen, „wenn es zum Schlimmsten kommt“.

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Just hat der Elektronik-Riese Sony gemeldet, dass er sein europäisches Hauptquartier nach Amsterdam verlegt. Panasonic ist Sony auf diesem Weg voraus gegangen. Die Großbank HSBC hat sich Paris als neue Europazentrale ausgeguckt. Und Barclays und Bank of America wollen nach Dublin ziehen. Hunderte anderer Firmen wollen folgen.

Zwangsläufig verschwinden auch EU-Ämter aus London. Die Europäische Arzneimittel-Agentur ist mit 900 Arbeitsplätzen nach Amsterdam abgewandert. Die Europäische Banken-Aufsichtsbehörde ist nach Paris verlegt worden. Staatspräsident Emmanuel Macron hat auswärtigen Managern gerade in Versailles die Vorzüge seines Landes geschildert. „Wählt Frankreich!“ war die Parole seiner Veranstaltung.

„Wir bleiben isoliert und allein“

Unterdessen planen Firmen aller Art in Großbritannien neue Vorratslager für Fertigprodukte und Fabrikationsteile. Beim Autokonzern Bentley stöhnt man über Brexit als den „Killer“ aller Profitabilität, und Airbus droht mit dem lange Zeit Undenkbaren: Das Unternehmen könne sich ganz aus dem Vereinigten Königreich zurück ziehen, falls es in neun Wochen zu einem „No-Deal“-Brexit komme. „Täuscht euch nicht, Leute“, sagte Konzernchef Tom Enders. „Es gibt da draußen genug Länder, die liebend gern die Tragflächen für unseren Airbus bauen würden.“

Der europäische Konzern ist mit 14.000 Mitarbeitern eines der größten Unternehmen überhaupt in Großbritannien. Mehr als 100.000 weitere Jobs hängen von seiner Präsenz auf der Insel ab. „Bitte glaubt nicht dem Wahnsinn der Brexiteers, die euch versichern, dass wir niemals abziehen, dass wir für alle Zeit hier sein werden, nur weil wir große Fabrikationshallen hier haben“, fügte Enders hinzu. „Diese Leute irren sich.“

Der Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegner David Lammy fand, es gebe „kein sinnfälligeres Bild“ für den Schaden, den sich Großbritannien mit seiner Brexit-Wut zufüge: „Wenn uns erst mal die Flügel gestutzt sind, sind wir hier isoliert und allein.“

Britische Unternehmen ziehen sich zurück

Noch mehr Warnleuchten haben „typisch britische“ Firmen angeschaltet. Das Fährunternehmen P&O, seit 1837 ein Stolz des Königreichs, hat beschlossen, künftig unter der Flagge Zyperns zu fahren, um weiter EU-Vergünstigungen zu genießen. Immerhin soll die P&O-Kanalfähre „Spirit of Britain“ ihren Namen behalten.

Das andere Unternehmen, vom früheren Premierminister David Cameron seinerzeit als „große britische Erfolgsgeschichte“ gefeiert, ist Dyson, berühmt für seine Staubsauger und andere nützliche Produkte. Wie die Firma des Milliardärs Sir James Dyson jüngst bekannt gab, will sie ihr Hauptquartier nach Singapur verlegen – offenbar noch vor dem Austrittstermin Ende März. Dyson will künftig als „globales Technologie-Unternehmen“ und nicht mehr als „britische Erfolgsgeschichte“, betrachtet werden. Belächelt worden ist in London freilich Dysons Beteuerung, dass dieser Schritt nichts mit dem Brexit zu tun habe. Singapur verfügt seit vorigem Oktober über einen Handelsvertrag mit der EU, auf den die Briten noch Jahre warten müssen.

Brexit-Befürworter Dyson verlässt die Insel

Der Dyson-Beschluss hat aber noch eine tiefere Bedeutung. Denn James Dyson war einer der aggressivsten Brexiteers. Er war es, der „Brexitannien“ eine goldene Ära verhieß und der britischen Regierung nahelegte, getrost ohne Deal aus der EU auszuscheiden. „Die kommen schon zu uns“, prophezeite er mit Blick auf EU-Investoren. Nun zieht er, mit der Firmenkasse, seinerseits fort. Das sei doch, erregt sich die liberaldemokratische Abgeordnete Layla Moran, eine Unverschämtheit sondergleichen. Es sei „eine unglaubliche Heuchelei.“

In der Tat ist bei Brexit-Gegnern unvergessen geblieben, dass der bis heute führende Brexit-Bannerträger Jacob Rees-Mogg für die von ihm mitbegründete Investment-Firma Somerset Capital Management voriges Jahr zwei neue „Geschäfts-Vehikel“ in Dublin schuf, um weiter einen Standort im EU-Raum zu haben. Sir John Redwood, ein EU-Hasser und Veteran der Tory-Rechten, den schon Ex-Tory-Premier John Major einen „Bastard“ nannte, hat als Finanzstratege der Charles Stanley Investment Bank deren Investoren geraten, ihr Geld aus Großbritannien abzuziehen und sich „woanders“ umzusehen.

„Die lautesten Brexiteers“, meinte jetzt der „Guardian“-Kolumnist Jonathan Freedland, könnten es sich dank ihres Reichtums und ungeachtet ihrer eigenen Praxis leisten, großspurig von „Souveränität“ zu reden, „während jedermann sonst mit der zappendusteren Realität fertig werden muss“.

Von Peter Nonnenmacher

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