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Volkswagen Konzernchef Diess: „An die Mitbestimmung hier musste ich mich erst gewöhnen“
Nachrichten Volkswagen Konzernchef Diess: „An die Mitbestimmung hier musste ich mich erst gewöhnen“
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21:00 26.09.2018
Wenn es doch nur immer so harmonisch bliebe: Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh (r.) und Konzernchef Herbert Diess ringen mitunter hart um Sachthemen – schätzen einander aber stets als verlässliche Partner.
Wolfsburg

Diskutieren auf Augenhöhe: Im Doppelinterview für die VW-Betriebsratszeitung „Mitbestimmen“ sprachen Konzernchef Herbert Diess (l.) und Betriebsratsboss Bernd Osterloh über die Herausforderungen, Chancen und Ausflüge mit dem Motorrad.

Herr Diess, beim Thema WLTP hängt der Wettbewerb VW ab. Kämpfen Sie noch mit der Gegenwart – und die Konkurrenz setzt schon Euro 7 um?

Diess: Die Antwort ist zweigeteilt: Ja, VW und Audi haben einen deutlichen Rückstand. Sie hatten aber in den letzten Jahren auch die Dieselkrise zu bewältigen. Unsere Entwicklungsteams standen unter enormem Druck. Zudem haben wir die Projekte nicht gut genug gesteuert. Uns sind da ein paar Fäden heruntergefallen. Aufbau, Vorbereitung, Messung, Dokumentation, Behördenkommunikation – das alles bei einer Unmenge von Fahrzeugen. Ein schwieriger Prozess, den wir nicht so organisieren konnten, dass wir zeitgerecht fertig werden. Wir hatten prozessseitig klare Defizite. Andererseits bin ich inzwischen sicher, dass sich unsere Mannschaften im nächsten Jahr so aufgestellt haben, dass wir das Thema mindestens genauso gut beherrschen wie der Wettbewerb. Und bei Euro 7 sind die Projekte im Terminplan – da mache ich mir weniger Sorgen.

Osterloh: Bei WLTP stellen sich in der Tat ein paar ganz grundsätzliche Fragen: Wie sehr liegen die Verzögerungen an den Prozessen dort? An der Organisation? An der Führung? Und ein ganz anderes Thema ist, was durch WLTP eigentlich besser wird. Der Gesetzgeber hat den Aufwand heftig erhöht. Die Messergebnisse liegen etwas näher am tatsächlichen Verbrauch. Aber mit dem reellen Verbrauch auf der Straße hat das auch noch nichts zu tun – wie eigentlich schon immer.

Ein anderes wichtiges Thema: Wie oft streiten Sie sich eigentlich noch?

Diess: Richtig gestritten haben wir ja selten. Und ich muss sagen: Im Endeffekt habe ich immer Recht behalten (beide lachen).

Osterloh: „Ich habe immer Recht behalten“ – das wäre eine schöne Überschrift für das Interview. Wobei diese Aussage natürlich nur für mich gilt (beide lachen erneut).

Diess: In vielen Themen haben wir sehr ähnliche Einschätzungen. Von daher sollte es uns gelingen, Konflikte gemeinsam zu bewältigen.

Osterloh: Genau. Wir hatten damals einen Konflikt um das richtige Tempo beim Abbau der Leiharbeitnehmer und Aufbau neuer Arbeitsplätze.

Wie lange hält Ihr Burgfrieden?

Osterloh: Wir haben nach wie vor unsere Meinungsverschiedenheiten. Aber die tragen wir nicht öffentlich aus. Wenn wir solche Diskussionen führen, dann unter vier Augen.

Herr Diess, was unterscheidet einen typischen BMW-ler vom VW-ler?

Diess: Die Unterschiede sind geringer als man denkt. Die BMW-ler haben auch eine hohe Identifikation mit ihrem Unternehmen, sind produktorientiert, autoversessen – stehen zu ihrer Marke und ihrer Tradition. Am ehesten spürt man Unterschiede in der Organisation: Die ist straffer, die Führungskräfte bei BMW nehmen sich mehr raus, sind im Dialog und im Ringen um Ideen und Konzepte vielleicht ein bisschen moderner.

Wie erleben Sie die starke Mitbestimmung hier? Auch als modern?

Diess: Ich komme ja aus einem Unternehmen, in dem die Mitbestimmung auch einen hohen Stellenwert hat. An die Mitbestimmung hier musste ich mich erst gewöhnen (beide lachen).

Und mit welchem Ergebnis?

Diess: Die Mitbestimmung hat bei uns einen besonderen Stellenwert. Das ist zum Teil sicherlich auch dadurch begründet, dass Herr Osterloh dieses Unternehmen sehr gut kennt und das Automobilgeschäft sehr gut versteht. So jemand hat mehr Mitgestaltungsanspruch als jemand, der die Arbeitnehmer nur entlang des Betriebsverfassungsgesetzes vertritt. Wir müssen aber auch sehen, dass uns das System der Mitbestimmung manchmal bremst. Hier kommt es auf eine gute Balance an, alle Interessen müssen vernünftig berücksichtigt werden. Aber ich glaube, ich komme in dem System ganz gut zurecht.

Klingt eher diplomatisch. Überwiegen für Sie die Nachteile?

Diess: Die Transformation und der dafür notwendige Umbau, der auf unsere Branche zukommt, ist wirklich schwerwiegend. Jetzt lass mal eine Krise dazukommen. Dann ist ein so großes Unternehmen wie Volkswagen, das damals, als ich dazukam, keine zwei Prozent Rendite hatte, in einer viel schwierigeren Situation als ein kleineres Unternehmen wie BMW mit zehn Prozent Rendite. Für einen Wandel samt Krise wäre es ohne ausreichende Rendite von mindestens sechs Prozent sehr schwierig, Volkswagen durchzubringen. Daher trägt auch die Mitbestimmung hier enorme Verantwortung, mit Weitsicht Weichen zu stellen.

Osterloh: Genau dafür stehen wir doch, schauen Sie den Zukunftspakt an. Der entstand auf unsere Initiative. Weil wir keine Salami-Taktik und keine Grabenkämpfe wollten, sondern Verlässlichkeit auf Augenhöhe.

Diess: Da kommt ja ins Spiel, was ich an der Mitbestimmung schätze: Denn der Vorteil mit den hier handelnden Personen ist, dass man unternehmerisch denkende Vertreter der Mitbestimmung hat. Denn nur, wenn man die Zukunft richtig einschätzt, kann man sich auch besser vorbereiten, die richtigen Schlüsse ziehen und dann gemeinsam durchstarten. Ein großer Prüfstein ist jetzt das Thema Software: Werden wir auf diesem Feld richtig kompetent? Wir haben ja eine ganze Reihe von Baustellen im Unternehmen. Aber wenn wir so vorankommen wie in den vergangenen drei Jahren, mache ich mir keine Sorgen. Und wenn es mal wieder ruppiger wird zwischen Herrn Osterloh und mir, dann halten wir beide das aus. Ich zumindest.

Osterloh: Ich auch (beide lachen).

Herr Diess, Themenwechsel: Sind Sie warm geworden mit Niedersachsen?

Diess: Ich fühle mich wohl hier!

Als früherer BMW-Mann tauschen Sie nun die Berge gegen das Meer?

Diess: Ich segele und habe Kitesurfen angefangen. Aber die Berge spielen schon noch eine Rolle. Das machen ja auch viele Niedersachsen so.

Sind Sie denn nur beim Kitesurfen für niemanden erreichbar?

Diess: Nein, solche Phasen gibt es immer wieder mal. Die brauche ich auch. Also raus ans Meer oder in die Berge. Beim Kiten zum Beispiel denke ich überhaupt nicht an die Arbeit. Das ist auch wichtig: Um in der Woche fit zu sein, braucht man am Wochenende auch eine Auszeit.

Osterloh: Das ist ein tolles Signal von Herrn Dr. Diess. Genau das fordern ja auch wir: Natürlich soll man für seine Aufgaben, die Produkte, das Unternehmen brennen. Aber im Feierabend, am Wochenende, in der Freizeit, da hat man ein Recht auf Abstand. Etwa für Familie, Freunde, Hobbys oder ein Ehrenamt. Wenn ich mich um die Familie kümmere, kann alles andere warten. Ansonsten schalte ich ab beim Motorradfahren: Ich habe die große Ducati, die Panigale V4 S. Da ist die Arbeit weit weg.

Diess: Das ist ja das Gute: Beim Motorradfahren schaltet man vollständig ab. Ich fahre übrigens auch die V4 S. Ducati ist eine fantastische Marke.

Sind Sie auch beim Motorradfahren öfter stundenlang nicht erreichbar?

Diess: Der Laden muss auch laufen, wenn der Chef nicht da und nicht erreichbar ist. Aber wenn ich gebraucht werde, bin ich natürlich da.

Sie halten nicht alle halbe Stunde an und checken erstmal das Telefon?

Diess: Klares Nein.

Wagen Sie eine Ausfahrt zusammen?

Osterloh: Keine schlechte Idee.

Diess: Ich bin schon ganz gespannt auf Ihre Lieblingsstrecke.

Von der AZ/WAZ-Redaktion

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