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Olympia 2016
Bach: Saubere Sportler müssen geschützt werden

Sportpolitik Bach: Saubere Sportler müssen geschützt werden

Der IOC-Präsident sieht im Anti-Doping-Kampf eine zentrale Herausforderung für das kommende Jahr. Für Thomas Bach müssen die Reform der Welt-Anti-Doping-Agentur und die Aufarbeitung des McLaren-Reports rasch angepackt werden.

Lausanne. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hält die Entscheidung, eine russische Mannschaft bei den Olympischen Spielen antreten zu lassen, weiter für die einzig richtige.

"Das gefällt nicht jenen, die sich eine politische Symbolentscheidung gewünscht hatten. Unsere Doktrin ist der Schutz der sauberen Athleten", sagte Bach einem Interview der Deutschen Presse-Agentur, das bereits vor der Veröffentlichung des zweiten

McLaren-Reports zum Doping in Russland geführt wurde.

Was sagen Sie zur nicht verstummenden Kritik daran, dass Sie Russlands Mannschaft nicht komplett in Rio de Janeiro ausgeschlossen haben?

Thomas Bach: Es wird, nachdem sich die Aufgeregtheit gelegt hat, zunehmend anerkannt, dass wir eine Entscheidung nach Maßstäben der Gerechtigkeit für Athleten getroffen haben. Und wir uns eben geweigert haben, eine politische Entscheidung zu treffen. Dies wird mehr und mehr verstanden. Unsere Doktrin ist der Schutz der sauberen Athleten. Das heißt für eine globale Organisation wie das IOC der Schutz der sauberen Athleten auf der ganzen Welt - unabhängig von ihrer Herkunft und ohne jede Unterschiede.

Wo steht das IOC selbst im Anti-Doping-Kampf - unabhängig von der WADA-Reform. Was fehlt noch?

Bach: Weil wir nicht auf die WADA-Reform warten wollten, hat das IOC zu den Spielen in Rio schon gemacht, was in unseren Möglichkeiten stand: Das weitreichendste Nachkontrollprogramm für gelagerte Dopingproben von Peking 2008 und London 2012, mit dem wir 41 Athleten herausfischen konnten, die gar nicht erst in Rio antreten konnten. Die Bestrafung von Dopern haben wir dann unabhängig vom IOC gemacht und in die Hände des Internationalen Sportgerichtshofs gelegt. Unabhängig vom Fortgang der Reform der WADA wollen wir dann zu den Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang auch das gesamte Testsystem vom IOC lösen.

Wie kann die Reform der WADA auch angesichts der Dopingprobleme mit Russland rasch gelingen?

Bach: Es hat bisher schlichtweg am Dialog der Beteiligten gehakt. Es hat nicht genügend direkten Austausch gegeben zwischen den Vertretern der olympischen Bewegung und den Regierungen. Das hat zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen auf beiden Seiten geführt. Wir wollen jetzt diesen Dialog stärken und haben die Regierungsvertreter eingeladen. Man muss dann nicht immer zu denselben Schlussfolgerungen kommen, aber man muss gegenseitig die Argumente verstehen. Zum nächsten Treffen des WADA-Stiftungsrates sollte es aus meiner Sicht gelingen, zu Ergebnissen zu kommen.

Was muss der Kern der Reform sein?

Bach: Wir wollen, dass die Sportorganisationen und die Regierungen mit ihren nationalen Interessen und den nationalen Anti-Doping- Agenturen auf gleichem Abstand sind. Nur dann gibt es Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Wir sehen, dass viele der Probleme, die auftreten, nicht Probleme der internationalen Verbände, sondern schlicht nationale Probleme sind: Russland ist ein nationales Problem, aber auch Kenia oder Spanien. Deshalb muss es international ein transparentes Testsystem geben, das beispielsweise einem Stabhochspringer klare Vorgaben macht. Wie viele Tests braucht er, bevor er bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen starten kann. Der Athlet muss sich dann darauf verlassen können, dass sein Konkurrent aus einem anderen Land mindestens genau dieselbe Zahl an Tests machen musste - unabhängig davon, wo er gerade auf der Welt trainiert.

Wie kann man das im Moment so schwer belastete Verhältnis zu Russland reparieren?

Bach: Die WADA und internationale Experten kümmern sich ja gerade um das suspendierte Moskauer Labor sowie die Russische Anti-Doping-Agentur Rusada, damit das Labor wieder akkreditiert und das Land wieder Code-compliant (Anmerkung: In Übereinstimmung mit den geforderten Standards) erklärt werden kann. Das ist ein laufender Prozess.

Wie beurteilen Sie, dass nicht ARD und ZDF, sondern künftig Eurosport, ein Tochtersender des US-Senders Discovery, von Olympischen Spielen berichtet?

Bach: Wir hätten uns gefreut, wenn es zu einer Übereinkunft zwischen Discovery und ARD/ZDF gekommen wäre, waren aber nicht an den Verhandlungen über die Sub-Lizenzen beteiligt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Eurosport eine qualitativ hochwertige Berichterstattung machen wird. Es wird nicht nur die 100 plus Stunden Übertragung der Winterspiele und 200 plus Stunden der Sommerspiele im frei empfangbaren Fernsehen, sondern eben auch alle für Deutschland besonders interessanten Entscheidungen geben. Das Programm wird auf die deutschen Zuschauer zugeschnitten sein. Was damals den Ausschlag bei der Vergabe der Rechte für Discovery gegeben hat, war der Zusatz an digitalem Angebot und die enge Zusammenarbeit mit dem digitalen Olympischen Kanal. Und die Zahlen von Rio bestärken uns: Der Anteil des olympischen Angebots auf digitalen Kanälen wird immer wichtiger.

Wie kann Olympia für die nächsten Generationen attraktiv bleiben?

Bach: Die Herausforderung und Kunst bei der Gestaltung des olympischen Programms ist, die richtige Mischung zwischen Tradition und Fortschritt zu finden. Man muss offen für moderne Sportarten sein, aber man darf nicht jedem Trend hinterherlaufen und dem schnell wieder verschwindenden Zeitgeist erliegen. Das gelingt uns angesichts unserer Erhebungen zu den Rio-Spielen recht gut. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung hat die Spiele verfolgt. Wir haben bei den Umfragen gesehen, dass die Wahrnehmung des IOC und der Spiele selbst - von London nach Rio - nun sehr viel moderner geworden ist.

Sie überdenken das Verfahren, Olympische Spiele künftig anders zu vergeben, so dass die unterlegenen Städte nicht wie Verlierer fühlen. Wo steht das IOC in diesem schwierigen Prozess?

Bach: Es war jetzt zunächst wichtig, intern das Eis zu brechen und die Bereitschaft der Mitglieder der Exekutive zu sondieren, über diesen Prozess nachzudenken. Wir sind jetzt an dem Punkt, dass Übereinstimmung herrscht, dass wir darüber nachdenken. Das Gute ist, dass wir uns Zeit nehmen und auch mit den internationalen Verbänden reden können. Die ersten Spiele für die ein neuer Prozess in Frage kommt sind die Winterspiele 2026, deren Vergabe 2019 ansteht.

Zur Person: Thomas Bach (62) ist seit 2013 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Bach war selbst aktiver Fechter und gewann 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal Gold mit der Mannschaft. Er ist der neunte Präsident des IOC.

dpa

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