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Niedersachsen Deutsche in Angst vor hartem Brexit: Besuch in einem zerrissenen Land
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00:17 15.02.2019
Angst vor chaotischen Zuständen: Der Chef der Londoner Dependance der Aerzener Maschinenfabrik, Matthew Morey (rechts), berichtet im Gespräch mit Europaministerin Birgit Honé, dass er die Lagerkapazitäten vorsorglich um 20 Prozent aufgestockt hat. Quelle: Marco Seng
London

„Bitte, helfen Sie uns!“ Der Appell von Tanja Bültmann gibt die Verzweiflung vieler Deutscher, die in Großbritannien leben, wieder. Vermutlich sogar die Verzweiflung von vielen der 3,6 Millionen EU-Bürger im Königreich. Der Brexit rückt näher, und die Lage auf der Insel wird offenbar von Tag zu Tag dramatischer. Auch für die EU-Bürger, die nicht wissen, ob sie nach dem 29. März im Land bleiben können oder gehen müssen. Für Tanja Bültmann, Professorin an der Universität Newcastle, gibt es nur zwei Möglichkeiten: britische Staatsbürgerin werden oder Goodbye sagen. Sie will sich nicht in die Listen für EU-Ausländer eintragen, will nicht als Bürgerin „zweiter Klasse“ stigmatisiert werden. Viele Studenten seien schon gegangen, sagt sie.

Sorgenfalten werden tiefer

Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung trifft sich Niedersachsens Europaministerin Birgit Honé im Keller eines Pubs im Stadtteil Victoria mit deutschen Doktoranden, Stipendiaten, Professoren. Geschichten wie die von Tanja Bültmann hört sie viele an diesem Abend. „Uns macht der Brexit große Sorgen“, hat die SPD-Politikerin schon vor ihrer dreitägigen Londonreise gesagt. Am Ende des Besuchs sind die Sorgenfalten bei Honé deutlich tiefer geworden. Einige Abgeordnete, mit denen die Ministerin im Parlament spricht, bringen es ohne große Umschweife auf den Punkt. „Das ist eine Katastrophe für das Land“, sagt einer. „Die Zeit läuft davon.“ Und auch das hört Honé immer wieder: „Wir wissen nicht, was passieren wird.“

Während die niedersächsische Ministerin in Westminister Hall mit den Abgeordneten spricht, bittet gleich nebenan im Unterhaus die britische Premierministerin Theresa May ihre Landsleute um Geduld. May sage immer dasselbe, nichts habe sich geändert, schimpft der Labour-Abgeordnete Paul Farrelly, Vorsitzender der britisch-deutschen Parlamentariergruppe. Farrelly schimpft mit einem breiten Grinsen. Britischer Humor beim Blick in den Abgrund.

In einem sind sich die politischen Beobachter in London einig. Die Premierministerin will das Austrittsabkommen mit der EU im britischen Unterhaus durchsetzen, zur Not in letzter Sekunde. Umstritten ist vor allem noch der sogenannte Backstop, die Regelung für Nordirland. „Last man standing“ nennen die Briten das gefährliche Spiel mit dem Feuer. Und wenn es nicht klappt? Dann kommt der ungeregelte Brexit, den eigentlich niemand will. Den aber viele Briten offenbar in Kauf nehmen würden.

„Das sind hier zum Teil Sturköpfe“, erklärt Felix Dane von der Konrad-Adenauer-Stiftung in London, mit dem sich Honé in der Residenz des deutschen Botschafters trifft. Es schwinge auch Stolz mit. Viele Briten gäben der EU und Frankreich die Schuld am Brexit, weniger Deutschland. Dane beziffert die Chancen für einen ungeregelten Austritt auf 50 Prozent. Und dann? „Ich glaube, dass das Vereinigte Königreich mittelfristig zerfällt, wenn es zum harten Brexit kommt“, sagt Dane. Mittelfristig würden sich Nordirland und Irland vereinigen und Schottland unabhängig werden. Eine gewagte These, die aber bei der kleinen niedersächsischen Delegation für betretene Gesichter sorgt.

Deutsche Firma legt vorsorglich ein größeres Lager an

Der erste Schlag beim harten Brexit würde allerdings die Wirtschaft treffen. In Loughton hört Honé das von einem Betroffenen. Am nördlichen Stadtrand von London residiert eine Filiale der Aerzener Maschinenfabrik. Das niedersächsische Unternehmen beschäftigt 50 Mitarbeiter, die vor allem Gebläse bauen und reparieren. Matthew Morey, der englische Chef der Niederlassung, nimmt kein Blatt vor den Mund. Morey sagt, die Briten seien nicht vorbereitet auf den Brexit, vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht. Er kritisiert die May-Regierung, die nach seiner Ansicht seit zwei Jahren nichts mehr macht. Das könne Honé in London ruhig so sagen, gibt Morey der Ministerin mit auf den Weg. „Mache ich gerne“, antwortet die SPD-Politikerin. Die Aerzener Maschinenfabrik in Loughton hat vorgesorgt und ihre Lagerkapazitäten um 20 Prozent erhöht. Man weiß ja nie.

Drei Tage in London: Ministerin Birgit Honé. Quelle: Marco Seng

Honé hört in den drei Tagen von Politikern, Wissenschaftlern oder Experten vieles über den Brexit, was in Niedersachsen noch nicht so bekannt ist: dass etwa die Lebensmittelkonzerne nach dem 29. März mit Lieferengpässen rechnen. Dass das auch für Arzneimittel gelte. Dass zahlreiche Unternehmen ihre Belegschaft bereits im April in die Betriebsferien schicken wollen. Dass die Briten Parkplätze für Tausende Lastwagen vor den Fährhäfen bauen. Dass alleine 90 000 Nordiren bereits einen irischen Pass beantragt haben. Auch viele Briten mit irischen Wurzeln wechseln offenbar noch schnell die Seite.

Honé ist für einen klaren Schnitt

Honé hält nach allem, was sie in London erfährt, einen Schnitt für notwendig, auch um einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien möglich zu machen. „Wir sehen, wie zerrissen das Land ist.“ Die Europaministerin hofft noch auf einen weichen Brexit, spricht aber schon von Schadensbegrenzung für Niedersachsen. „Ich habe den Mittelstand informiert und gesagt, dass die Unternehmen Vorsorge treffen müssen.“

Noch ist Großbritannien nach den Niederlanden und Frankreich der drittwichtigste Handelspartner für Niedersachsen. Ein harter Brexit könnte vor allem die Autoindustrie und die Landwirtschaft treffen. Da passt es ganz gut, dass Honé nach dem Treffen mit Fischereiminister George Eustice einen kleinen Erfolg bei den Fangquoten in der Nordsee vermelden kann: „Für 2019 sind keine Veränderungen zu befürchten.“

Von Marco Seng

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