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Niedersachsen Högel: „Ich weiß nicht, warum ich so eiskalt war“
Nachrichten Politik Niedersachsen Högel: „Ich weiß nicht, warum ich so eiskalt war“
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18:02 21.11.2018
Niels Högel, angeklagt wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg, sitzt am zweiten Prozesstag neben seiner Anwältin Ulrike Baumann im Gerichtssaal. Quelle: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
Oldenburg

In der Haut der Angehörigen möchte man nicht stecken, wenn Niels Högel ohne große Gefühlsregungen über die Tötung seiner Opfer im Klinikum Oldenburg berichtet. Karl S., gestorben am 27. Dezember 2000: „Die Erinnerung ist da, es gab auch eine Manipulation“, sagt Högel. Elfriede D., gestorben am 5. März 2001: „Erinnerung und Manipulation.“ Jutta W., gestorben am 13. März 2001: „An die Frau erinnere ich mich sehr gut und auch an meine Manipulation.“ Und dann zeigt Högel doch etwas wie menschliche Regung, ja sogar Reue. Als Nebenkläger-Anwältin Gaby Lübben fragt, was er heute empfinde, antwortet Högel: „Scham, teilweise Ekel vor mir selbst.“ Und er fügt hinzu: „Jeder einzelne Fall, auch wenn ich daran keine Erinnerung habe, tut mir unendlich Leid.“ Zwei Leinwände links und rechts neben der Richterbank zeigen das zerknirschte Gesicht des Angeklagten übergroß.

Es ist der zweite Verhandlungstag im größten Mordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ex-Krankenpfleger Högel muss sich vor dem Landgericht Oldenburg wegen der Tötung von 100 Patienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst verantworten. Er soll seine Opfer mit Medikamenten tot gespritzt haben – aus Langeweile und Geltungssucht, weil er Kollegen und vor allem Kolleginnen imponieren wollte. Der 41-Jährige hat die Taten bereits zu Prozessbeginn im Oktober weitestgehend eingeräumt, doch das Gericht muss in jedem einzelnen Fall klären, ob der Mordvorwurf zutrifft. Dass er die bisherigen Aussagen von Högel nicht als Geständnis wertet, macht der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann zu Beginn der Verhandlung in einem Festsaal der Weser-Ems-Hallen deutlich.

„Herr Högel, wir werden heute einen sehr intensiven und anstrengende Tag haben“, sagt Bührmann. Für die Angehörigen der 35 Patienten, die zwischen 2000 und 2002 im Klinikum Oldenburg getötet wurden, wird es teilweise ein grausamer Tag – auch weil Högel in seinen Schilderungen den harten Alltag auf einer Intensivstation nicht ausspart: geöffnete Brustkörbe, eingefallene Lungen, massive Blutungen, Nierenversagen, Elektroschocks. „Seien sie vorsichtig, was sie sich zumuten“, rät der Richter den Angehörigen.

Den ersten Schockmoment liefert Högel bereits kurz nach Verhandlungsbeginn. Er sagt aus, dass er die meisten Patienten, denen er tödliche Medikamente gespritzt habe, auch wieder reanimieren konnte. „Die Mehrheit der Reanimationen war erfolgreich, das war dann auch die Motivation“, sagt Högel. Was bei 100 Mordanklagen hieße, dass die Zahl der Mordversuche bei über 200 liegen könnte.

Högel deutet auch weitere Tötungen an, die in diesem Prozess gar nicht angeklagt sind. Danach wurde bei der ersten Patientin, die der Ex-Pfleger im Februar 2000 getötet haben soll, der Wirkstoff Lidocain gefunden. „Aus meiner Erinnerung habe ich damals mit Kaliumchlorid begonnen.“ Högel sagt zudem, er gehe nicht davon aus, dass er zwischen Februar und Juli 2000 eine Pause gemacht habe. „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Aus diesem Zeitraum sind keine Fälle angeklagt.

Bührmann und Högel gehen die Fälle streng nach Todesdatum durch: 26 schaffen sie an diesem Tag: 15 mal bekennt sich Högel schuldig, zehn Tötungen will er nicht ausschließen, einmal bestreitet er die Tat, obwohl bei dem verstorbenen Patienten der Wirkstoff Ajmalin nachgewiesen wurde, mit dem Högel später Patienten im Klinikum Delmenhorst getötet hat. „Das ist einer von wenigen Patienten, wo ich sagen kann, dass ich keine Manipulationen vorgenommen habe“, sagt Högel.

Der Ex-Pfleger deutet an, dass eine Kollegin das entsprechende Medikament verabreicht haben könnte. Er wolle keine Kollegen anprangern, aber eine Kollegin habe den Ruf gehabt, sich um bestimmte Patienten „zu kümmern“. Später sagt Högel zwar, er könne sich nicht vorstellen, dass außer ihm jemand solche Taten begehen könnte – doch der Verdacht steht jetzt im Raum

In einem anderen Fall, bei dem Högel eine Manipulation zugibt, belastet er einen Arzt. Der soll bei der Reanimation einen Fehler gemacht haben, die Patienten sei verblutet. Der Arzt habe bei der Herzmassage gedrückt bis eine Rippe gebrochen sei und gesagt: „Ich spüre schon die Wirbelsäule.“ Er habe nur hilflos daneben gestanden, erzählt Högel. Der Ex-Pfleger hat damit auch einen Fall zugegeben, bei dem kein Medikament nachgewiesen wurde, bei dem sich die beiden Gutachter des Gerichts nicht einig waren – für den er vermutlich nicht hätte verurteilt werden können. Das passiert später noch einmal.

Geht es Högel als doch darum, Licht ins Dunkel zu bringen? Geht es ihm um die Aufklärung, die vor allem die Angehörigen der Opfer fordern? Oder taktiert er wieder? Auffällig ist an diesem Tag zumindest, dass Högel sich entweder relativ detailliert an eine Tat und ein Opfer erinnern kann – oder überhaupt nicht. Im Prozess um fünf Tötungen im Klinikum Delmenhorst 2014/15 hatte er noch bestritten, überhaupt Patienten in Oldenburg manipuliert zu haben. Högel hat von der Polizei ein spezielles Laptop bekommen, mit dem er in seiner Gefängnis-Zelle in Oldenburg die Krankenakten der Opfer studieren kann.

Richter Bührmann ist beim „Balkon-Fall“ angekommen. Es geht wieder um die Gefühlswelt des Angeklagten. Eine Schwester, mit der Högel später liiert ist, steht weinend auf dem Balkon, nachdem die Patientin Erika S. im März 2001 überraschend gestorben ist. Högel hatte ihr Ajmalin gespritzt. „Ich habe sie getröstet“, sagt der Ex-Pfleger. Bis zu einem gewissen Punkt habe er Mitgefühl gehabt. Mehr aber nicht. „Warum ich letzten Endes so empathielos war und so eiskalt, ich weiß es einfach nicht“, sagt Högel und senkt den Kopf. Der Prozess wird an diesem Donnerstag fortgesetzt.

Von Marco Seng

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