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Unter britischer Herrschaft ein Freiheitsparadies

Helgoland-Buch Unter britischer Herrschaft ein Freiheitsparadies

Butterfahrten und Bombardierungen prägen das Image Helgolands. Doch der langjährige Pastor der Insel, Eckhard Wallmann, hat jetzt die interessante Kulturgeschichte Helgolands aufgeschrieben

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„Ein merkwürdiges Image“: Helgoland, Deutschlands einzige Hochseeinsel, mit seinem Wahrzeichen, der „Langen Anna“.
 

Quelle: dpa

Hannover. Um Helgoland, den roten Felsen in der Nordsee, ranken sich viele Geschichten und Mythen – vom Schmugglernest in der Zeit der napoleonischen Kriege, zur deutschen „Festung“ in den Weltkriegen bis hin zum Ziel- und Endpunkt öder Butterfahrten.  Pastor Eckhard Wallmann hat vierzehn Jahre mit seiner Familie auf der Insel gelebt und gepredigt. Immer wieder hat er sich gefragt, warum seine Wahlheimat so „ein merkwürdiges Image“ hat: „Ich wurde damals auf eine Insel geschickt, auf die eigentlich keiner wollte.“ Wallmann ist dennoch zum Helgoland-Liebhaber geworden – und zum Literaturhistoriker der Insel. 

Er ist in Archive gestiegen, hat deutsche und britische Geheimdienstakten gelesen und wirft jetzt in einem fast 700 Seiten langen Buch einen anderen Blick auf das Eiland vor Cuxhaven. Wallmann entdeckte die Insel als einen „deutschen Erinnerungsort, der mit immer neuen Idealen und Projektionen“ verbunden wird – vom vermeintlichen Südseeparadies zum Festungsort der „Idealgermanen“. Dabei sei die Insel im 19. Jahrhundert vor allem eines gewesen: „eine Insel der Freiheit und der Literaten“.

Der große Denker und Universitätsprofessor Georg Christoph Lichtenberg kann zu den geistigen Vätern des Seebades Helgoland gerechnet werden. Der Göttinger Aufklärer sei entzückt, ja  tief beeindruckt gewesen, als er nach längerer Seereise Helgoland sah, beschreibt Wallmann. Helgolands wahre Gestalt mit den markanten Felsen „übertraf alle Vorstellungen“, notierte der Gelehrte im Sommer 1773. Lichtenberg war so beeindruckt von der Insel, dass er in einem weit verbreiteten Aufsatz die Frage aufwarf, warum eigentlich Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad habe. Und beschrieb die Insel im 18. Jahrhundert wie ein Südseeparadies. „Die Insel hatte mit dem englischen Gouverneur eine Art Häuptling, hier brannte die Sonne und die badenden Einwohner erschienen wie Eingeborene“, sagt Wallmann zu den „Südsee“-Eindrücken Lichtenbergs, die nicht ohne Wirkung blieben. Die Insel war als Seebadeort entdeckt.

Am wichtigsten: der Badearzt

Lichtenberg sollte nicht der einzige Mann von literarischem Rang sein, der die Insel besuchte. Der große Hamburger Verleger Julius Campe machte hier regelmäßig seinen Sommerurlaub, Heinrich Heine kehrte immer wieder ein. Sein im Pariser Exil verfasstes berühmtes „Das Fräulein stand am Meere“-Gedicht wird gewiss von Helgoland-Erfahrungen inspiriert sein und nicht vom eher deprimierenden Blick auf den Ärmelkanal, schätzt Wallmann.  Hoffmann von Fallersleben dichtete auf der Insel 1841 das Lied der Deutschen, das zur Nationalhymne wurde.  Auf Helgoland habe man „gesoffen und Freiheitslieder verfasst“, notiert der ehemalige Inselpastor. 

Das Eiland, seit 1807 unter britischem Einfluss, sei vor allem deshalb für deutsche und österreichische Oppositionelle so interessant gewesen, weil sie hier in einer Freiheit leben konnten wie es in Preußen, Hannover oder Österreich nicht möglich gewesen wäre. „Wichtiger als der englische Gouverneur, der ohnehin oft weg war, war der deutsche Badearzt“, berichtet Wallmann. Wichtig auch deshalb, weil Baden in der See nur nach ärztlichem Rat geschah. Den Engländern, die bis 1890 herrschten, sei die Insel nach dem Sieg über Napoleon nicht so wichtig gewesen. Den Inselpolizisten hätten weder die Literaten noch die Helgoländer richtig ernstgenommen. Und der Adel hätte sich in der Badegesellschaft eher einordnen müssen.

Das sollte sich ändern, als deutscher Geist und deutsche Regimenter auf Helgoland einrückten, nachdem die Insel 1890 durch einen Vertrag zwischen Deutschland und England an Preußen überging und der deutsche Kaiser seine Flotte vor Helgoland paradieren und die „Reichsinsel“ allmählich zur Festung ausbauen ließ. Bertolt Brecht, der 1922 die Insel als patriotische  Festung kennenlernte, bekam auf der Rückfahrt Ohrenschmerzen. Das sind nur einige der unzähligen Namen, die in Wallmanns Helgoland-Buch auftauchen – ein Panoptikum der Geisteswelt Deutschlands.

Helgoland, eine deutsche Kulturgeschichte, 672 Seiten, Koehler-Verlag, 29,95 Euro.

Von Michael B. Berger

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24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

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