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Deutschland / Welt „Wir können sehr gut mit weniger Verpackung auskommen“
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15:53 28.05.2018
Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Quelle: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH
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Herr Wilts, ist Plastik eigentlich böse?

Plastik ist wie jeder andere Stoff weder gut noch böse. Eine Welt ohne Plastik wäre keine bessere Welt. Es geht ausschließlich darum, wie viele Ressourcen wir insgesamt verbrauchen.

Welches Potenzial zur Einsparung sehen Sie bei Verpackungen in der Lebensmittelindustrie?

In Recyclingprozessen können wir immer weiter optimieren und ein paar Prozent rausholen. Die großen Potenziale gibt es aber woanders. Wir Verbraucher können sehr gut mit weniger Verpackung auskommen. Vor 20 Jahren haben wir nur die Hälfte an Kunststoffverpackungen gebraucht – wieso soll es nicht möglich sein, auf dieses Niveau zurückzukehren?

Woher kommt diese unglaubliche Ressourcenexplosion?

Das hängt mit verändernden Konsummustern zusammen. Die Menschen leben in immer kleineren Haushalten. Sie essen kleinere Portionen. Somit ist der Verpackungsbedarf höher. Wir essen außerdem viel mehr außerhalb unserer eigenen vier Wände. Drei Milliarden Mahlzeiten, die früher zuhause eingenommen wurden, werden jetzt unterwegs verspeist. Klassisches Beispiel sind die To-Go-Becher. Damit ist ein drastisch höherer Plastikbedarf einhergegangen. Ein anderer Faktor ist der Online-Handel.

Wie sinnvoll wären aus Ihrer Sicht Subventionen für biologisch abbaubare Verpackungen oder Plastiken aus nachwachsenden Rohstoffen?

Wir sollten Geld in die Hand nehmen, um die Forschung an solchen Alternativen zu fördern. Es macht Sinn, sich zu überlegen, wie aus wertvollen Rohstoffen, wie Restbeständen von Milch oder Kartoffeln, Verpackungen entwickelt werden können. Wir dürfen hingegen nicht für die zusätzliche Soja-Produktion mehr Regenwald abholzen, um damit erdölbasierte Verpackungen abzulösen. Die Ressource anbaubare Fläche ist da noch knapper als die Ressource Erdöl.

Welche Anreize kann der Staat setzen, damit die Bürger weniger Plastik verbrauchen?

Wir können ganz vorne anfangen. Der Öl-Einsatz für die Kunststoffindustrie ist stark subventioniert. Das sollte kritisch beäugt werden. Im Hinblick auf den explodierenden Verpackungsbedarf sollte jede einzelne Subvention auf den Prüfstand gestellt werden. Man könnte sich überlegen, ob man einzelne Produkte verbietet. Davon bin ich aber kein Fan: Die Industrie wird Wege finden, diese Verbote zu umgehen. Dann mit vielleicht noch höherem Ressourceneinsatz.

Welche Lösung finden Sie besser?

Für mich ist die erweiterte Herstellerverantwortung eine interessantere Option. Derjenige, der eine Verpackung in Umlauf bringt, sollte individuell finanziell und rechtlich dafür verantwortlich gemacht werden, was damit passiert.

So etwas gibt es in Deutschland doch schon: den Grünen Punkt.

Im Grunde schon, aber nur als Kollektivsystem. Derzeit zahlen Hersteller eine Standardgebühr, wenn sie eine bestimmte Menge an Verpackung auf den Markt bringen. Was ich gerne hätte, wäre ein deutlich individuellerer Anreiz. Der Hersteller, der sich über eine vermeidende Verpackungslösung Gedanken macht, sollte einen Bonus bekommen. Diejenigen, die eine ressourcenintensive oder schwer recycelbare Verpackung benutzen, sollten hingegen draufzahlen.

Genau da liegen doch Widersprüche auf der Hand. Dünne Folien zum Beispiel sind schwer oder gar nicht zu recyceln, aber dafür ressourcenschonender als dickeres Plastik, das wiederum wiederverwendbar ist.

Es gibt hier definitiv eine gegenläufige Abhängigkeit. Mich treibt um, wie wir den gesamten Ressourceneinsatz verringern können. Wir stehen da noch am Anfang unserer Betrachtung. Wir versuchen derzeit oft, Plastikaufkommen zu vermeiden, stellen aber am Ende fest, dass der Ressourcenverbrauch dann höher ausfällt.

Ist der steigende Ölpreis in diesem Zusammenhang das Beste, das uns passieren kann?

Das bietet vielen Unternehmen einen wirtschaftlichen Anreiz. Wir dürfen uns aber nichts vormachen: Der Wert einer Verpackung am Gesamtprodukt ist minimal. Der Anstieg des Ölpreises bedeutet da vielleicht eine Verteuerung um einen Cent. Die Verpackungshersteller denken zumindest darüber nach, ob es so viel Kunststoff sein muss oder ob bessere Verpackungssysteme zum Beispiel mit Mehrfachnutzungen aufgebaut werden können.

Welches Interesse könnte die Industrie an einem ressourcenschonenderen Umgang haben?

Die Industrie kann massiv Kosten einsparen. Alle sind sich darüber einig, dass man sich mit den Produzenten von Verpackungen an einen Tisch setzen müsste. Nehmen Sie das Beispiel Transportverpackungen: Wenn man sich hier wie bei einer Europalette auf einen Standard für Größe, Dicke und Gewicht einigen könnte, wäre das eine Win-Win-Situation. So würden Verpackungen untereinander getauscht und große Einsparpotenziale sichtbar.

Für Zigaretten gibt es Schockbilder, bei T-Shirts wissen viele Verbraucher nicht, wie viel Plastik drin steckt. Wie kann der Verbraucher noch stärker auf das Thema Plastik aufmerksam gemacht werden?

An unserem Institut haben wir in den vergangenen Jahren Indikatoren und Berechnungsmethoden entwickelt, um den ökologischen Rucksack eines Produkts darzustellen. Ideal wäre, wenn dieser an jedem Produkt ausgeschildert und mit einem Ampelsystem eingeordnet würde – gleichzeitig dürfen wir den Konsumenten nicht mit einer Labelflut erschlagen. So würden die Leute aber ein Gefühl dafür entwickeln, wie viel Umwelt in Anspruch genommen wird, wenn sie sich beispielsweise einen Einweg-Drucker für 30 Euro kaufen, den sie einmal für eine Veranstaltung benutzen. Über Schockfotos habe ich noch nicht nachgedacht. Man könnte sich überlegen, ob auf die schlimmsten Produkte Fotos von Mülldeponien aus Entwicklungsländern mit einem Spruchband drauf geklebt werden.

Haben Sie schon einen Vorschlag für einen guten Spruch?

Vielleicht „Hier könnte dein Produkt enden“.Mehr zum Thema PlastikKunststoff – EU will Geschirr aus Plastik verbietenGegen zu viel Müll: EU will Plastikgeschirr verbietenAlternativen finden – So klappt der Einkauf ohne Plastik

Von Jean-Marie Magro/RND

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