Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Deutschland / Welt Wie radikalisierte sich der Attentäter?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Wie radikalisierte sich der Attentäter?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:18 15.03.2019
Eine globale Bewegung? Demonstration der Identitären am 17. Juni 2017 in Berlin. Quelle: Foto: Rolf Kremming/dpa
Christchurch

Es ist ein Massaker am anderen Ende der Welt. Und doch trifft der Terrorangriff auf betende Muslime im neuseeländischen Christchurch ins Herz von Europa.

Der Attentäter, der 28-jährige Australier Brenton Tarrant, ist besessen von Europa – und von einer angeblichen islamischen Invasion des Kontinents. Er hasst Angela Merkel und Emmanuel Macron. Er hat sich auf Europareisen selbst radikalisiert. Er soll Kontakt gehabt haben zum norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik, den er als „Justiziar der Tempelritter“ bezeichnet. Die „Neuen Tempelritter“, ein äußerst verschwiegenes rechtsextremes Netzwerk, hätten seinen Anschlag gutgeheißen. Breiviks Anwalt Øystein Storrvik sagte der norwegischen Zeitung „VG“, sein Mandant habe nur sehr wenig Kontakt mit der Außenwelt und es erscheine sehr unwahrscheinlich, dass er mit dem Schützen von Christchurch korrespondiert habe.

Wie Breivik schreibt er ein „Manifest“

Wie Breivik schreibt der Terrorist von Christchurch ein „Manifest“, das er vor dem Anschlag online gestellt hat. Breiviks Text war 1518 Seiten lang, er schrieb ihn, bevor er im Sommer 2011 77 Menschen niedermetzelte. Der Christchurch-Terrorist kommt mit 74 Seiten aus. Front- und Rückseite zieren schwarze Sonnen, ein Neonazi-Symbol aus zusammengesetzten Hakenkreuzen.

Zwischen Neuseeland und Mitteleuropa liegen mehr als 18 000 Kilometer Luftlinie. Doch Entfernungen sind im digitalen Zeitalter egal. Es kommt nur darauf an, online die Debatte zu prägen. Und niemand hat das so radikal getan wie der Terrorist von Christchurch.

Er hat eine Kamera an seinem Helm getragen und den Anschlag über 17 Minuten lang live ins Internet übertragen.

Die neuseeländische Polizei hat gebeten, die „extrem verstörenden“ Bilder seines Videos nicht zu teilen. Medien auf der ganzen Welt, auch in Deutschland, taten es trotzdem.

Ein vergiftetes Geschenk

Fast ebenso problematisch wie die Bilder ist das „Manifest“ des Attentäters. Wer über die Hintergründe des Anschlags berichten will, findet darin eine ausführliche, in Frage-und-Antwort-Form gehaltene Pressemappe, die von Herkunft über Motive bis zu Forderungen alles verrät. Terroristen früherer Jahre schickten Bekennerschreiben, der IS übernimmt nur knapp die Verantwortung. Dieser Attentäter macht den weltweiten Medien ein vergiftetes Geschenk.

Es ist dennoch nötig, es auszuwerten. Denn es steckt voller Hinweise, wie eng sich die Gedankenwelt von Rechtsterroristen, Rechtsextremen, Identitären und Populisten global angenähert hat.

In Europa radikalisiert

In Neuseeland wollte der Attentäter ursprünglich nicht zuschlagen, schreibt er. Dann aber sei ihm bewusst geworden, dass gerade ein Anschlag am ruhigen Ende der westlichen Welt für die globale Aufregung sorgen könne, die er will. „Die Invasoren sind in allen unseren Ländern, selbst den entlegensten“, schreibt er, „es gibt keinen Ort, der frei und sicher von Masseneinwanderung wäre.“

Sein eigentlicher Referenzpunkt aber bleibt Europa. Nach eigenen Angaben sei er viel gereist, sei in Frankreich schockiert gewesen über die Anzahl der arabischstämmigen Menschen auf den Straßen – und sei radikalisiert worden von einem Attentat in Stockholm im April 2017. Damals stahl ein Islamist einen Bierlaster, fuhr in die Fußgängerzone und tötete fünf Menschen, darunter die elfjährige Ebba Akerlund. „Rache für Ebba Akerlund“, schreibt Tarrant in seinem Pamphlet.

Ein australischer Terrorist erschießt Muslime in Neuseeland, um ein Kind zu rächen, das ein usbekischer Terrorist zwei Jahre zuvor in Schweden getötet hat.

Identitäre Ideologie und Internetmemes

Was Tarrant antrieb und radikalisierte, ist eine Mischung aus rechtsradikalen Chiffren, Versatzstücken und Internetmeme. Er ist getrieben von einer Ideologie, die sich auch in Deutschland bei der Identitären Bewegung und dem radikalen Flügel der AfD wiederfindet.

Es beginnt beim Titel des Manifests: „The Great Replacement“ heißt es, „der große Austausch“, ein zentraler Begriff der Identitären. Durch die niedrigeren Geburtenraten der einheimischen Bevölkerung gegenüber Einwanderern, so die Argumentation, würde die Ursprungsbevölkerung unweigerlich zur Minderheit im eigenen Land. „Es geht um die Geburtenraten“, schreibt der Attentäter dreimal als Einleitung seines Textes. Über den AfD-Abgeordneten Gottfried Curio hat die Phrase vom „großen Austausch“ längst ihren Weg in den Bundestag gefunden.

Die Identitäre Bewegung (IB) suchte sich am Freitag von dem Attentat zu distanzieren. „Jede Ideologie kann pervertiert werden“, sagte der deutsche IB-Sprecher Daniel Fiß dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und verwies auf die „Rote Armee Fraktion“ (RAF). Auch der österreichische IB-Chef Martin Sellner sagte: „Es ist genau die Strategie der RAF: Repression auslösen, welche die Bevölkerung von ihrer Regierung isolieren soll. Das klappt natürlich nie.“ Von Beileid für die Opfer sprechen die Identitären übrigens nicht. Sie versuchen nur, den Attentäter als „einsamen Wolf“ darzustellen, der mit rechter Ideologie nichts zu tun hat.

Auf dem Gewehr stehen Daten von Schlachten

Doch seine Anknüpfungspunkte verbinden ihn mit großen Teilen der Neuen Rechten. Immer geht es um den Abwehrkampf Europas gegen die Muslime. „Tours 732“ steht auf seiner Waffe, da haben die Franken die nach Gallien vorgestoßenen Araber zurückgeschlagen. 1389 ist ein weiteres Datum, die Schlacht auf dem Amselfeld, und 1683, der Sieg gegen die Türken vor Wien.

Und auf dem Griff des Gewehrs steht: „Hier ist euer Migrationspakt!“ Auf dem Weg zum Anschlag, das ist im Video zu hören, läuft ein serbisch-nationalistisches Lied: „Karadzic wird die Serben anführen.“ Es verherrlicht Radovan Karadzic, der wegen des Massakers von rund 8000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica zu 40 Jahren Haft verurteilt wurde.

Der Bürgerkrieg in Bosnien ist schon lange ein Bezugspunkt in Internetforen gewalttätiger Rechtsextremer. Und 1683 sowieso – bis weit in AfD-Kreise hinein. „Wir haben die Türken nicht vor Wien geschlagen, um ihnen jetzt Berlin zu überlassen“, rief der Brandenburger AfD-Landeschef Andreas Kalbitz kürzlich auf dem Landesparteitag in Sachsen. Der Christchurch-Mörder will die Türken „aus allen Ländern westlich des Bosporus vertreiben“. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke sagt, „am Bosporus“ müsse mit „den drei großen M – Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss“ sein.

Nicht jeder, der diese Chiffren nutzt, befürwortet Gewalt gegen Muslime. Aber immer geht es um die angebliche Bedrohung durch den Islam.

Christchurch liegt mitten unter uns“

Was will der Massenmörder von Christchurch? „Ich will eine Atmosphäre der Angst und des Wandels schaffen, in der drastische, revolutionäre Aktion möglich ist“, schreibt er. Er will die globale Gesellschaft spalten.

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, befürchtet Attentate auch in Deutschland. „Wir dürfen nicht so tun, als liege Christchurch am anderen Ende der Welt. Christchurch liegt mitten unter uns“, sagt er. Und: „Es ist äußerst beunruhigend, wie stark das Manifest der Täter auf Europa Bezug nimmt.“ Mazyek fordert jetzt Polizeischutz für Moscheen in Deutschland: „Die Bedrohung steigt. Und die deutschen Muslime fühlen sich oft alleingelassen von den Sicherheitsbehörden.“

Lesen Sie auch:

Was wir über die Tat wissen – und was nicht?

Blog zum Christchurch-Anschlag

Christchurch-Video: Massaker zeigt Versagen von Social Media auf

Von Barbara Barkhausen und Jan Sternberg

Der Attentäter von Christchurch hat seine Tat live gefilmt und ins Internet gestellt – ebenso wie weitere Bilder von der Tat. Unsere Redaktion hat sich entschieden, diese nicht zu zeigen. Hier erklären wir, warum.

15.03.2019

Rechtsextremistische Terroristen haben in Neuseeland 49 Menschen getötet. Sie stürmten während des Freitagsgebets zwei Moscheen. Ein Täter übertrug das Attentat live auf Facebook. Was wir über den Anschlag wissen – und was nicht.

15.03.2019

Bund und Länder haben lange gestritten – doch jetzt soll der Digitalpakt Realität werden. Aber wann fließen die fünf Milliarden Euro wirklich? Sind die Lehrer gut auf das vorbereitet, was jetzt kommen soll? Die wichtigsten Fakten in Fragen und Antworten.

15.03.2019