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22:00 29.05.2017
„Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen“: Verkündet Merkel die Abkehr von den USA? Quelle: dpa
Washington

Die Blaskappelle spielte auf, die Maßkrüge krachten aneinander – und in all dem Lärm sagte die Kanzlerin ein paar wenige Sätze, die bis über den Atlantik hallten. US-Präsident Donald Trump, gerade von seiner ersten Auslandsreise zurückgekehrt, wird mit einem Mal nur noch an diesen wenigen Sätzen der deutschen Regierungschefin gemessen. America first? Amerika, so fürchtet ein Großteil der weltpolitisch Interessierten in der letzten verbliebenen Supermacht, spielt dank Trump auf absehbare Zeit womöglich nur noch die zweite Geige.

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt“, hatte Angela Merkel am Sonntag nach dem mehr oder weniger gescheiterten Gipfel der G 7 und der Nato gesagt. Und gefolgert: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.“ Natürlich tue man dies in Freundschaft zu den USA und Großbritannien und in guter Nachbarschaft, „wo immer das geht, auch mit Russland, auch mit anderen Ländern“.

Die Reaktion: Einmütigkeit in Deutschland, über alle Parteigrenzen hinweg, Einmütigkeit in Europa, sogar mit den Briten – und in den USA ein Entsetzen, als sei soeben das Ende der Geschichte verkündet worden. Was viele auch genau so sehen.

„Dies scheint das Ende einer Ära zu sein, einer, in der die USA führten und Europa folgte“, sagt der frühere Nato-Gesandte Ivo Daalder, Direktor des Chicago Council on Global Affairs, der „New York Times“. Das liberale Blatt selbst sieht eine „richtungsweisende Veränderung in den transatlantischen Beziehungen“.

Dabei denke „Europas einflussreichste Führungsfigur“ längst über Trump hinaus, längst auch über eine EU mit Großbritannien als Nochmitglied hinaus. Für sie gelte fortan das Tandem BerlinParis. „Erkennbar enttäuscht“ habe sie aus den Begegnungen beim G-7-Gipfel geschlossen, dass die USA unter Trump ihrem Land und ihrem Kontinent nicht mehr der verlässliche Partner seien, an dem man sich einst orientiert habe.

Auf jeden Fall, sekundiert die „Washington Post“, habe Merkel sich eindeutig gegen Trump gewandt: „Sie hat ihn glasklar zurückgewiesen, ohne ihn ein einziges Mal beim Namen zu nennen.“ Eine „düstere Auslegung der transatlantischen Bindungen, die das Fundament der Sicherheit des Westens in Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg waren“ sieht Michael Birnbaum bei der deutschen Kanzlerin.

Für den Korrespondenten der Hauptstadtzeitung ist die Analyse klar: „Merkels Temperament ist das genaue Gegenteil des Temperaments Trumps. Sie ist sehr vorsichtig. Die Rede ist kein impulsiver Zug. Merkel beginnt damit, eine neue EU zu formen, die stärker und selbstsicherer ist und weniger auf eine Führung durch die USA angewiesen ist.“ Wenn Merkel die Bundestagswahl gewinne und genug Unterstützung anderer EU-Staaten bekomme, könnte sie eine langfristige Veränderung der EU-US-Beziehungen einleiten. Und das alles wegen „Trumps desaströser Europa-Tour“.

Ganz so dramatisch sehen es nicht alle Medien, die am Montag mit dem Thema aufmachten. Das so liberale wie seriöse Online-Nachrichtenportal „Politico“ ist ziemlich sicher, dass gerade so eine „vorsichtige“ Regierungschefin wie Merkel „kaum eine bayerische Bierzeltveranstaltung wählen würde“, um eine so grundlegende politische Kehrtwende zu verkünden. Am Ende handele es sich wohl doch eher um eine Wortwahl, die dem Wahlkampf geschuldet sei.

Nicht wenige aber verweisen in ihren Kommentaren und Tweets auf den unsichtbaren Dritten, Moskau. Der New Yorker Medienwissenschaftler Jeff Jarvis kommentiert Merkels Ansprache auf Twitter: „Dies ist eine bedeutende Rede in der Restrukturierung der Weltmächte. Wer bei Sinnen ist, muss ein starkes Europa unterstützen, um Russland zu kontern – und Trump.“

Zynisch klingt die Kolumnistin Anne Applebaum auf Twitter: „Seit 1945 haben erst die UdSSR und dann Russland versucht, einen Keil zwischen Deutschland und die USA zu treiben. Dank Trump hat Putin es geschafft.“

Von dpa/rnd

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Diese Worte der Kanzlerin schallten weit über das Bierzelt in München hinaus. Paradigmenwechsel oder Wahlkampf? International wird ihre rede unterschiedlich gedeutet.

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