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18:28 20.08.2018
Neues Klima, neue Sorten: In einem Weinberg des Staatlichen Weinbauinstituts hängen Trauben der neuen Rebsorte Cabernet Dorsa. Diese pilzwiderstandsfähige Sorte ist eine Kreuzung aus den Rebsorten Dornfelder und Cabernet Sauvignon. Quelle: Peter Zschunke / dpa
Nierstein

200 000 Liter. So viel Wasser hat Winzer Marco Becker in diesen Sommerwochen auf seinen Rebflächen ausgebracht. Abgezapft aus einem Wasserhahn an seiner Hauswand. Eine Bewässerungsanlage war bislang nicht nötig. Bis zu diesem Sommer.

Der Weinbauer bewirtschaftet rund 20 Hektar Rebfläche in Rheinhessen, die sich auf sieben Gemarkungen im Umkreis von 25 Kilometern verteilen. Becker streut damit sein Risiko. Wirft eine Weinbergslage kaum Ertrag ab, wie in diesem Jahr, in dem er wegen der lang anhaltenden Trockenheit auf einem zwei Jahre jungen Weinberg drei Viertel seiner Trauben herausschneiden musste, lässt sich der Verlust mit einer anderen Lage ausgleichen.

Ein zukunftsorientiertes Geschäftsmodell, denn die extremen Wetterereignisse der letzten Jahre stellen die deutschen Winzer immer wieder vor neue Herausforderungen.

2016: Nässe. 2017: Frost. 2018: Trockenheit. Es braucht Strategien, um mit der zunehmend launischen Natur umzugehen. Im Weingut Trenz im Rheingau kam in den letzten Wochen zwar ebenfalls die Gießkanne zum Einsatz, besonders jüngere Reben, deren Wurzeln noch nicht so tief reichen, mussten bewässert werden, obendrein setzt der Betrieb aber auch auf die natürliche Wurzelkonkurrenz: „Wir halten die Stockabstände sehr gering, damit die Reben schneller tiefer dringen, um an Wasser zu gelangen oder arbeiten mit dichten Laubwänden für eine stärkere Beschattung der Trauben“, so Vertriebsleiter Thomas Porsch. Hitzewellen bringen zudem oft Starkregen, der den Boden erodiert. Um dem vorzubeugen, legt das Weingut eine durchdachte Begrünung zwischen den Reben an, was dem Erdreich mehr Stabilität verleiht.

Manfred Stoll, Leiter des Instituts für allgemeinen und ökologischen Weinbau an der Hochschule Geisenheim, hält diese saisonalen Bewirtschaftungsunterschiede von Boden und Reben für zwingend notwendig, um den Unwägbarkeiten des Wetters etwas entgegenzusetzen. Er plädiert aber auch dafür, dass Winzer technische Installationen (etwa von Tropfenbewässerungsanlagen) in Betracht ziehen. Zudem sei es hilfreich, Kräfte zu bündeln. Gemeinsam könnten Winzer viel schlagkräftiger reagieren, beispielsweise bei Spätfrösten – das andere Extrem, das Weinbauern das Leben schwer macht.

Die vermehrt sommerlichen Temperaturen im März und April sorgten in den letzten Jahren für einen frühen Austrieb der Reben. Folgt ein Kälteeinbruch, erfrieren die Knospen und jungen Triebe. Im Bordeaux brachten manche Winzer im Jahr 2017 deswegen keinen Wein auf den Markt. „Es gibt Weinbauländer wie Neuseeland, die sich dagegen mit fest installierten Windanlagen gerüstet haben“, so Stoll. In Deutschland geht man gegen Spätfrost mit dem Ausbringen von Baldrianpräparaten vor oder es werden hunderte Fackeln im Weinberg aufgestellt, mancherorts werden sogar Helikopter eingesetzt, die mittels Verwirbelung wärmere und kältere Luftschichten vermischen.

Abgesehen von diesen Wetterspitzen, denen der Winzer Herr werden muss, wird das Klima aber insgesamt milder. Das begünstigt zwar Schaderregerbefall, auch Schädlinge wie die asiatische Kirschessigfliege verbreiten sich zunehmend in Europa. Doch die Wärme beschert den Weinbauern in der Gesamtheit etwa kontinuierlich gute Qualitäten. Zuckerzusätze in den Most, um einen bestimmten Alkoholgehalt zu erreichen, sind heute in Deutschland kaum noch nötig. Gerodete Weinberge werden auch mit wärmeliebenden Sorten bepflanzt, die früher in Deutschland kaum eine Chance auf Erfolg hatten: Syrah oder Merlot, Alvarinho oder Viognier. „Das hat aber auch damit zu tun, dass deutsche Winzer sich mit ausländischen Mitbewerbern messen und vergleichen wollen“, sagt Manfred Stoll.

Trotzdem gehen die Rebflächen beispielsweise an der Mosel zurück. Muss man sich also auf lange Sicht Sorgen um die klassischen Anbaugebiete machen? „Nein, die Kulturlandschaft bleibt erhalten und es wird dort weiterhin Weinbau geben, auch wenn ein Strukturwandel in Gang ist“, so Stoll. Das Klima befördert allerdings auch den Weinanbau in nördlicheren Regionen. Galt früher der 50. Breitengrad rund um die Ahr als die Grenze für Weinbau, werden mittlerweile sogar Rebflächen bis zum 55. Breitengrad und darüber hinaus bewirtschaftet: auf Sylt, ja sogar in Schweden oder Dänemark, wo oftmals widerstandfähigere Neuzüchtungen von Reben kultiviert werden, die den Anbaugebieten ein ganz eigenes Profil verleihen.

Aber auch der Charakter unserer Weine wird sich durch den Klimawandel ändern. Durch die konstant höheren Temperaturen werden Trauben tendenziell mit einem höheren Mostgewicht eingebracht. Zukünftige Weine werden in der Folge also einen höheren Alkoholgehalt aufweisen, säureabhängige, fruchtige Komponenten werden eher etwas in den Hintergrund rücken.

Da hilft es auch nicht, wenn die Weinlese (wie in diesem Jahr) bis zu drei Wochen früher beginnt: „Zucker- und Aromareife verlaufen nicht im gleichen Tempo. Für eine hohe Weinqualität braucht es eine lange Reifezeit und vernünftige Säurewerte“, sagt Manfred Stoll. Nicht zuletzt deswegen hat Marco Becker noch nicht mit der Weinlese begonnen. Er wartet. Vielleicht bis in den September. Auch wenn es risikoreicher ist: Starkregen oder Hagelschlag, mit allem müsse man in diesen Tagen rechnen.

Von Hannes Finkbeiner

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