Thilo Sarrazin (SPD): Autor des Buches „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“.
Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin sollte Donnerstagabend in der Hildesheimer Decius-Filiale lesen. Die 200 Karten waren schon lange verkauft, doch Veranstalter Treppmacher hatte Sorge, trotz Polizeipräsenz und eines privaten Wachdienstes nicht für die Sicherheit der Besucher garantieren zu können. Im Vorfeld hatten Decius-Kunden und das Hildesheimer „Bündnis gegen Rechts“ gegen die geplante Lesung protestiert. Jetzt, sagt Treppmacher der HAZ, habe er Protestmails von Menschen erhalten, die sich über die Absage der Lesung beschwerten.
Hildesheims Oberbürgermeister Kurt Machens bedauerte die Absage der Lesung nicht. „Öffentlichkeit hat Herr Sarrazin schon jetzt erzielt, insofern brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, dass Einsatzkräfte der Polizei das Recht auf Meinungsfreiheit schützen müssen.“
Der Decius-Geschäftsführer wünscht sich indes, dass die Diskussion über Sarrazin versachlicht wird. Dafür jedoch müsste man das Buch erst einmal lesen, was derzeit schwierig ist: In den hannoverschen Buchhandlungen ist es im Moment nicht zu erhalten. Zahlreiche Kunden haben den Titel vorbestellt, die Buchhändler warten auf Lieferungen des Verlags. Der Münchener Verlag DVA bringt heute die dritte Auflage mit 30.000 Exemplaren in den Handel, die ersten beiden Auflagen umfassten insgesamt 40.000 Stück. Eine vierte Auflage ist in Vorbereitung, sie soll Montag mit 80.000 Exemplaren in den Buchläden liegen.
Der Bundesbank-Vorstand, dem auch Sarrazin angehört, will den 65-Jährigen heute Vormittag zur Rede stellen. Das Gespräch über dessen umstrittene Äußerungen zu Migranten hatte die Spitze des Geldinstituts am Montag angekündigt. Es wird dem Vernehmen nach im Umfeld einer Routinesitzung in Frankfurt am Main stattfinden. Welche Konsequenzen das Gremium aus dem Gespräch zieht, gilt als offen. Allein mit einem Verstoß gegen den Verhaltenskodex der Notrenbank lasse sich ein Rauswurf Sarrazins juristisch nicht begründen, sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Arbeitsrichter, Joachim Vetter. „Voraussetzung dafür wäre eine gravierende dienstliche Verfehlung“, sagte Vetter weiter. Es sei aber mehr als fraglich, ob sich diese aus privaten Meinungsäußerungen ohne Zusammenhang mit dem Amt herleiten lasse.
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), erklärte gestern, Sarrazin spreche in einer „unangemessen polemischen Form“ und sei als Bundesbank-Vorstand nicht mehr tragbar.
mit ap
Kommentare
Sarrazin mage – 01.09.10
Herr Sarrazin sollte sich lieber mal Gedanken machen woher denn sein Namen stammt. Sarrazin war nähmlich eine Bezeichnung für Mauren und Musulmane in der Karolinger ZeitEchte Integration ist wohl zu teuer? Vater – 01.09.10
Mit Sicherheit sind Äußerungen, wie eine genetisch bedingte Dummheit anderer Völkerstämme - insbesondere Juden und Muslime als Bundesbankvorstand nicht sehr geeignet.Wenn Sarrazin "gemeint" hat, dass hierzulande die Bildung - auch bei vielen deutschen Bürgern - im Argen liegt, dann hat er gewiss mehr Bürger auf seiner Seite. Aber dazu muss man nicht mit so rassistischen pseudowissenschaftlichen Mitteln andere für dumm erachten und den Rest für dumm verkaufen - im wörtlichen Sinne, denn er bringt ja ein Buch heraus. Auf den letzten Seiten gibt er an, dass er sich um die Bildung der Deutschen Sorgen mache, wozu also diese ausländerfeindliche Haltung? Die wirklich inhaltliche Diskussion wäre doch eher die deutsche Bildungsmisere, und die trifft Migranten, Ausländer und Deutsche hierzulande gleichermaßen.
Insofern ist das Ganze eine Ablenkung vom Bildungsmissstand, die Sarrazin selbst in seiner politischen Karriere mitverantwortet.
Wie auf politischen Wegen hier zu einer Lösung gefunden werden kann, wäre schlicht und einfach, wirklich mehr Bildung zuzulassen, statt derzeit immens abzubremsen und Migranten von wirklicher Bildung lieber auszuschließen, wie alle Studien - egal welcher Couleur - bereits deutlich gezeigt haben. Es zeigt sich doch deutlich, dass ein selektierendes, früh Aussortierungsbildungssystem gewollt ist und andere, weniger Begüterte außen vor lässt.
Die angesprochenen "Umfragen" von 100 oder 90 Anrufern sind keineswegs repräsentativ!!! Es ist lediglich die Meinung von ein paar Anrufern, die für ihre Meinungsabgabe auch noch teures Telefongeld an die Sender zahlen. Deshalb kann hier von nachweislichen Mehrheiten keine Rede sein, die Sarrazins Absonderungen in dieser Weise hundertprozentig zustimmen würden.
Das zeigt sich auch nicht an dem aktuellen Ausverkauf des Buches. Es gibt genau so viele, die sich das Buch kaufen, um sich argumentativ und belegbar einer Diskussion gegen solche ziemlich rassistischen Äußerungen stellen zu können. Wer en Detail diskutieren möchte, sollte das Buch auch gelesen haben, denke ich. Man muss also als Käufer nicht unbedingt pro Sarrazin sein.
Die Zukunft braucht Migranten und ausländische Mitbürger, denn wir Deutschen alleine werden sie - und das ist jetzt schon sicher - nicht stemmen können. Europa wird - was sich jetzt bereits zeigt - noch wichtiger werden, wo wir ebenfalls gezwungen sein werden, mit anderen zusammen zu arbeiten. Alles andere und ein "deutsches Einbunkern" führt zum Rückschritt - wirtschaftlich und sozial.
Und wenn ein Hildesheimer hier anführt, die Grünen seien damals auch belächelt worden: Die Grünen sind nicht für Sarrazinische Weltansichten, nee, die sind dagegen. Und wenn wir auch diesmal auf sie hören, dann könnten wir in Zukunft die wirklichen Probleme eher bewältigen, als uns jetzt wieder mal den Ausländervorurteilen und der Angst vor angeblicher Überfremdung völlig hinzugeben.
In diesem Sinne - mehr für echte Integration tun, wie kostenlose Sprachkurse vor Ort und in Brennpunkten, Früherziehung und mehr Betreuungsplätze - nicht für Trennungsgelaber. Aber echte Integration kostet Geld und das geben wir lieber den Bankstern, den Energiekonzernen, der Pharmaindustrie und den Abwrackproduzenten. Unsere Kinder aber sind uns wohl zu wenig wert, was?
Einer spricht aus, was viele denken Hildesheimer – 01.09.10
Sicherlich sind derartige Äußerungen als Bundesbankvorstand nicht sehr geeignet. Das hat allerdings nicht inhaltlich etwas damit zu tun, sondern vielmehr damit, dass in solchen Positionen eine neutrale Haltung eingenommen werden sollte. Vom Grundsatz her, ist die aktuelle Diskussion jedoch keineswegs eine rechtsorientierte Parole, sondern sollte uns zum nachdenken bewegen, wie auf politischen Wegen hier zu einer Lösung gefunden werden kann. Nach Umfragen stimmen die Deutschen den Äußerungen zu, wás sic auch an dem aktuellen Ausverkauf des Buches zeigt. Politisches Handeln ist angesagt. Vor 30 Jahren wurden die umweltpolitischen Inhalte der Grünen mehrheitlich belächelt, heute stimmt wohl fast jeder Umweltschutzmaßnahmen zu.