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Deutschland / Welt Schwerwiegende Rechenfehler in Lungenarzt-Papier fliegen auf
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Schwerwiegende Rechenfehler in Lungenarzt-Papier fliegen auf
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12:52 14.02.2019
Eine Gruppe von Lungenfachärzten zog die Feinstoff-Grenzwerte in Zweifel. Eine „taz“-Recherche deckt nun auf, dass ihre Thesen auf einem Rechenfehler basieren. Quelle: Paul Zinken/dpa
Berlin

Wissenschaftliche Stellungnahmen haben nur selten das Potenzial, die gesamte Bevölkerung aufzurütteln. Doch Ende Januar gelang genau das einer Gruppe von Wissenschaftlern, die in einem Schreiben die bisher geltenden Feinstaub-Grenzwerte in deutschen Städten in Frage stellten. Sie zog in Zweifel, dass Feinstaub und Stickstoff tatsächlich so gesundheitsgefährdend seien, wie weithin behauptet. Feinstaub also doch nicht schädlich? Die These rüttelte die Republik auf.

Das Papier wurde maßgeblich verantwortet von dem Lungenarzt Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. Darin hieß es, es gäbe „derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffverbindungen (NOx)“. Mehr als 100 Wissenschaftler, darunter vor allem weitere Lungenfachärzte, schlossen sich Köhlers Thesen an und unterzeichneten das Papier.

Stellungnahme löste bundesweite Debatte aus

Es folgte eine hitzige, bundesweite Debatte: Umweltschützer und internationale Forscher hielten vehement dagegen, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer forderte eine grundlegende Überprüfung der geltenden Grenzwerte.

Doch nun, gut drei Wochen nach Veröffentlichung des Papiers, deckt die Tageszeitung „taz“ einen schwerwiegenden Rechenfehler von Lungenarzt Köhler auf. Nach „taz“-Recherchen ist die Stellungnahme zu den Grenzwerten damit nicht mehr haltbar. Sie schreibt zugespitzt von Problemen Köhlers „mit der Chemie und vor allem der Mathematik“. Diese Fehler seien so gravierend, dass Köhler das Gegenteil dessen beweise, was er eigentlich aufzeigen wollte.

Köhler vergleicht Stadtluft mit Zigarettenrauch

Köhlers Papier beruht unter anderem auf dem Vergleich der Atemluft in Innenstädten mit dem Schadstoffgehalt von Zigarettenrauch. Mit diesem Vergleich will Köhler veranschaulichen, dass es so schlecht um die Luftqualität nicht bestellt sei.

Einen solchen Vergleich von kurzfristigen Spitzenbelastungen mit einer permanenten Dauerbelastung halten andere Wissenschaftler laut „taz“ für unseriös. Zitiert wird unter anderem Wolfgang Straff, Mediziner und Abteilungsleiter für Umwelthygiene beim Umweltbundesamt: „Das ist schon aufgrund des unterschiedlichen zeitlichen Zusammenhangs nicht sinnvoll.“

Schwerwiegenden Rechenfehler aufgedeckt

Gravierender noch ist ein schwerwiegender Rechenfehler, auf den die „taz“ nach eigenen Angaben durch einen externen Hinweis aufmerksam wurde: Wenn eine Zigarette 500 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) freisetzt, dann liegt der Wert bei einer Schachtel mit 20 Zigaretten nicht bei 1 Million Mikrogramm, wie es in Köhlers Papier heißt. Der tatsächliche Wert liegt nur bei 10.000 Mikrogramm – eine Abweichung um den Faktor 100.

Die Verantwortung für diesen Fehler wollte Köhler zunächst der Redaktion des Ärzteblatts zuschieben, das Köhler bereits 2018 mit seiner Luftwert-Rechnung zitierte. Auf „taz“-Nachfrage weist das Ärzteblatt diesen Vorwurf allerdings zurück: Die Angaben stammen demnach aus einem schriftlichen Manuskript, das Köhler selbst eingereicht habe.

Köhler bestätigt seinen Fehler

Und: Köhler bestätigte der „taz“ gegenüber sogar seine eigenen Rechenfehler. Er selbst lässt also keinen Zweifel daran, dass seine Angaben so nicht haltbar sind.

Auch der Schadstoff-Wert, den der Lungenfacharzt bei seinen Berechnungen anlegt, stimmt so nicht. Köhler führt Stickstoffdioxid (NO2) als den entscheidenden Schadstoff-Wert in Zigaretten (die erwähnten 500 Mikrogramm) ins Feld – und nicht Stickoxide (NOx), wie eigentlich korrekt. Für NO2 gelten die Grenzwerte in deutschen Städten, das Gas ist auch der Grund für Fahrverbote. NOx ist ein Sammelbegriff für zahlreiche gasförmige Oxide des Stickstoffs.

Noch einmal zur Erinnerung: Köhler zieht den Zigaretten-Vergleich, um damit zu zeigen, wie harmlos die Auswirkungen von Feinstaub in der Stadtluft seien. In seinem umstrittenen Papier heißt es dazu: „Dabei erreichen Raucher (eine Packung/Tag angenommen) in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde. Beim NOx sind die Unterschiede ähnlich, wenn auch etwas geringer.“ Statt NOx sei NO2 gemeint, räumt Köhler nun laut „taz“ ein. Denn nur für diesen Stoff gilt der Grenzwert.

Das Blatt stellt nun eine Neuberechnung an: Demnach erreicht ein Raucher nicht in weniger als zwei Monaten die mit der Außenluft eingeatmete NO2-Menge eines 80-jährigen Nichtrauchers, sondern in 6,4 bis 32 Jahren (je nach angenommenem NO2-Anteil am NOx).

Statt zu zeigen, wie harmlos die Außenluft in Vergleich zum Zigarettenrauch ist, belegt Köhler nach der Korrektur also das genaue Gegenteil.

Von RND/jw

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