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Deutschland / Welt Schulz: Merkel ist abgehoben
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19:08 27.08.2017
Martin Schulz beim ARD-Sommerinterview in Berlin. Quelle: dpa
Berlin

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorgeworfen, sie sei „abgehoben“ und habe den Kontakt zum Bürger verloren. Im ARD-Sommerinterview sagte Schulz am Sonntag: „Sie benutzt die Infrastruktur des Bundes für einen Spottpreis, um zu ihren Wahlkampfauftritten zu fliegen.“ Viele Menschen hätten den Eindruck, „dass Angela Merkel entrückt ist“.

Der SPD-Kandidat warf der Kanzlerin außerdem vor, sie reagiere auf Provokationen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu zögerlich. „Wie lange wollen wir tatenlos zusehen, dass Herr Erdogan uns an der Nase herumführt?“, fragte Schulz mit Blick auf den Journalisten Deniz Yücel und andere in der Türkei inhaftierte Deutsche. Das vollständige Interview mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz sehen Sie hier.

Zur Debatte um Fahrverbote für Diesel-Autos in Stickoxid-Belastungsgebieten sagte er: „Natürlich brauchen wir den Verbrennungsmotor noch sehr, sehr lange.“ Anstatt die Technologie in Bausch und Bogen zu verdammen, wäre es besser, jetzt in die Optimierung der Diesel-Technologie zu investieren. In dieser Frage seien die Union und die Grünen sehr weit voneinander entfernt. „Schlimmer kann es für Schwarz-Grün nicht kommen“, fügte er hinzu.

Merkel weist Vorwürfe zurück

Merkel hat den Vorwurf ihres Herausforderers zurückgewiesen. Sie versuche, ihrem Amtseid „wirklich gerecht zu werden - dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen“, sagte Merkel am Sonntag in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“. „Und das bedeutet: Den Menschen im Lande zu dienen.“ Sie übe ihr Amt gerne aus. Daher verstehe es sich von selbst, dass sie im Wettbewerb mit dem SPD-Chef stehe. Sie stelle sich im Wahlkampf den Menschen, diese müssten dann am 24. September ihre Entscheidung treffen.

Zugleich machte Merkel klar, dass sie beim nächsten CDU-Wahlparteitag im Jahr 2018 erneut als Parteichefin antreten will. Beim Frage-Antwort-Spiel über künftige Schlagzeilen zum Abschluss des Interviews fragte Moderatorin Bettina Schausten, ob etwas Wahres an der Zeile sein könne, dass sich Merkel kurz vor dem übernächsten planmäßigen CDU-Wahlparteitag Ende 2020 für die saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin einsetzen würde: Diese Frage stelle sich heute nicht, sagte die Kanzlerin. „Ich hoffe, dass ich dann weiter Parteivorsitzende bin. Und dann schau’n wir mal.“

Merkel hat angekündigt, bei einem Wahlsieg vier weitere Jahre Kanzlerin bleiben zu wollen - also bis 2021. Das vollständige Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel strahlt das ZDF am Sonntag um 19.10 Uhr aus.

Der TV-Schlagabtausch zwischen Merkel und Schulz - es wirkt wie eine Art Warmlaufen vor dem ersten und einzigen TV-Duell der beiden am kommenden Sonntag. Dass Schulz jetzt nicht nur die Union kritisiert, sondern den Frontalangriff auf Merkel wagt, dürfte auch eine Reaktion auf die jüngsten Umfragen sein. Sie sehen die Union bei 39 Prozent, während die Sozialdemokraten zwischen 22 und 24 Prozent stagnieren. Allerdings haben sich schon einige Merkel-Widersacher mit dieser Strategie eine blutige Nase geholt.

Schulz hofft auf unentschiedene Wähler

Doch was sollte Schulz sonst tun? Die Themen-Ballons, die er bisher steigen ließ, verschwanden oft schon nach wenigen Stunden weitgehend unbemerkt am Horizont - von der EU-Quote für Elektroautos bis hin zu seinen Ratschlägen zum richtigen Umgang mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Am Montag will Schulz einen Vorschlag für eine „Nationale Bildungsallianz“ präsentieren. Es geht um einheitliche Bildungsstandards. Das Thema nervt viele Eltern, die schon mal mit Schulkindern von Bundesland zu Bundesland umgezogen sind. Doch schon ganz andere haben sich eine blutige Nase bei den Länderfürsten geholt: Bildung ist Ländersache.

Schulz muss sich auch mit Außenminister Sigmar Gabriel arrangieren, der manchmal wie der eifrigere Wahlkämpfer wirkt. Machen sich da zwei SPD-Alphatiere den Markt der Aufmerksamkeit streitig? Schulz sagt, nein. „Sigmar Gabriel und ich stimmen uns in jedem Punkt ab.“ In einem Interview habe ihn Gabriel neulich sogar über den grünen Klee gelobt, „das fand ich ganz toll“.

Merkel und Schulz wissen beide: In den nächsten vier Wochen kann noch viel passieren. Denn nach Angaben der Meinungsforscher hat fast jeder zweite Wähler noch nicht entschieden, wo er sein Kreuz machen wird. Auf diese Unentschiedenen hofft Schulz. Er sagt: „Da will ich ran.“ Er klingt kämpferisch. Aber auch ein wenig verbissen.

Von RND/dpa/are