Menü
Peiner Allgemeine | Ihre Zeitung aus Peine
Anmelden
Deutschland / Welt Schröder steht zu seinem Einstieg bei Rosneft
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Schröder steht zu seinem Einstieg bei Rosneft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:26 31.08.2017
Gerhard Schröder bei einem Wahlkampfauftritt im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme. Quelle: dpa
Rotenburg

Ob er es genießt? Ob er insgeheim seine Freude daran hat, dass sich jetzt mal wieder alles nur um ihn dreht? Als Gerhard Schröder am Mittwochabend den vollbesetzten Saal in Rotenburg an der Wümme betritt, drängt sich dieser Eindruck geradezu auf. Der Altkanzler kommt im offenen Hemd. Die Ärmel hat er lässig aufgekrempelt. Und im Gesicht trägt er sein breitestes Haifischgrinsen.

Schröder ist in die niedersächsische Provinz gekommen, um Wahlkampf machen. Der örtliche SPD-Abgeordnete Lars Klingbeil hat ihn dazu eingeladen. Seit Monaten schon steht der Termin fest. Unter normalen Umständen hätte es ein munterer Plauderabend werden können. Aber seit Schröders Kandidatur für den Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns Rosneft durch die Medien gegangen ist, sind die Umstände nicht normal. Sie sind alles ander als das.

„Man hat es nicht immer nur leicht mit Dir, lieber Gerd”

Die Wahlkämpfer in der SPD-Parteizentrale sind in Aufruhr, Kanzlerkandidat Martin Schulz musste sich gleich mehrfach von Schröder distanzieren. Der Druck ist groß, und entsprechend ist auch das Interesse am ersten öffentlichen Auftritt des Altkanzlers nach Bekanntwerden des neuen Jobs. Ein halbes dutzend Fernsehteams verfolgt den Auftritt, außerdem gut 30 Fotografen und Presseleute. Selbst das Wall Street Journal hat sich angekündigt.

Für den Abgeordneten Lars Klingbeil, der früher im Wahlkreisbüro Schröders gearbeitet hatte, ist das kein ganz einfacher Termin. Einerseits darf er den prominenten Gast nicht verprellen, andererseits muss er der Kritik aus Öffentlichkeit und Partei Ausdruck verleihen. Es ist ein Drahtseilakt, den der 39-Jährige sehr ordentlich bewältigt. Er erinnert daran, wie er 2005 als frisch nachgerückter Abgeordneter für die Auflösung des Bundestags und den Verlust des eigenen Mandats stimmen müsste - weil Schröder es damals so wollte. „Man hat es nicht immer nur leicht mit Dir, lieber Gerd”, sagt Klingbeil unter dem Gelächter der 350 Zuhörer.

Natürlich wollen die alle wissen, wie Schröder jetzt sein Engagement für Rosneft begründendet. Und was er zu den Vorwürfen sagt, er mache sich zum Büttel des Kremls.

„Die Dämonisierung Russlands hilft keinem“

„Man muss gelegentlich Dinge tun, mit denen nicht alle einverstanden sind”, sagt der Altkanzler. „Der Mainstream war noch nie ein Gewässer, das mich besonders interessiert hat.” Dann folgt eine kalte Dusch für die Medien. Die hätten während seiner Kanzlerschaft einen deutschen Einsatz Irakkrieg herbeischreiben wollen und hätten nun Interesse an einem neuen Kalten Krieg mit Russland. „Ich bin daran nicht interessiert. Und die meisten der Deutschen auch nicht.”

Schröders neuer Job ein Beitrag zum Weltfrieden? Es ist seine sehr eigene Sicht auf die Dinge. „Ich glaube, dass es nicht vernünftig ist, unseren größten Nachbarn Russland ökonomisch und politisch zu isolieren”, führt Schröder aus. „Die Dämonisierung Russlands hilft keinem, die Einbindung Russlands in die Weltwirtschaft kann uns allen helfen.”

Als größter Erdölkonzern der Welt sei Rosneft wichtig für Deutschland Das Unternehmen sei mitnichten der verlängerte Arm des Kremls, sondern ein internationaler Konzern, der sich um Energiesicherheit kümmere. Und dann richtet sich Schröder direkt an die Genossen im Saal: „Jetzt stellt Euch mal vor, ich wäre nicht für den Aufsichtsrat des russischen Unternehmens Rosneft, sondern für den des US-Unternehmens Exxon vorgeschlagen worden. Alle wären begeistert.”

„Ich bin nicht benutzbar”

Man muss es Klingbeil hoch anrechnen, dass er an dieser Stelle kritisch nachfragt. Ob er denn keine Angst habe, dass Russlands Präsident Wladimir Putin ihn benutze, frage er Schröder. Ob ihm denn sein Ruf egal sei?

„Ich bin nicht benutzbar”, antwortet der Altkanzler. Und sein Ruf, nein, der sei ihm nicht egal. Aber er werde deshalb nicht darauf verzichten, in seinem Alten Beruf als Rechtsanwalt zu arbeiten. Er sein nicht freiwillig aus dem Amt geschieden und niemand können nun von ihm erwarten, dass er sich nun in den Lehnstuhl setze. „Ich werde es tun. Und ich stehe dazu”, sagt er noch. “Es geht um mein Leben, und über das bestimme ich. Und nicht die deutsche Presse.”

Zumindest der letzte Satz ist wahr.

Von Andreas Niesmann/RND