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Deutschland / Welt Ram Nath Kovind: Die unsichtbare Schranke
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19:25 20.07.2017
Unberührbarer wird Präsident Indiens: Ram Nath Kovind. Quelle: AP
Neu-Delhi 

„Es tut immer noch weh“, sagt Sukirtharani. Die indische Dichterin aus dem südlichen Bundesstaat Tamil

Nadu erinnert sich an den Moment, als sie als Grundschülerin einem anderen Mädchen in ihrer Klasse ein Bonbon anbot: „Sie hat meine Hand weggeschlagen.“ Erst später lernte die heute 44-jährige Sukirtharani den Grund: Das Kind wollte nichts von einem Dalit-Mädchen aus der Kaste der ehemaligen Unberührbaren annehmen, weil das als unrein galt.

Mehr als 200 Millionen der 1,3 Milliarden Inder sind Dalits

Jetzt hat Indien einen Dalit zum Präsidenten gewählt: Ram Nath Kovind wird neues Staatsoberhaupt. Das Amt ist repräsentativ, doch in der Geschichte Indiens hat zuvor erst einmal ein Dalit diesen Posten bekleidet. Es ist zumindest ein kleiner Sieg für die Gemeinschaft, die immer noch um soziale Anerkennung kämpft.

Mehr als 200 Millionen der 1,3 Milliarden Inder sind Dalits, die in der komplizierten, seit mehr als 5.000 Jahren herrschenden Kasten-Hierarchie, ganz unten rangieren. Auch wenn diese soziale Abstufung mit der Urbanisierung und der zunehmenden Mobilität von Millionen Arbeitskräften in Indien an Bedeutung verloren hat, diktiert sie auf dem Lande immer noch den Alltag.

Unberührbare dürfen oft nicht aus dem gleichen Brunnen trinken wie andere Dorfbewohner. Teils ist ihnen selbst der Besuch im hinduistischen Tempel verwehrt, weil sie den heiligen Ort verunreinigen könnten. Immer noch arbeiten sie oft in den als unrein geltenden Berufen als Leichenbestatter, Straßenfeger, Abfallsammler oder Latrinenreiniger.

Verfassung verbietet Diskriminierung wegen Kastenzugehörigkeit

In den vergangenen Jahren hat die indische Regierung mit Quotenregelungen Dalits Plätze an Universitäten und Stellen im öffentlichen Dienst reserviert. Die Regelung ist heftig umstritten. Und nicht immer ist das ein Tor zum Erfolg: 2016 entzündete sich ein Studentenprotest daran, dass zwar staatliche Stipendien den hochbegabten Studenten den Weg in die Hörsäle ebnen, sie aber im Alltag auf dem Campus dennoch ausgeschlossen bleiben. Dalit-Studenten in der Hauptstadt Neu-Delhi berichteten davon, dass sie weder die Mensa, noch andere Gemeinschaftsräume der Universität betreten durften, obwohl Indiens Verfassung seit über 60 Jahren die Diskriminierung wegen Kastenzugehörigkeit verbietet.

Modis politischer Schachzug

Dass die hindunationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Partei (BJP) nun einen Dalit zu ihrem Kandidaten für die Präsidentenwahl kürte, ist nicht zuletzt ein politischer Schachzug. Der 71-jährige Rechtsanwalt Kovind soll helfen, das Image der BJP als Partei der höheren Kasten loszuwerden. Er wurde am Donnerstag von einem Wahlkollegium aus Vertretern des Parlaments und der Unionsstaaten gewählt.

Kovind stammt aus dem wichtigen Bundesstaat Uttar Pradesh mit über 200 Millionen Einwohnern. Gewinnt Premierminister Narenda Modi diesen Staat 2019 für sich, so hat er seine Wiederwahl für weitere vier Jahre gesichert. Bislang wählten die Kastenlosen vor allem Indiens Kongress-Partei, die im Gegenzug für Quoten bei Bildung und Jobs sorgte. Doch dieses Modell hat an Zugkraft verloren, seit auch die BJP aggressiv um Dalit-Stimmen wirbt. Auch die Opposition schickte übrigens eine Vertreterin der Dalits ins Rennen ums höchste Staatsamt: die 72-jährige ehemalige Parlamentspräsidentin Meira Kumar.

Indien hat sich in den vergangenen zehn Jahren radikal verändert – und kaum einer hat das besser erkannt als Modi. Smartphones und soziale Medien haben auch in abgelegenen Dörfern Einzug gehalten. Die Wähler sind unzufriedener als früher und verlangen mehr. Während die Kongress-Partei auf Identitätspolitik setzt und einzelne Kasten umwirbt, lockt Modi mit Chancen und dem Versprechen einer besseren Zukunft. Das kommt bei vielen Wählern gut an. Mit einem Dalit als Präsidenten will die BJP mit einer hindunationalistischen Ideologie auch untere Kasten ansprechen.

Von RND/epd/dpa