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Deutschland / Welt Politologe Andreas Püttmann: „Die CDU kann die AfD nicht halbieren“
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06:00 07.12.2018
Der Bonner Politologe Andreas Püttmann Quelle: katholisch.de

Herr Püttmann, wer auch immer den CDU-Vorsitz bekommt, sie oder er wird katholisch sein. Spielt die Konfession heute noch eine Rolle in der CDU?

Jein. Es gibt einen offiziellen Evangelischen Arbeitskreis und 2009 gründete sich ein bedeutungsloser Kreis von "engagierten Katholiken", aus Frust über die Protestantisierung der Parteispitze. In der letzten Legislaturperiode gab es mit Peter Altmaier nur einen Katholiken unter den CDU-Bundesministern, auch Parteichefin, Fraktionschef und Generalsekretär waren evangelisch. Dahinter stand aber keine Strategie, es hat sich einfach so ergeben. Jetzt sieht die Lage plötzlich anders aus. Ursula von der Leyen ist die einzige protestantische CDU-Ministerin im Kabinett, alle anderen sind Katholiken. Aber eine große Rolle spielt das nicht mehr: Kirchennahe Christen der beiden Konfessionen ähneln sich im Profil mehr als Kirchennahe und Kirchenferne derselben Konfession.

Gibt es heutzutage noch katholische Themen in der Politik?

Ja, bei den Lebensschutzfragen Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe gibt es eine besondere Sensibilität der Katholiken. Ebenso bei Ehe und Familie.

Alle drei Kandidaten sind katholisch, alle drei wollen die CDU wieder konservativer aufstellen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Katholisch und konservativ sind mitnichten dasselbe. Die drei Zentralwerte des Konservativismus sind Arbeit, Familie, Vaterland, die drei des Christentums Glaube, Liebe, Hoffnung. Da gibt es schon ein Spannungsfeld. Siehe Flüchtlingspolitik. Katholiken sind in sozialen Fragen weniger liberal-konservativ als Protestanten, auch etwas toleranter gegenüber religiösen Vorschriften der Muslime. AKK steht sozialpolitisch mehr als Merz und Spahn in der Tradition der katholischen Soziallehre.

Ist AKK die typischste Katholikin?

Ja. Da klingt Friedrich Merz, der sich ja besonders für die „Fleißigen“ einsetzen will, schon etwas protestantischer.

Viele kirchennahe Christen gehen wegen der Lebensschutz-Themen, wie Sie sie nennen, zur AfD. Werden sie mit diesen Themen geködert oder überlappen die Milieus?

Es sind nicht viele, kaum 5 Prozent. Die Wirkung ist die eines Köders: Manche Christen tendieren wegen nur ein oder zwei Themen zur AfD – für die ist es Balsam auf die Seele, dass es wieder eine Partei gibt, die zum Beispiel von einer „Willkommenskultur für Ungeborene“ spricht oder gegen "Gender" wettert. Sie sind vielleicht weder ausländerfeindlich noch rechtsradikal, aber landen deshalb bei der AfD. Sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, wo sie ansonsten moralisch dort gelandet sind.

Kann die CDU, wie Friedrich Merz verspricht, Wähler von der AfD zurückgewinnen, gar die „AfD halbieren“?

Die CDU kann da Wähler zurückholen, aber weit weniger als Herr Merz sich erträumt. Sie kann die AfD nicht halbieren. Nicht mal ein Drittel der AfD-Wähler kommt von der Union. Und von denen sind viele so weit nach rechts gedriftet, dass ihre Ansichten gar nicht mehr zur CDU passen. Ich habe Bekannte, die sich binnen Monaten im Internet radikalisierten. Das wird ja von manchen Dschihadisten berichtet, funktioniert aber - bisher ohne Gewalt - auch bei Christen. Die bekommt man nicht mehr zurück. Es wird extrem schwer. Zudem wäre Merz ja, wenn er Kanzler werden will, auf die SPD oder die Grünen angewiesen. Stellen Sie sich mal einen CDU-Spitzenkandidaten vor, der gleichzeitig mit den Grünen koaliert und AfD-Wähler zurückholt. Abwegig. Mit Merz würde die strukturelle Mitte-Rechts-Mehrheit eher schwinden. Für die CDU drohte ein Desaster. AKK kann zumindest den Bestand in der Mitte sichern. In einer Situation der ideologischen Pluralisierung und Polarisierung wäre es für eine Volkspartei schon ein Erfolg, einigermaßen Wählersegmente zu behalten.

Die AfD wird also auf jeden Fall bleiben?

Ja, das alte Flussbett des antiliberalen Deutschnationalismus der Weimarer Republik wird wieder gefüllt. Die völkisch-nationalen Kräfte haben historisch ohnehin keine Heimat in einer Partei wie der CDU. Jetzt trennt sich, was nicht zusammengehört.

Die CDU hatte immer ihre deutschnationale Schmuddelecke, in der sie Rechtsautoritäre gebunden hat.

Ja, aber die waren ohne bestimmenden Einfluss. Nicht nur die Nazis, auch ihre rechtskonservativen Wegbereiter und Steigbügelhalter waren 1945 diskreditiert. Man konnte diesen Rand einbinden, weil er kleinlaut geworden war. Indem man ihm Futter gibt, integriert man ihn nicht, sondern macht ihn wieder groß. Die AfD ist nicht, wie sie gerne behauptet, die CDU Adenauers oder Helmut Kohls, selbst Alfred Dregger und Franz-Josef Strauß bei der CSU waren pro-europäisch und pro-westlich.

Also muss sich die CDU gar nicht bemühen, Wähler von rechts zu gewinnen?

Bemühen muss man sich um Verlorene immer. Doch wer bis jetzt nicht von der AfD weg ist, nach all den Skandalen und verbalen Entgleisungen, ist extrem schwer durch die CDU zurückzuholen. Da machen sich einige mit der Wunderwaffe Merz etwas vor. Michael Spreng verbreitete, AKK sei die Kandidatin fürs Herz, Merz der für den Kopf. Ich sehe es genau umgekehrt: AKK ist die rationalere Wahl, wenn man es bis zum Ende durchspielt, Merz der Kandidat für den Bauch. Wichtig ist, was hinten herauskommt, hat Helmut Kohl gesagt. Da bietet AKK mehr politische Optionen, Erfahrung und Integrationskompetenz.

Gibt es denn die Notwendigkeit, ein konservatives Profil zu schärfen?

Nachdem Merkel die CDU modernisiert hat und es auch kein Zurück dahinter mehr gibt, kann die CDU durchaus wieder konservativere Positionen besetzen. Ein freiheitlicher Konservatismus kann in der Außenpolitik wichtig sein, bei der Inneren Sicherheit, der Bioethik, der Bildungspolitik, ohne dass man damit in dezidiert rechtes Fahrwasser kommen muss.

Von Jan Sternberg/RND

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