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Deutschland / Welt „Omas gegen Rechts“: Der Aufstand der Grauen
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14:00 01.12.2018
Sie sind aufgewachsen zwischen Trümmern und Sprachlosigkeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus: Die „Omas gegen Rechts“ protestieren heute engagiert gegen die Rechtsdrift in der Gesellschaft. Quelle: Thomas Imo/photothek
Berlin

Gäbe es die Omas nicht, müsste man sie erfinden. Nicht als Enkelverwöhnerinnen und Übermittlerinnen von Käsekuchenrezepten, sondern als Rebellinnen. Die „Omas gegen Rechts“ sind das Protest-Phänomen des Jahres 2018.

In Österreich fing es an, dort demons­trieren die Seniorinnen jeden Donnerstag gegen die rechtspopulistische Koalition von ÖVP und FPÖ unter Sebastian Kurz. Kurz ist 32, sie gehen also gegen einen Kanzler auf die Straße, der vom Alter her ihr Enkel sein könnte.

Dann schwappte das Phänomen nach Deutschland. „Wir wollen nicht, dass es so weit kommt wie in Österreich“ ist das Motto der deutschen Großmütter. Mehr als 2500 Protest-Omas gehen landesweit auf die Straße, demonstrieren gegen die AfD, bei „Unteilbar“ in Berlin oder bei „Bremen zeigt Gesicht“.

„Omas, Omas/ uns braucht das ganze Land“

Sie sind zwischen 50 und 80 Jahren alt, auch ein paar Männer sind dazwischen. Sie organisieren sich über Facebook, wer dort nicht dabei ist, bekommt Rundmails. Und wer sich dem ganzen neumodischen Quatsch verweigert – das sind die wenigsten – wird über Telefonketten informiert. Die Omas stellen sich auf den Weihnachtsmarkt und singen das Oma-Lied: „Omas, Omas/ uns braucht das ganze Land/ Wir kämpfen für die Kinder/ und leisten Widerstand.“

Es sind Frauen wie Gerda Smorra, 74, aus Bremen. Ihren Vater, einen Wehrmachtssoldaten, kennt sie nur von einem Foto. Sie wird am 13. April 1944 geboren, zwei Monate zuvor kam ihr Vater an der Eismeerfront ums Leben. Als sie 14 war und ein politischer Mensch wurde, war ihr Urteil klar: Mit diesem Mann, der bereits 1933 freiwillig eine Uniform anzog, wollte sie nichts zu tun haben.

Erst vor wenigen Jahren hat Smorra eine Beziehung zu ihrem unbekannten Vater aufgebaut. Sie hat seine Briefe aus dem Krieg gelesen, ist ans Eismeer gefahren, hat ihm Antwortbriefe zurückgeschrieben und ein Buch darüber veröffentlicht.

Gerda Smorra gehört zur Kriegskinder-Generation, die heute auf die Straße geht. Quelle: privat

Die Kriegs- und Nachkriegskinder sind ja nicht zufällig die Achtundsechziger geworden. Sie sind aufgewachsen zwischen Trümmern und Sprachlosigkeit über die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie sind geprägt von Zerstörung und den Traumata ihrer Eltern, die sich manchmal vererbten.

Wer heute älter als 80 Jahre ist, hat Bomben und Flucht oder Evakuierung in den allermeisten Fällen selbst miterlebt – das prägt natürlich den Blick auf Krieg, Flucht und Asyl. Es sind die ganz Alten, die sagen: Das habe ich alles selbst durchlitten, ich kenne jeden Schrecken und die oft mangelnde Hilfsbereitschaft in einer Trümmergesellschaft. Wer helfen kann, soll es tun. Es ist auch diese Kriegskinder-Generation, die Nationalsozialismus und Rassenhass miterlebt hat und sagen kann: Es ist geschehen, also kann es wieder geschehen. Aber wir können es verhindern.

Doch die über 80-Jährigen können meist nicht mehr protestierend auf die Straße gehen, auch nicht mit Rollator. Die Protest-Omas sind etwas jünger, wie Gerda Smorra und die meisten ihrer Mitstreiterinnen. Vom Krieg haben sie nur die Erzählungen, aber dennoch das „Nie wieder“ als oberste Leitmaxime. „Wir leben nicht mehr lang, wir müssen jetzt sagen: nicht mit uns.“

Die Rechtsdrift in der Gesellschaft bringt die Nachkriegskinder wieder zusammen

Zwischen Trümmern aber wächst auch Alexander Gauland auf, drei Jahre älter als Gerda Smorra. Der heutige AfD-Chef verbringt seine Kindheit in Chemnitz in der sowjetisch besetzten Zone, 1959 flieht er aus der DDR in den Westen, zum Studium. Aus dem „Nie wieder“ ist bei Gauland der „Vogelschiss“ geworden, aus dem konservativen Intellektuellen der deutschnationale Scharfmacher.

Ist auch das ein typischer Weg dieser Generation? „Ich verstehe ihn überhaupt nicht, ich kann nicht nachvollziehen, wie er so nach rechts abdriften kann“, sagt Smorra über ihren Generationsgenossen. Würde sie mit Gauland an einem Tisch sitzen, hätte sie ihm nichts zu sagen.

Die Rechtsdrift in der Gesellschaft bringt besonders diejenigen wieder zusammen, die sich an ihre alten Kämpfe erinnert fühlen. Das sind eben die Nachkriegskinder, politisiert durch 1968. Auch die Kölner Autorin Sabine Bode, 71, kann von solchen Begegnungen berichten. „Da treffen sich zwei 70-Jährige mit ihren Hunden im Park, und der eine erzählt strahlend von seiner neuesten Demo-Erfahrung. Alle, die in 68 gebadet wurden, sind jetzt wieder da.“ Aber, so berichtet Bode, sie sind es auf beiden Seiten der großen Trennlinie in der Gesellschaft. „Auf beiden Seiten bricht etwas auf“, hat auch Gerda Smorra festgestellt.

Eine Teilnehmerin der “Omas gegen rechts" bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarsch anlässlich des 31. Todestages von Rudolf Heß in Berlin. Quelle: Christoph Soeder/dpa

Sabine Bode hat mehrere Bücher zu Kriegskindern, Kriegsenkeln und Traumata veröffentlich, sie gilt als die Expertin auf diesem Gebiet. Sie hat nachgewiesen, dass Kriegstraumata über die Generationen weitergegeben werden können – und dass es für die Erfahrungen ganz wichtig ist, in welchem Alter die Kinder bei Kriegsende waren. Je älter, desto selbstbewusster. Je jünger, desto angstbesetzter.

Bode reist viel zu Lesungen durch das Land, und ganz oft geht es an diesen Abenden um alte und neue Ängste. Um Vergleiche, um Opferkonkurrenzen. Und vor allem eben um die Flucht. „Wir haben damals auf Stroh geschlafen, und heute haben die Flüchtlinge alle ein Smartphone“, ist ein typischer Satz, den sie zu hören bekommt. Und Bode sagt über die Frau, die nach einer Lesung irgendwo in Westfalen mit genau diesem Satz ankam: „Sie ist wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben nicht getröstet worden.“

Fluchterfahrungen prägen auch AfD-Vertreter

Es ist höchstwahrscheinlich kein Zufall, dass die zwei präsentesten – und rätselhaftesten – AfD-Vertreter von der Fluchtgeschichte ihrer Familie stark geprägt sind. Björn Höckes Familie stammt aus Ostpreußen. Wird er nach Parallelen zwischen damaligen und heutigen Neuankömmlingen gefragt, reagiert der frühere Geschichtslehrer und Thüringer AfD-Chef fast schon aggressiv. Da gäbe es überhaupt nichts zu vergleichen, sagt er dann.

Alice Weidels Familie stammt aus Schlesien. Es gibt eine erstaunlich offene Antwort Weidels zu diesem Thema. Am Tag nach der Bundestagswahl wurde die heutige AfD-Fraktionschefin von einem niederländischen Journalisten nach ihrer Familiengeschichte gefragt. Weidel sei ein schlesischer Name, antwortet sie.

Und berichtet dann von einem besonders bitteren Familientrauma aus den letzten Kriegsmonaten: „Mein Vater hat auf der Flucht seinen kleinen Bruder verloren, mit fünf Jahren. Das hat sich durch unsere Familie gezogen, weil mein Vater traumatisiert ist.“ Knapp fügt sie hinzu: „Das ist nicht Gegenstand meiner Politik.“ Dass dieses Familientrauma keine Rolle mehr spielt, würde sie wohl nicht behaupten.

Die Omas kämpfen für die Jungen

In einem viel beachteten Essay in der „New York Times“ argumentiert die Autorin Jagoda Marinic, dass der wahre politische Riss in Deutschland zwischen den Generationen bestehe. Die Älteren seien auf Konsens und Ruhe bedacht und verweigerten sich einer offenen Debatte über Integration und die Zukunft der Gesellschaft. Die Jungen aber forderten diese Punkte vehement ein.

Auch die Omas kämpfen für die Jungen. „Uns kann nichts mehr passieren“, sagen sie – auf keinem Feld. Ihre Rente ist sicher, und kein Bereitschaftspolizist würde es wagen, den stets friedlichen grauen Block überhart anzugreifen. „Meine Tochter ist so stark in Job und Familie eingespannt, sie hat keine Zeit. Ich stehe hier auch für sie“, sagt Gerda Smorra. Und für ihre Enkelin, die auf ihre protestierende Oma stolz sein soll.

Von Jan Sternberg

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