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Deutschland / Welt Maybrit Illner: Hilfloses Reden über kriminelle Clans
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07:37 25.01.2019
Beamte der Polizei bringen sichergestellte Gegenstände nach einer Razzia in einer Wohnung eines Mitglieds einer arabischen Großfamilie zu ihrem Auto. Quelle: Paul Zinken/dpa
Berlin

 Arafat Abou-Chaker, langjähriger Beschützer des Rappers Bushido, wird im Gerichtssaal verhaftet –er soll geplant haben, Bushidos Frau und Kinder zu entführen. Wegen des Raubs einer 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum stehen drei Mitglieder eines anderen Clans in Berlin vor Gericht. In Nordrhein-Westfalen kontrolliert die Polizei in Großaktionen Clubs und Shisha-Bars, die kriminellen Clans gehören sollen. Es ist – endlich –tüchtig etwas los im Kampf gegen die Großfamilien aus den Nahen Osten.

In der Aufmerksamkeits-Ökonomie heißt das: Das Thema muss in die Talkshow. Bei „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend im ZDF aber war zu besichtigen, wie eine Talkshow an den falschen Gästen scheitern kann. In der Sendung „Familienbande – kriminelle Clans außer Kontrolle“ kratzten alle Gäste nur an der Oberfläche – und räumten zugleich ihre Hilflosigkeit bei der Clan-Bekämpfung ein.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) ist gerade auf Talkshow-Tour. Am Mittwoch erklärte er Sandra Maischberger, warum der Verfassungsschutz die AfD beobachten soll, am Donnerstag zeigte er sich bei Illner schonungslos: „Die Politik hat zu lange weggesehen“ bei den Machenschaften der Clans. Was er nicht sagt: Die besonders betroffenen Länder NRW, Bremen, Berlin und Niedersachsen haben sich beim Thema Clans bis vor kurzem auch nicht ausgetauscht. Dabei hätte man voneinander lernen können: In Bremen hat die Bürgerschaft schon vor vielen Jahren auf ein Lagebild zu den Clans gedrängt, sagt der Migrationsforscher Ralph Ghadban. Aus Bremen aber sitzt niemand in Illners Runde – Chance vertan.

Herbert Reul (CDU, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen) Quelle: imago stock&people

„Die Vermögensabschöpfung ist rechtsstaatswidrig“

Auch aus Berlin-Neukölln kommt kein Gast – nächste Chance vertan. Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) ist erkennbar weiter weg vom Thema als etwa Neukölln Bezirksbürgermeister Martin Hikel oder die furchtlose Oberstaatsanwältin Petra Leister. Ihrem Wirken ist es zu verdanken, dass Berlin im Herbst 77 Immobilien des R.-Clans beschlagnahmte. „Wir müssen an die Vermögenswerte ran“, sagt auch Behrendt. Doch die Gewinne aus Erpressung, Drogenhandel und Raub abzuschöpfen,ist ein mühsames Unterfangen. Die Immobilien gehören oft Strohpersonen, denen selbst keine kriminellen Akte nachzuweisen sind: „Es wird vor den Gerichten entschieden, ob die beschlagnahmten Immobilien am Ende des Tages bei uns bleiben“, sagt Behrendt vorsichtig.

Der Strafverteidiger Laszlo Anisic hält die Praxis schlicht für verfassungswidrig. Der Hamburger verteidigt auch Clan-Mitglieder und sagt: „Die Vermögensabschöpfung ist rechtsstaatswidrig“, weil die Beweislast umgekehrt wird. Illners Verhör mit dem 64-jährigen Star-Anwalt gehört zu den wenigen Höhepunkten der Sendung. „Ist es Ihnen egal, woher Sie Ihr Honorar bekommen?“, fragt sie. „Wenn ein Bankräuber noch die Banderole um die Scheine hat, den schmeiße ich raus“, erwidert Anisic. „Wenn ich weiß, dass das Geld aus einer Straftat kommt, wird es gefährlich, auch für den Anwalt.“ Bei den Clans aber seien nicht alle kriminell – und nicht alles Geld stamme aus Straftaten. So ist der Jurist fein raus.

„Die Mafia arbeitet wesentlich unauffälliger“

Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter bleibt die Rolle des Gegenspielers – und des Warners: Er schimpft auf eine „völlig vergeigte Integrationspolitik“. Sie habe die Clans erst ermöglicht. Und er prophezeit: „Wenn wir jetzt nicht über fünf bis zehn Jahre mit hohem Personaleinsatz tätig werden, dann werden wir scheitern.“

Dabei sind die Methoden der Clans alles andere als kompliziert: Sie leben von Einschüchterung und Gewalt. Fiedler erklärt die Vorgehensweise bei der Schutzgelderpressung: „Es entsteht ein neuer Laden und ein Familienmitglied geht hinein und sagt: Du bezahlst. Wenn du das nicht machst, komme ich morgen mit 20 Leuten wieder.“ Die deutsch-italienische Mafia-Expertin Laura Garavini betont die Unterschiede zwischen Mafia und Clans: „Die Mafia arbeitet wesentlich unauffälliger. Es gibt auch mehr Weiße-Kragen-Mafia. Und sie ist weltweit vernetzt.“

Doch aus der Mafia kann man aussteigen, aus einer Familie nicht. „Wir müssen die Frauen und die Jungen da rausholen. Aber wir haben noch kein Konzept“, sagt Reul selbstkritisch. Hier zeigt sich wieder die Hilflosigkeit aller Akteure.

Von Jan Sternberg/RND

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