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Deutschland / Welt Nervöse CSU: Jetzt hilft nur noch beten
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Nervöse CSU: Jetzt hilft nur noch beten
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07:03 05.09.2018
Erst die Religion, dann die Politik: Nahe der Wallfahrtskirche Maria Vesperbild an der Mariengrotte in Ziemetshausen entzündet Markus Söder eine von ihm gestiftete Kerze. Danach tagte das bayerische Kabinett in dem Wallfahrtsort. Quelle: Josef Hildenbrand/dpa
München

Der Mann, der so lange für einen beinharten Kurs in der Flüchtlingspolitik stand, ist plötzlich ganz zahm. Markus Söder steht am Rednerpult, nippt an seiner Maß. Es ist Gillamoos-Montag in Abensberg, wie immer ein Höhepunkt der Volksfestsaison in Bayern und Pflichttermin für jeden Wahlkämpfer. Söder schwitzt. So sehr, dass er gleich zu Beginn die schwarz-grüne Krawatte unterm hellen Trachtenjanker ablegt.

Und dann ist er auf einmal ganz anders als sonst. Als er auf Chemnitz zu sprechen kommt, poltert Söder gegen FDP-Mann Wolfgang Kubicki, der die Wurzeln für die Ausschreitungen in Sachsen im „Wir-schaffen-das“ der Kanzlerin erkannt haben will. „Ich erwarte dafür eine ordentliche Entschuldigung. Das ist Gossensprache“, ruft Söder.

Verkehrte Welt in Bayern. Dazu gehört nicht nur ein Markus Söder, der sich zum Verteidiger der Kanzlerin aufschwingt. Sondern auch eine hypernervöse CSU. Alles gepaart mit massivem Misstrauen innerhalb der Führungsriege.

Längst macht sich dort die Erkenntnis breit, dass die Wahl am 14. Oktober zum Desaster werden könnte. Nicht etwa, weil der Regierungsauftrag in Gefahr wäre, sondern weil die CSU zum zweiten Mal in ihrer Geschichte auf einen Koalitionspartner angewiesen sein dürfte. In der Logik der Partei des „Mir san mir” wäre das die größtmögliche Niederlage.

Es geht um – alles

38 Prozent, 37 Prozent, 36 Prozent – mit jeder Umfrage geht es momentan eine Stufe tiefer. Es sind auch die Nachwirkungen des erbitterten Asylstreits mit der CDU, die der CSU jetzt Schwierigkeiten bereiten. Für die Partei steht eigentlich alles auf dem Spiel, ihr Status als letzte verbliebene Volkspartei, der Nimbus der Alleinregierung.

Söder und das übrige Spitzenpersonal kämpfen auch darum, wer in der CSU nach der Wahl am 14. Oktober eigentlich noch das Sagen haben wird. Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, ein versierter Strippenzieher, lauert schon. Für den heutigen Mittwoch hat er Parteichef Horst Seehofer und Söder ins Brandenburgische eingeladen – auf Schloss Neuhardenberg, zur Sommerklausur der CSU-Bundestagsabgeordneten.

Mitte August im Berchtesgadener Land: Über der Stroblalm auf 753 Metern Höhe hängen dicke Wolken, verdecken das traumhafte Alpenpanorama. Söder muss noch schnell telefonieren, wie so oft in diesen für die CSU irritierenden Zeiten. Es geht um Schadensbegrenzung. Und darum, dass nicht noch mehr Fehler passieren. Deshalb die vielen Telefonate. Deshalb die Suche nach einer neuen Tonlage.

Wer ist der Kronprinz der CSU? Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (rechts) trauen einander nicht wirklich über den Weg. Quelle: Andreas Gebert/dpa

Drinnen im Wirtshaus gibt es eine deftige Brotzeit. Doch Söder nippt nur an seiner Cola, während sich draußen das Gewitter entlädt. Es wird eines dieser Gespräche mit Politikern, aus denen nichts zitiert werden darf. Aber so viel kann man sagen: Söder hat inzwischen eine klare Vorstellung davon, was alles schiefgelaufen ist. Und wie kontraproduktiv die große Asyl-Kraftprobe mit Angela Merkel und der CDU für ihn und seinen Wahlkampf war. Der nächste Bierzeltauftritt wartet, unten im Tal in Anger, wo der örtliche Trachtenverein sein 70-jähriges Bestehen feiert. Söders Fahrer biegt ab zum Dorfplatz, verfährt sich hoffnungslos, muss umkehren. Es ist auch ein Sinnbild für die Orientierungslosigkeit der CSU.

Rückblende: Franz-Josef-Strauß-Haus, München, 1. Juli, 22.51 Uhr. Gerade hat Horst Seehofer seinen Rücktritt angekündigt. Die CSU-Granden ziehen sich zurück zur Krisensitzung. Es ist der Moment der totalen Konfusion. Und nicht wenige in der Partei sagen, Söder hätte in dieser Nacht nur zugreifen müssen, niemand hätte ihm den CSU-Vorsitz streitig gemacht. Seehofer, der sich im Streit um seinen Masterplan Migration und Zurückweisungen von Flüchtlingen an der Grenze zu Österreich völlig verrannt hatte, wäre auch als Bundesinnenminister Geschichte gewesen.

Warum hat Söder gezögert?

Doch Söder zaudert, greift nicht zu, steigt um 1.05 Uhr in der Nacht mit versteinerter Miene in seinen schweren Dienst-BMW, braust davon. Die Union zerlegt sich auf offener Bühne, ein Parteichef, der Freund und Feind mit einer Rücktrittsankündigung überrascht – so hatte sich der Wahlkämpfer das alles nicht vorgestellt.

Die dramatischen Stunden Anfang Juli wirken bis heute nach. Der Formelkompromiss mit der CDU in der Frage der Zurückweisung von Asylbewerbern, der tags darauf den Bruch in der Union in letzter Minute verhindert, lastet immer noch schwer auf der CSU. Die Partei hat sich verzockt.

Offiziell sagt Söder nicht viel dazu. Nur, dass die Auseinandersetzung nicht hilfreich war. Und dass er selbst das umstrittene Wort „Asyltourismus“ nicht mehr benutzen wird. Gedimmt wirkt er in diesen Wochen. Ganz anders jedenfalls als während des Unionsdramas, als ein Wort das andere gab und er von einem „Endspiel um die Glaubwürdigkeit” sprach.

Harmonie zweifelhaft: Im märkischen Schloss Neuhardenberg beginnt an diesem Mittwoch die Sommerklausur der CSU-Bundestagsabgeordneten – mit Seehofer und Söder. Quelle: imagebroker

Den August über sucht Söder nach einem Thema, das sich hochziehen lässt. Die Flüchtlingspolitik spricht er kaum noch an. Und wenn, dann vorsichtig. Er zeichnet ein weicheres Bild von sich, twittert Tierheimfotos mit dem Hundewelpen „Idefix“, spricht viel über die Milliarden, die er unter die Leute bringen will: Das Familiengeld, das Pflegegeld, die neue Eigenheimzulage.

Ein neuer Ton, eine neue Strategie? Auch im Umgang an der Spitze?

Söder und Seehofer haben sich Ende Juli ausgesprochen. Den CSU-Chef hat vor allem genervt, dass sein Ministerpräsidentennachfolger die Ursachen der Umfragemisere vor allem in Berlin verortet hatte. Nun wollen die beiden langjährigen Widersacher gemeinsam kämpfen.

Dobrindt, Karrierist auf eigene Rechnung

Da wäre aber auch noch Alexander Dobrindt. Der machtbewusste Chef der christsozialen Bundestagsabgeordneten gilt den „Münchnern” in der CSU als schneidiger Karrierist, der vor allem auf eigene Rechnung arbeitet. Schaffen es die Parteigranden in dieser schwierigen Lage, die Nerven zu behalten?

Söder kommt zwar zur Neuhardenberger Sommerklausur der CSU-Abgeordneten. Deren Chef Dobrindt aber will die Bühne vor allem für sich. Im Vorfeld hat er jedenfalls die Parole ausgegeben, das Treffen diene dazu, den bundespolitischen Anspruch der Partei zu untermauern.

Mit markigen Forderungen soll das gelingen. Dobrindt hat für das Treffen ein Strategiepapier erarbeiten lassen. Man kann es auch als Machtanspruch lesen. Das Thema Migration ist nur noch eines unter vielen. Geht es nach Dobrindt, setzt die CSU jetzt auf Entlastungen, setzt noch in dieser Legislaturperiode den Komplettabbau des Soli durch und geht bei der Mütterrente noch über das gerade beschlossene Rentenpaket hinaus. Doch die Frage ist, ob das reicht, um die Wähler in Bayern zu überzeugen.

Alles wie immer. Fast.

Zurück nach Anger im Berchtesgadener Land, ins weißblaue Festzelt mit Bierdunst und Backhendlduft. Die Blaskapelle hat gerade für Söder den bayerischen Defiliermarsch gespielt. Selfies, Schulterklopfen, Gejohle und Gedränge, als der Wahlkämpfer einmarschiert. Alles wie immer. Fast.

Vorn am Pult beginnt der 51-Jährige mit einem Loblied auf Bayern und seine Champions-League-Plätze in allen Rankings, das Standardrepertoire eines jeden CSU-Wahlkämpfers. Erst spät kommt er auf das Flüchtlingsthema zu sprechen.

„Wenn es um Humanität geht, dann steht Bayern, dann hilft Bayern”, ruft er, verlangt neben Humanität auch Ordnung. „Hilfe ja, aber eine unbegrenzte Zuwanderung nach Deutschland und Bayern kann nicht auf Dauer der richtige Weg sein”, donnert Söder schließlich. Wer ein anderes Land wolle, müsse Deutschland so schnell wie möglich wieder verlassen. Sätze wie diese zünden beim Dirndl- und Lederhosen-Publikum in Anger.

Die letzten Reihen bleiben leer

Vorn im Festzelt, da sind immer die eingefleischten CSU-ler, die lokalen Funktionäre, die tendenziell Wohlgesonnenen. Aber was ist mit den anderen? Denjenigen, die bei der Bundestagswahl die AfD hier im Berchtesgadener Land und vielen anderen Regionen des Freistaats zur zweitstärksten Kraft gemacht haben? Die letzten Reihen im Bierzelt sind leer an diesem Abend.

Der AfD-Balken der Demoskopen bleibt seit Monaten konstant. Diesen Wählern ist die Flüchtlingspolitik der CSU zu lasch, sie nehmen ihr die Unterstützung von Angela Merkel in Berlin übel. Will Söder den Traum von der Verteidigung der absoluten Mehrheit nicht ganz aufgeben, müsste er bei dieser Klientel unbedingt punkten.

Ein ganz eigenes Problem kommt hinzu: In diesem Wahlkampf fehlt jemand, der Söder das Amt des Ministerpräsidenten glaubhaft streitig machen könnte. Und das ist für die CSU brandgefährlich. Wenn ohnehin jedem klar ist, dass Söder bleibt, könnte sich in der Schlussphase alles auf die Frage möglicher Koalitionen konzentrieren. Wer will mit wem? Wer kann mit wem?

100 Prozent Einsatz – reicht das?

Söder hofft auf den „Ketchup-Effekt“ für die CSU: Wer besonders stark auf den Boden der Flasche schlägt, bekommt das meiste heraus. „Die Kernfrage ist jetzt: Bleibt es so, oder werden wir wie Berlin?“, ruft er seinen Zuhörern im Festzelt von Anger zu: „Ich biete 100 Prozent Einsatz”, schiebt er hinterher.

Doch längst werden in der CSU Szenarien für den Fall durchgespielt, dass 100 Prozent nicht reichen für die absolute Mehrheit: etwa, dass Seehofer zurücktreten muss. Und Dobrindt nach dem Parteivorsitz greift. Oder doch Söder. Der Tag nach der Bayern-Wahl könnte die Entscheidung bringen, wer diesen Machtkampf gewinnt: Söder oder Dobrindt.

Von Rasmus Buchsteiner

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