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Deutschland / Welt Wenn man von Tag zu Tag ärmer wird
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07:02 20.08.2018
Menschen stehen an einem Wechselschalter in Istanbul Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
Istanbul

Yunus hat es als einen der Ersten erwischt. Die Schuldenfalle ist zugeschnappt, und für Yunus gibt es kein Entrinnen.

Gerade noch war Yunus ein genauso stolzer wie optimistischer Jungunternehmer in Istanbul. Vor ein paar Monaten hat er sich bei Freunden 4000 Euro geliehen, um sein Geschäft in der Nähe der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi auf Vordermann zu bringen. Er verkauft und repariert Handys, bietet außerdem Zubehör wie Kopfhörer, Kabel und Schutzhüllen an. Eigentlich ein todsicheres Geschäft in einem Land wie der Türkei, wo fast 99 Prozent der Bürger ein Mobiltelefon besitzen und jeder immer das neueste Modell haben will. Aber der Absturz der Lira bringt Yunus an den Rand des Ruins.

In der Türkei wächst die Angst vor dem großen Crash, vor einer Rezession, von der sich das Land über Jahre nicht erholen würde. Und die Währungskrise, die der politische Streit mit den USA ausgelöst hat, ist womöglich nur der geringere Teil des Problems.

Selbst die, die es sich leisten können, halten ihr Geld zusammen

Momentan sieht Yunus – wie so viele Türken nennt er Journalisten in dieser Zeit der Unsicherheit nur noch seinen Vornamen, ein Foto lässt er nicht zu – nur wenige Kunden. Der 30-Jährige aus dem südosttürkischen Mardin angelt ein Paket Kopfhörer vom Regal, um zu zeigen, warum das so ist.

„Die hier kosteten mich im Einkauf bis vor Kurzem 8 Lira, jetzt zahle ich 15“, sagt er. Der dramatische Kursverfall der Lira gegenüber dem Dollar macht alles teurer, was er aus dem Ausland einführen muss – und das ist praktisch sein gesamtes Sortiment. Aber: Die Preissteigerung kann er nicht an seine Kundschaft weitergeben, weil die Waren für Normalbürger sonst unerschwinglich teuer würden.

Und selbst die, die es sich leisten könnten, halten derzeit ihr Geld zusammen. Die Lira hat so rasend schnell so viel an Wert verloren, dass viele Türken Anschaffungen und Reparaturen aufschieben.

200 Milliarden Dollar Schulden in ausländischer Währung

Für Yunus bringt die Währungskrise gleich zwei Probleme auf einmal mit sich: Er verkauft weniger, und er verdient dann am Verkauften auch noch weniger als vor der Krise. „Als ich mir das Geld geliehen habe, waren die 4000 Euro um die 16.000 Lira wert“, rechnet er vor. „Heute sind es 28.000 Lira. Das sind 12.000 Lira mehr, die ich erst mal verdienen muss.“ Auf die Frage, wie er das machen will, zuckt er ratlos mit den Schultern.

Yunus ist nicht allein. Türkische Unternehmen sitzen auf insgesamt mehr als 200 Milliarden Dollar Schulden in ausländischen Währungen. Für eine Firma, die vor Ort nur Lira einnimmt, sind diese Verbindlichkeiten seit Jahresbeginn um ein Drittel höher geworden. Wirtschaftsexperten wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, warnen vor einer „gigantischen Pleitewelle“ und Massenentlassungen im Herbst.

Die Lira im freien Fall Quelle: dpa/Infografik

Schon jetzt sind vor allem Normalverdiener hart getroffen. Der türkische Nettomindestlohn von 1600 Lira im Monat, mit dem viele Türken auskommen müssen, war Anfang des Jahres noch 352 Euro wert – heute sind es gerade einmal 242 Euro. Und Tag für Tag geht es weiter bergab.

Die Mittelschicht rüstet sich für schlechte Zeiten. Reiseveranstalter berichten, dass Zehntausende türkische Urlauber ihre Reisen ins Ausland storniert haben. Der Verkauf von Kühlschränken und Spülmaschinen sackte schon vor Beginn des Sanktionskampfes mit den USA um 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ab. Viele Familien fragen sich, wo das Geld für Schulbücher und Schulbusse für ihre Kinder herkommen soll.

„Wirtschaftskrieg“ wird zum absurden Theater

Vorerst aber ist ein Teil der türkischen Öffentlichkeit weniger mit der Aussicht auf schwierige Zeiten beschäftigt als mit dem Zorn auf die USA. Die Entscheidung von Donald Trump, die ohnehin schwächelnde Türkei mit Wirtschaftssanktionen für die Inhaftierung des amerikanischen Pastors Andrew Brunson zu bestrafen, hat der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan die Gelegenheit gegeben, den Amerikanern die Schuld an der miesen Lage in die Schuhe zu schieben.

Erdogan spricht vom „Wirtschaftskrieg“ der USA und einem „Dolchstoß“ des Nato-Verbündeten und ruft seine Anhänger zum Boykott amerikanischer Produkte auf. Aufgeputschte Anhänger verbrennen vor laufenden Kameras ganze Bündel von Dollarnoten oder zertrümmern ihre iPhones.

Manche Aktionen erinnern an absurdes Theater: In einem Stadtteil von Ankara haben die Behörden die Eröffnung amerikanischer Schnellrestaurants verboten und wollen jetzt eine landesweite Bewegung daraus machen. Friseure lehnen es ab, ihren Kunden einen bestimmten Kurzhaarschnitt zu verpassen, weil der Stil unter dem Namen „American Crew Cut“ bekannt ist.

Manche Erdogan-Gefolgsleute fordern den Rauswurf der US-Soldaten aus dem südtürkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik, der beim Kampf gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien eine große Rolle spielt. Die regierungsnahe Presse feiert den Emir von Katar als Heilsbringer und das Investitionspaket von 15 Milliarden Dollar, das er jüngst in Ankara versprochen hat, als Ohrfeige für die USA und ihren Präsidenten Donald Trump.

Vermeidbare Schwierigkeiten

Jedoch lassen sich längst nicht alle Türken von der Hysterie anstecken. Am zentralen Taksim-Platz von Istanbul schlürfen drei Freunde an einem sonnigen Vormittag auf der Terrasse einer Starbucks-Filiale ihren Eiscafé. Von einem allgemeinen Boykott der US-Kette kann keine Rede sein: Vor dem Tresen drängen sich die Kunden wie immer und warten darauf, ihre Bestellung abgeben zu können. Mehmet, einer aus dem Trio, kann der ganzen antiamerikanischen Boykottaktion nichts abgewinnen. „Das sind Idioten“, sagt er über die iPhone-Zertrümmerer.

Ohnehin kann der Ärger über die Amerikaner nichts an der prekären wirtschaftlichen Lage der Türkei ändern. Experten sehen einen wichtigen Grund für die Probleme darin, dass es Erdogan in den Jahren des billigen Geldes versäumt hat, strukturelle Reformen anzupacken. Jetzt, da sich viele Anleger aus Schwellenländern wie der Türkei zurückziehen, steht das Land vor Schwierigkeiten, die vermeidbar gewesen wären.

15 Milliarden reichen nicht ewig

Das dicke Ende kommt erst noch, glauben viele Türken deshalb. Manche Fachleute erwarten für die kommenden Monate eine Inflationsrate von mehr als 20 Prozent und eine Rezession. Sollte Erdogan weiter der nominell unabhängigen Zentralbank die dringend benötigte Leitzinsanhebung verbieten, könnte das viele Anleger verschrecken – auch die 15 Milliarden Dollar aus Katar reichen schließlich nicht ewig.

„Lass es mal September werden“, sagt Yunus. „Dann müssen die Leute wieder zur Arbeit, und die Kinder in die Schule – dann wird sich zeigen, ob die Kunden wiederkommen. Dann sehen wir, wie ernst es wird.“

Schnäppchenjagd im Krisenland: Arabische Touristen, die mit Dollar oder Euro bezahlen, reisen zum Shopping von Luxusgütern in diesen Tagen nach Istanbul. Quelle: AP

Wenn es nach den türkischen Behörden geht, sollte er sich solche pessimistischen Szenarien lieber verkneifen, denn er könnte sich strafbar machen. Der Lira-Absturz sei Teil eines Komplotts der USA gegen die Türkei, sagt Präsident Erdogan. Mit Verboten, Drohungen und Strafverfolgung geht Ankara gegen Bürger und Unternehmen vor, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen, indem sie Lira in Dollar tauschen, oder gegen jene, die das Vorgehen der Regierung kritisieren. Jeder, der die angeblichen „Angriffe“ durch Äußerungen oder Beiträge in den sozialen Medien unterstütze, riskiere eine Anklage, lässt die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Bürger wissen. Die Krise soll totgeschwiegen werden.

Erdogan selbst drohte allen Unternehmen, die mit dem Gedanken spielen, sich mit dem Ankauf von Dollar oder Euro gegen den Absturz der Lira abzusichern. Sollte eine Firma diesen Weg gehen, dann gebe es einen „Plan B und einen Plan C“, warnte der Staatspräsident.

Und doch wachsen die Schlangen vor den Banken, wo Menschen ihre Lira in Dollar oder Gold umtauschen, um irgendetwas zu retten. Selbst in der schweren Wirtschaftskrise von 2001 sei es nicht so schlimm gewesen wie heute, sagt die Mitarbeiterin einer Wechselstube in der Nähe des Taksim-Platzes. „Die Leute haben Angst.“

Von Susanne Güsten

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