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Deutschland / Welt Klimabericht – Kein Grund zur Gelassenheit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Klimabericht – Kein Grund zur Gelassenheit
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19:30 08.10.2018
Wenn es mit der Verfeuerung von Kohle, Öl und Gas so weitergeht wie bisher, steigt die Erdtemperatur um bis zu vier Grad. Quelle: dpa
Berlin

In der Klimapolitik scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Immerzu zeigt die Uhr fünf vor zwölf an. Es droht die Katastrophe - noch aber lässt sie sich abwenden. Zu diesem Fazit gelangen Wissenschaftler seit fast 30 Jahren. Eine Mischung aus Alarmismus und Beschwichtigung bestimmt die umweltpolitischen Debatte. In diesem widersprüchlichen Ton ist auch der neue Sonderbericht des Weltklimarats verfasst.

Die von den Vereinten Nationen beauftragten Wissenschaftler warnen eindringlich vor den Folgen der Erderwärmung. Sie illustrieren, welche Schäden bereits bei einem durchschnittlichen Plus von 1,5 Grad Celsius drohen – und um wie viel schlimmer es bei 2 Grad würde. Sie machen klar, dass der Schwund des Arktischen Meereises und pazifischer Korallenriffe gewiss nicht nur ein naturästhetisches Problem darstellt, zumal er mit millionenfachem Hunger anderswo auf der Welt einherginge. Zugleich aber wecken die Forscher Hoffnung darauf, dass es nicht ganz so schlimm kommen muss. Dass die Menschheit noch gegensteuern kann, wenn sie denn zu radikalen Maßnahmen bereit ist.

Der Bericht motiviert. Das ist seine Stärke, er soll ja keine „Jetzt ist eh alles egal“-Endzeitstimmung verbreiten. Aus pädagogischen Gründen ist das sinnvoll – zugleich aber birgt dieser Mut-mach-Duktus eine große Schwäche. Mit ihrem Optimismus schmälern die Forscher den Handlungsdruck auf die Politik. Das ist umso fataler, als die Zuversicht der Forscher von den Fakten kaum gedeckt ist.

Der CO2-Ausstoß sinkt nicht

Anders als das fortwährende „Fünf vor zwölf“-Gerede suggeriert, steht die Zeit ja nicht still. Der Klimawandel schreitet voran, vielleicht sogar in zunehmendem Tempo. Entgegen anderer Absichtserklärungen hat die Menschheit seit Beginn der 1990er Jahre, als die Welt erstmals zu einem UN-Umweltgipfel zusammenkam, fast kontinuierlich immer mehr Treibhausgase produziert. Der Energieverbrauch sinkt nicht, er wächst. Was wiederum die Erde anheizt. Der Weltklimarat beschreibt die Folgen einer Erwärmung um ein Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter: zunehmende Wetterextreme, schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel. Die Forscher warnen ihre Auftraggeber, die Politiker: Wenn die Welt weiter wie bisher Kohle, Gas und Öl verfeuert, steuert sie auf einen Temperaturanstieg um drei bis vier Grad zu. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vergleicht daher den Klimawandel mit einem „Asteroideneinschlag in Zeitlupe“.

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Wollte die Weltgemeinschaft tatsächlich ihr vor drei Jahren in Paris beschlossenes Ziel umsetzen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen, dürften ab der Mitte des Jahrhunderts gar keine Emissionen mehr freigesetzt werden. Das erforderte den schnellen Abschied von der Kohle und auch vom Verbrennungsmotor. Aber selbst damit wäre es nicht genug, die Forscher raten daher zu „negativen Emissionen“. Gemeint sind technische Maßnahmen zur Bindung entwichenen Kohlendioxids. Die Technik dazu ist aber noch nicht markttauglich. Die Forscher handeln fahrlässig, wenn sie den Eindruck erwecken, ausbleibender Klimaschutz ließe sich mit künftigem technischem Fortschritt wettmachen.

Klimaleugner dürfen nicht als Vorwand für Tatenlosigkeit dienen

Die Erderwärmung ist ein globales Problem, der Kampf dagegen muss auch ein globaler sein. Ihn zu führen, ist in Zeiten eines erstarkenden Nationalegoismus im Stil von Donald Trump nicht leicht. Doch die Klimaleugner dieser Welt dürfen seriösen Politikern nicht als Vorwand für eigene Tatenlosigkeit dienen. Alle Regierungen sind jetzt gefragt, vor allem jene von Industrienationen. Sie müssen endlich davon abkommen, ihr Unterlassen im Jetzt durch noch höhere Ziele in einer noch ferneren Zukunft wettmachen zu wollen. Kanzlerin Angela Merkel hat ihr Scheitern bei der Einhaltung der deutschen Umweltziele für 2020 eingestanden – und das Einhalten noch ambitionierterer Ziele für 2030 versprochen. So untergräbt Politik ihre eigene Glaubwürdigkeit und vergeht sich an künftigen Generationen.

Lange hieß es, die langfristigen Folgen des Klimawandels würden sich dem kurzfristigen Denken in Legislaturperioden entziehen. Das gilt angesichts zunehmender Wetterextreme nicht mehr. Wenn eine Regierung noch etwas gegen den Klimawandel tun will, muss das jetzt geschehen. Wenn nicht, sollte wenigstens das scheinheilige Gerede darüber ein Ende haben.

Von Marina Kormbaki / RND

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