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Deutschland / Welt Kühnerts Kampfansage: „Wir verteidigen Europa aus dem Herzen heraus”
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20:10 30.11.2018
Juso-Chef Kevin Kühnert: „Der politischen Debatte einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst.“ Quelle: Marius Becker/dpa
Düsseldorf

Jetzt steht er da auf dieser Bühne und sieht aus, als ob ihm das alles irgendwie peinlich ist - der Beifall, der Jubel, das Gejohle. Kevin Kühnert hält den Kopf geduckt, drückt die Hände an die Gesäßtaschen, zwingt sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln ab. Vor ihm in der Halle herrscht pure Ekstase. Knapp zwei Minuten erträgt der Juso-Chef die Begeisterung, dann moderiert er den Applaus ab. „Kommt, ich habe lange genug geredet, reicht jetzt”.

Tag eins des Juso-Bundeskongresses in Düsseldorf. Der SPD-Nachwuchs trifft sich zum Parteitag, zweieinhalb Tage, 300 Delegierte, mehr als 400 Seiten Antragsbuch - und einer, der alles überstrahlt: Kevin Kühnert. Seit einem Jahr führt der 29-jährige Politikstudent aus Berlin den Nachwuchsverband der SPD. Ein Jahr, in dem er vom Nobody zum Hoffnungsträger geworden ist. Dass das möglich war, sagt einiges über den Zustand der Partei aus, und noch mehr über die Talente des jungen Mannes aus Berlin.

Kühnert ist ein beeindruckender, ein mitreißender Redner. Womöglich ist er das größte rhetorische Talent der SPD seit Sigmar Gabriel. Das hat sich inzwischen herumgesprochen und deshalb steigen nicht nur die Erwartungen, sondern auch der Druck. Kühnert muss jetzt eine gute Rede halten. Selbst an einem wie ihm geht das nicht spurlos vorbei.

Regungslos sitzt der Juso-Chef in der ersten Reihe

Beinahe regungslos sitzt er vor dem Beginn des Kongresses in der ersten Reihe, den Textmarker in der linken Hand, den Kopf auf die rechte gestützt. Derart tief versunken in sein Redemanuskript ist der Juso-Chef, dass er die Kameras und Fotografen um ihn herum kaum noch wahrnimmt. Die volle Konzentration gilt jetzt der Rede.

Um kurz nach vier geht Kühnert an das Pult. Hinter den Jusos, sagt er, liege ein irrwitziges Jahr. Dann zählt er die Erfolge auf, die vor allem seine Erfolge sind. Mit 80.000 Jusos gäbe es so viele Mitglieder wie lange nicht mehr, er freue sich regelmäßig über die Gründung neuer Orts- und Kreisverbände – auch in Gebieten, die längst verloren gewesen seien. Kein anderer Nachwuchsverband sei so spannend wie die Jusos, kein anderer derart wirkmächtig. „Wir haben der weitgehend narkotisierten politischen Debatte einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst.”

Und dennoch: Froh könne er nicht darüber sein, wie 2018 gelaufen sei, sagt Kühnert. So vieles sei schlecht: Der Vormarsch der Nationalisten in Europa, der „reaktionäre Mob”, der die Selbstbestimmung von Frauen über deren Körper angreife, die Große Koalition in Berlin. Er zählt das tatsächlich in einer Reihe auf. Die Stimmung sei mies, die positiven Punkte rar und Ideen, wie die SPD das Tal der Tränen wieder verlassen könne, seien auch nicht gerade im Überfluss vorhanden.

Er selbst hätte da ein paar, und je schlechter es der SPD geht, desto mehr Gehör finden Kühnerts Thesen. Den Vorwurf, persönlich der größte Profiteur des Niedergangs der SPD zu sein, weist er dennoch scharf zurück. „Niemand in diesem Raum hat Interesse an einer schwachen SPD. Und niemand will den Erfolg der Jusos auf Kosten der Mutterpartei”, ruft er in den Saal. Stattdessen würden sich die Jusos täglich den Allerwertesten für die Partei aufreißen, sagt, wobei er in Wahrheit eine noch viel drastischere Formulierung wählt. „Wir lassen uns nur nicht mehr Durchhalteparolen abspeisen, die uns und unsere Gesellschaft in die irre geführt haben.”

An diesem Punkt bricht sich der Jubel zum ersten Mal Bahn. Er wird mit jedem Angriff, jeder Attacke, die nun nun kommt, ein Stück weit größer.

Den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt

Kühnert schont niemanden. Nicht das SPD-Establishment, nicht die aktuelle Parteiführung und schon gar nicht den politischen Gegner. Einige Ziele seiner Kritik nennt er mit Namen. Etwa Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil, der den Satz gesagt hatte, dass arbeitende Menschen besser gestellt werden müssten als jene, die das nicht tun.

„Gilt das auch für Menschen, die von Beruf Sohn oder Tochter sind, von ihrem Vermögen leben, weil sie nur 25 Prozent Kapitalertragssteuer bezahlen müssen, oder von üppigen Erbschaften, weil die Erbschaftssteuer löchrig ist wie ein Schweizer Käse?”, fragt Kühnert rhetorisch. „Mensch Stephan!“, ruft er dann. Es sei doch der eigentlich Job der SPD den Kampf gegen die wirklich Reichen zu führen und nicht, zuzulassen, dass die Schwächsten der Gesellschaft gegeneinander ausgespielt würden. „Der Kühlschrank von Klickworkern und Verkäuferinnen wird doch nicht voller, wenn der Familie nebenan die Sozialleistungen gekürzt werden.“

Auch Finanzminister Olaf Scholz bekommt den Zorn des Juso-Chefs zu spüren. „Wir verteidigen Europa nicht aus dem Finanzministerium, sondern aus dem Herzen heraus”, wettert Kühnert. „Und wir warten nicht darauf, dass es im Finanzministerium endlich bei jemandem Klick macht, und verstanden wird, dass für Europa auch mal Geld in die Hand genommen werden muss.“

Der CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek wirf Kühnert vor, dem gesamten ländlichen Raum in Deutschland den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt zu haben – mit ihrem Satz, dass nicht „jede Milchkanne” superschnelles 5G-Internet brauche. „Es geht doch bei 5 G nicht um irgendeinen Firlefanz, sondern um eine der wichtigsten Zukunftsfragen für die Gesellschaft“, ärgert sich Kühnert.

„Ich hab’ Bock!“

Und dann kommt er noch auf seinen Lieblingsgegner zu sprechen, den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen. „Hallo Herr Maaßen, schöne Grüße vom linksradikalen Teil der SPD“, frotzelt er –in Anspielung auf die Klage des ehemaligen Geheimdienstchefs, dass eben solche Kräfte seine Abberufung betrieben hätten. Er teile Maaßens Einschätzung, dass die Jusos großen Anteil an dessen Entlassung gehabt hätten, sagt Kühnert und fügt unter dem Johlen der Delegierten hinzu: „Damit haben wir Jusos mehr für den Schutz der Verfassung getan als Herr Maaßen im gesamten letzten Jahr.“ Er wünsche dem ehemaligen Spitzenbeamten „Viel Spaß“ im Vorruhestand. „Vielleicht lässt Sie Horst Seehofer ja mal mit seiner Eisenbahn spielen.“

Am Ende wendet sich Kühnert noch einmal an seine Jusos und ruft sie zum Kampf für ein Europa auf, dass den multinationalen Konzernen und den Nationalisten die Stirn bietet. „Ich hab’ Bock“, sagt er. „Also ran an die Arbeit.“ Der Rest ist ohrenbetäubender Jubel.

Sollte irgendjemand in der SPD daran gezweifelt haben, dass dieser Mann noch etwas vor hat, dürfte sich das mit der Düsseldorfer Rede erledigt. Mit Kühnert ist zu rechnen. Die Frage ist nur, wann und wo.

Von Andreas Niesmann/RND

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