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Deutschland / Welt Ist die nächste große Krise im Anmarsch?
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08:25 25.08.2018
Quelle: Zeichnung: mester
Berlin/Frankfurt

Die mächtigsten Geldmanager Europas versammelten sich in diesem Sommer in Sintra. Der kleine Ort, 25 Kilometer westlich von Lissabon, bietet angenehme Kühle in überhitzten Zeiten. Die Luftmassen vom Atlantik treffen hier auf Wälder und Hügel. Oft ziehen dann märchenhaft wirkende feine Nebelschleier um die pastellfarbenen Sommerresidenzen portugiesischer Könige, die schon vor Jahrhunderten Sintra entdeckten: als Ort für Rückzug, Entspannung, Konzentration aufs Wesentliche.

Gastgeber der Konferenz in Sintra war Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank. Das Thema der Tagung hatte wie immer einen völlig unverdächtigen Klang: „Preis- und Lohnfindung in hoch entwickelten Volkswirtschaften“. Doch wie immer ging es auch ums informelle Zusammensein, in einem Resort mit eigenem Golfplatz, Infinity Pool und 100 Gin-Sorten in der Bar. Und es ging auch – und nicht zuletzt – um Weltpolitik.

Ort für das Wesentliche: EZB-Chef Mario Draghi lud hier die Mächtigen zum Wirtschaftsgipfel – und hörte düstere Töne. Quelle: imagebroker

Lawrence Summers hielt die Dinnerrede. „Larry“ ist seit Langem ein Duzfreund von Mario Draghi. Der launige Amerikaner, Harvard-Ökonom, war Finanzminister unter Bill Clinton und Wirtschaftsberater in Barack Obamas Weißem Haus.

Im Laufe seiner abendlichen Rede kam Summers auf einen möglichen neuen Absturz der Weltwirtschaft zu sprechen – und wurde plötzlich unerwartet ernst. „Nie zuvor“, sagte Summers, „war die Welt auf eine neue Krise so schlecht vorbereitet wie jetzt.“

Das war nun nichts, worauf man fröhlich hätte anstoßen können im feinen Penha Longa Resort Hotel. Doch Summers setzte, ganz amerikanisch und direkt, noch eins drauf: Während als neues Konjunkturrisiko der Populismus wachse, seien die Möglichkeiten zur Kriseneindämmung geschrumpft. Früher hätten die Notenbanken notfalls die Zinsen gesenkt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, teils um bis zu 5 Punkte. Doch dieses Pulver sei in der jetzigen Nullzins-Ära bekanntlich verschossen. Was also tun? „Eine neue Rezession“, schloss Summers, „können wir uns schlicht und einfach nicht leisten.“

Das Orakel von Sintra hat gesprochen

Es war, als hätte das Orakel von Sintra gesprochen. Wie einst die Griechen in Delphi sahen sich die Teilnehmer des EZB-Kongresses konfrontiert mit einer düsteren, beunruhigenden Weissagung.

Über mögliche neue Krisen zu sinnieren ist derzeit ein Privileg der Eliten. Nicht nur in Sintra, vor der sattgrünen Kulisse eines 18-Loch-Golfplatzes, wurde in letzter Zeit über mögliche Zusammenbrüche der Märkte gesprochen und über Verarmungsrisiken für die Massen. Auch Regierungszentralen und Konzernvorstände machen sich ihre Gedanken. Denn schon die klassischerweise stets in Zyklen verlaufene Geschichte aller Auf- und Abschwünge legt den Gedanken nahe, dass es so wie bisher vielleicht nicht mehr allzu lange weitergehen kann.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB. Quelle: dpa

Bislang allerdings wird das Thema Krise nur in den Hinterzimmern behandelt. Politiker machen in der Öffentlichkeit einen großen Bogen um das K-Wort. Denn schon dessen bloße Erwähnung kann, wie Finanzfachleute sagen, „marktbewegend“ sein. Kanzlerin Angela Merkel etwa lässt daher ihre – erstaunlich häufigen – Vier-Augen-Begegnungen mit Draghi und mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann vorsichtshalber öffentlich unerwähnt.

In diesen Gesprächen geht es weniger ums Gegenwärtige als ums Künftige. Die aktuellen Daten, das bestätigt jeder Ökonom, sind alles andere als krisenhaft. Doch wie sieht es hinter der nächsten Kurve aus?

Sind die fetten Jahre für Deutschland bald vorbei?

Eine neue Krise, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, schon seit Monaten, stehe unmittelbar bevor. In einem längeren Interview stimmte er dieser Tage die Hörer des Deutschlandfunks schon mal ein auf einen wohl baldigen Abschied von den „guten Zeiten, die wir in den letzten Jahren gerade in Deutschland erlebt haben“. Da schwang nicht nur etwas Spätsommerliches, sondern schon etwas Herbstliches mit.

Woher aber könnte die nächste Krise kommen? Wer löst sie aus?

Als unwahrscheinlich gilt unter Ökonomen, dass bald wieder amerikanische Banken wackeln. „Die Amerikaner haben ebenso wie wir Europäer in den letzten Jahren doch einiges getan, um die Sicherheit zu erhöhen“, sagt der CDU-Wirtschaftsexperte und Europaabgeordnete Burkhard Balz, ein gelernter Banker, der geholfen hat, in Brüssel strengere Regeln für die europäische Bankenaufsicht zu erlassen. Im September wechselt Balz in den Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Dort lassen, ebenso wie bei der in Frankfurt benachbarten EZB, Volks- und Betriebswirte rund um die Uhr den Radar kreisen: Wo gibt es Anomalien? Was läuft gerade schief?

Es droht eine Krise ohne Krisenmanagement

Einer dieser Frankfurter Analysten, die sich namentlich nicht zitieren lassen, wurde dieser Tage ebenfalls ein bisschen orakelhaft: „Wir sind uns einig, dass die nächste Krise ganz anders sein könnte als die letzte – aber nicht weniger gefährlich.“

Tatsächlich könnte es diesmal sogar viel schlimmer kommen als beim vergangenen Mal. Weil rund um die Welt der Nationalismus wächst, droht nun eine Krise ohne Krisenmanagement.

Vor zehn Jahren hielt die Welt noch an offenen Märkten fest. So konnten die Deutschen sich rasch aus der Krise „rausexportieren“, wie Ökonomen sagen. Heute dagegen gibt es rund um den Globus starke Impulse in Richtung Abschottung. Auf Entlassungen, etwa in der Stahl- oder Autoindustrie, würden viele Staaten, die USA vorneweg, mit Schutzzöllen reagieren. Dies wiederum könnte die Krisenspirale unheilvoll weiterdrehen – bis zum kompletten Kollaps der Weltmärkte. Durch die Metropolen von Exportnationen wie Deutschland würde bald der Geruch der Suppenküchen ziehen.

Im Vergleich zu einem solchen Szenario hinterließ die Krise von 2008/09 trotz ihrer immensen Kosten nur eine Art Blechschaden.

Peer Steinbrück (SPD), der damalige Bundesfinanzminister, erlebte am eigenen Leib, wie es ist, wenn man zwar in einen Crash verwickelt ist, aber unverletzt bleibt. Als er vor zehn Jahren nach der Lehman-Pleite zu einem Termin beim amerikanischen Präsidenten chauffiert wurde, rammte sein Wagen ein vor ihm fahrendes Auto. Beim Eintreffen im Weißen Haus hielt George W. Bush persönlich dem deutschen Finanzminister die Tür auf und erkundigte sich besorgt: „Are you okay?“

Damals, in der vergleichsweise guten alten Zeit, gab es eine laufende enge Abstimmung zwischen Berlin und Washington, die Bekämpfung der Krise war ein gemeinsames Projekt. Heute dagegen lässt einer den anderen nicht in die Karten gucken. Schlimmer noch: Erstmals seit Gründung von EU und Nato sitzt im Weißen Haus ein Präsident, der europäischen Partnern gezielt ökonomischen Schaden zufügen will.

Politik der Breitbeinigkeit: US-Präsident Donald Trump. Quelle: AP

Statt etwa im Fall Türkei auf den heillosen Absturz der Lira besonnen zu reagieren, schob Donald Trump die Geldentwertung weiter an – und sendete noch höhnische Kommentare auf Twitter. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan konterte vor jubelnden Anhängern mit ebenso lautstarken wie diffusen Parolen: „Die Amerikaner mögen Dollars haben, wir haben Allah!“

An diesen fünf Stellen können Funken fliegen

Die Lage der Weltwirtschaft ist vergleichbar mit einem Wald, der an verschiedenen Stellen in Brand geraten könnte – vielleicht auch an mehreren gleichzeitig.

USA: Eine Eskalation der Handelskriege gegen China und die EU könnte auf die US-Wirtschaft zurückschlagen und die Börsenkurse abstürzen lassen, die Folge wären massenhafte Pleiten. Die staatliche und private Verschuldung in den USA liegt derzeit trotz Booms auf Rekordniveau.

Türkei: Der Lira-Verfall könnte am Ende in eine massive Krise münden, mit Massenarbeitslosigkeit und zunehmender Radikalisierung. In der Türkei engagierten europäischen Banken, vor allem aus Spanien und Frankreich, drohen extreme Schwierigkeiten.

Italien: Das Land schiebt einen gigantischen Schuldenberg vor sich her und hat, wie Griechenland, viele faule Bankkredite als Altlasten angesammelt. Beides wäre zu bewältigen, wenn in Rom nicht eine neue Regierung angetreten wäre, die die EU-Vorgaben zur Stabilität in der Eurozone in den Wind schreibt. Sollten die Populisten einen Haushalt jenseits der EU-Regeln verabschieden, droht zunächst ein massiver Konflikt mit Brüssel – und dann ein Zerbrechen der Eurozone.

Großbritannien: Das Land hat sich nach dem Brexit-Referendum vom Juni 2016 nicht beeilt, Verträge für eine wie auch immer geartete gemeinsame Zukunft an der Seite der EU zu machen. Jetzt droht ein regelloser Austritt zum 29. März 2019 – mit der Aussicht auf chaotische Pleiten, Entlassungen und Rezession.

Iran: Im Streit zwischen EU und USA um Handel mit dem Iran könnte sich in den kommenden Tagen eine gefährliche Zuspitzung ergeben. Washington droht europäischen Banken, offenbar sogar Notenbanken, mit einem Ausschluss aus internationalen Zahlungsverkehrssystemen.

Jetzt blickt die Welt auf ein unumstrittenes, lehrbuchreifes Beispiel dafür, wie Populismus der Wirtschaft schaden kann. Türkische Firmen können Kredite in Fremdwährungen nicht mehr bedienen, türkische Familien spüren nie da gewesene Kaufkraftverluste.

Indirekte Wirkungen hat diese Krise längst auch auf andere Länder, die zwar ökonomisch mit der Türkei kaum verbunden sind, aber sich in einer ähnlichen finanziellen Lage befinden. Um sogenannte systemische Effekte auszulösen, reicht das – denn in der Finanzwelt hängt alles mit allem zusammen, laufend werden sämtliche Tendenzen global verglichen und zu neuen Prognosen hochgerechnet. Allein deshalb zittern jetzt auch in Brasilien, Mexiko, Argentinien und Indonesien Kurse und Währungen.

Populistische Regierungen geraten in Konflikt mit der Notenbank

Mittlerweile werden Muster erkennbar für die Bedrohung von Konjunktur und Wohlstand durch Populismus. Eine Regel, die man vor die Klammer ziehen kann, lautet: Populistische Regierungen geraten früher oder später in einen Konflikt mit ihrer Notenbank.

Die Notenbanker sehen die langfristige Stabilität im Mittelpunkt – die Populisten dagegen wollen sofort glänzen, gern auch beleuchtet durch ein Strohfeuer. Mit Spannung wird daher in den USA der Machtkampf zwischen Trump und US-Notenbankchef Jerome Powell verfolgt, der weitere Zinserhöhungsschritte durchsetzen will. Der Geldwertstabilität in den USA wird Powells Politik guttun, aber sie könnte die von Trump mit kreditfinanzierten Steuersenkungen angekurbelte Konjunktur dämpfen. Wenn Trump Pech hat, könnte er in seinem zweiten Wahlkampf begleitet werden von wieder zyklisch ansteigenden Arbeitslosenzahlen. Will er dann gegen die Notenbank vorgehen? Es wäre der Anfang vom Ende des ökonomischen Grundvertrauens in die USA.

Wie man es nicht machen darf, hat Erdogan soeben vorgeführt. Die türkische Lira tendiert schon seit Jahren schwächer. Zum haarsträubend steilen Absturz um 40 Prozent in diesem Jahr kam es erst, als er gezielt die Unabhängigkeit der Notenbank infrage stellte. Eiskalt sprach anderntags die internationale Ratingagentur Moody’s von einer „Reduktion der politischen Verlässlichkeit in der Türkei“ – und stufte türkische Staatsanleihen mal eben ab auf Ramschniveau. Seither hat es die klamme Türkei noch schwerer, an internationale Kredite zu kommen.

„Reduktion der politischen Verlässlichkeit in der Türkei“: Der türkische Präsident Erdogan. Quelle: imago stock&people

Nationale Währungen, das vergessen populistische Führer, sind letztlich nur bunt bedrucktes Papier, auch wenn darauf stolze nationale Symbole prangen. Ob jemand dafür etwas gibt, entscheidet sich am Markt, international ebenso wie im Gemüsemarkt um die Ecke. Stabiles Geld ist nicht nur eine Rechengröße, sondern auch ein politischer Wert. Es geht um das Vertrauen in den eigenen Staat, in die eigene Zukunft. Wie es sich anfühlt, wenn eine Geldentwertung alles zerfrisst, haben die Deutschen schon einmal erfahren: in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, bevor die Nazis kamen.

Von Matthias Koch

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