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19:28 24.05.2018
Drastischer Kampf um Stimmen und Emotionen: Eine Mutter hat ihren zweijährigen Sohn zu einer Demonstration von Abtreibungsgegnern in Dublin mitgenommen – der Junge hält eine Fötuspuppe in der linken Hand. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
Dublin

Im wilden Nordwesten Irlands, zwischen Sligo und Bundoran, sind über Nacht zwei riesige weiße Buchstaben an der Flanke des berühmten Tafelbergs Ben Bulben erschienen. Wie eine göttliche Mahnung.

„NO“, einfach nur „NO“. Jeder weiß, was das heißt: Die Iren sollen mit Nein stimmen an diesem Freitag. Sie sollen Nein sagen beim Referendum zur Aufhebung des Abtreibungsverbots in der Republik Irland. Und wenn sie dabei noch glauben, in göttlichem Auftrag zu handeln: umso besser.

Kein höheres Wesen allerdings, sondern schlicht der Regionalverband der Pro-Life-Aktivisten hatte die Botschaft am Ben Bulben platziert. Mit dem „Ruf aus den Bergen“ wollten sie an ihre überwiegend katholischen Landsleute appellieren, „Irlands Babys zu retten“.

Der Reformversuch weckt bitterste Gefühle

Nicht einmal der örtliche Geistliche hielt das aber für eine gute Idee. „Solche Faxen brauchen wir nicht, um unsere Sache zu vertreten“, verkündete Father Christy McHugh, und der Gemeinderat von Sligo ließ die Buchstaben eilig wieder abtragen. Gemeinderätin Mary Casserly stöhnt, selbst leicht gereizt: „Die Leute werden froh sein, wenn dieses Referendum ausgestanden ist.“

„Die Leute“ werden ihr im Zweifelsfall mehrheitlich zustimmen. 35 Jahre nach dem ersten Referendum, das der Republik Irland eins der schärfsten Abtreibungsgesetze der Welt bescherte, hat der aktuelle Reformversuch erneut bitterste Gefühle, tiefsten Groll und sozialen Zwist geweckt.

Seinerzeit, 1983, hatte die alles dominierende römisch-katholische Kirche erreicht, dass das gesetzliche Abtreibungsverbot des Landes per Volksabstimmung in die irische Verfassung aufgenommen wurde. Der Verfassungszusatz 8, das „Eighth Amendment“, bestimmt seither, dass das Leben eines Fötus dem der Frau, die ihn trägt, gleichgestellt ist – „solange sein Herzschlag zu registrieren ist“. Nur Schwangeren in unmittelbarer Lebensgefahr ist eine Abtreibung erlaubt. Für alle anderen ist sie tabu.

Die Mutter stirbt, der Fötus lebt

Ärzte und Patientinnen, die dennoch eine Schwangerschaft abbrechen, riskieren eine Gefängnisstrafe von 14 Jahren. Wenn der Fötus so krank ist, dass er noch im Mutterleib sterben wird, wenn Missbildungen so massiv sind, dass das Kind keine Lebenschance hat, wenn die werdende Mutter in tiefe Depression fällt und selbstmordgefährdet ist, wenn Inzest zur Schwangerschaft geführt hat – die Frau muss das Kind austragen. Oder doch so lange tragen, bis es stirbt. Mädchen und Frauen, die vergewaltigt worden sind, müssen die Kinder ihrer Vergewaltiger gebären. Ihnen bleibt keine andere Wahl in der irischen Republik.

Die Geschichten über die Grausamkeit dieser Verfassungsklausel sind Legende – und sie sind immer verbunden mit realen Menschen. Da ist das 13-jährige Mädchen, das nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Der Generalstaatsanwalt verbietet die Ausreise des Mädchens zu einem Abbruch in Großbritannien, bis der Oberste Gerichtshof einschreitet. Da ist die klinisch tote Frau, die künstlich am Leben gehalten werden musste, weil niemand Hand an ihren Fötus legen durfte, bis auch er starb, im Mutterleib.

Kein Abbruch – „weil wir ein katholisches Land sind“

Da ist Michelle Harte, ehemalige Krankenschwester und Mutter zweier Kinder, die an Krebs erkrankt, in dieser Zeit schwanger wird – und deren Behandlung um des Kindes willen ausgesetzt wird. Als sie es endlich schafft, zu einer Abtreibung nach Großbritannien zu reisen, ist es zu spät. Der Krebs hat sich so ausbreiten können, dass Harte wenige Monate später stirbt.

Und da ist Savita Halappanavar, indischstämmige Ärztin, der ein Abbruch verweigert wurde, obwohl sie sich offenkundig in einem kritischen Zustand befand, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Eine Krankenschwester erklärte Savita Halappanavar, dass ein Eingriff nicht möglich sei, „weil wir ein katholisches Land sind“. Die 31-Jährige starb kurz darauf an einer Fehlgeburt mit Blutvergiftung.

„Niemals wieder“: Savita Halappanavar starb an einer Blutvergiftung, nachdem die Ärzte einen Schwangerschaftsabbruch abgelehnt hatten. Quelle: dpa

Ihr Name wurde zum Fanal für die wachsende Schar der Gegner des Verbots. Amnesty International sprach von „mittelalterlichen Zuständen“. Die Vereinten Nationen haben Irlands Umgang mit Frauen „unmenschlich“ und „grausam“ genannt. Enorme soziale Folgen hat das „Eighth Amendment“ jedenfalls gezeitigt. Etwa 170 000 Mädchen und Frauen sollen seit 1983 zu einem Abbruch nach Großbritannien oder in andere europäische Länder mit liberaleren Gesetzen gereist sein.

Der endlose Zug der Hilfesuchenden ins Ausland – es sollen noch immer Tausende von Irinnen sein jedes Jahr – wird seit der Aufnahme neuer Zusätze von der Verfassung ausdrücklich gebilligt. Für die Frauenärztin Rhona Mahony, Chefin des National Maternity Hospitals in Dublin, eine zynische Doppelzüngigkeit: „Die Frau muss ihre medizinische Versorgung ganz allein arrangieren, reist ohne vernünftige Überweisung in ein fremdes Land, mit allen Gesundheitsrisiken, die das birgt, und im Wissen, dass das, was sie plant, in ihrer Heimat ein Verbrechen ist.“

Das Elend hat die politische Landschaft verändert

Die Einsamkeit der Entscheidungen, so hat es Mahony erlebt, wird für viele Frauen und Paare zum Albtraum: „Sie wagen es nicht einmal, darüber mit ihren Angehörigen zu sprechen. Und schon gar nicht mit Dritten: Aus Angst davor, dass ihre Entscheidungen von anderen verurteilt werden.“

All dies Elend hat die politische Landschaft in Irland verändert. Der Einfluss der Kirche schwindet ohnehin, vor allem nach der Enthüllung so vieler Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester in den vergangenen Jahrzehnten. Eine noch von der alten Regierung einberufene „Bürgerversammlung“, die Änderungsvorschläge ausarbeiten sollte, hat sich jetzt unerwartet reformfreudig gezeigt. Regierungschef Leo Varadkar von der bürgerlich-liberalen Partei Fine Gael, Mediziner und vormals Gesundheitsminister, wagt nun den entscheidenden Schritt.

Varadkar rief das neue Referendum aus, das das „Eighth Amendment“ aus der Verfassung löschen und die künftige Regelung der Abtreibungspraxis dem Parlament übertragen soll. Gedacht ist an eine Zwölf-Wochen-Frist und danach an abgestufte, medizinisch gerechtfertigte Möglichkeiten für Eingriffe – für den größeren Teil der westlichen Welt Standard, für Irland eine Revolution.

„Eine Entscheidung, wie es sie nicht wieder geben wird“

Zur allgemeinen Überraschung stimmte sogar der Vorsitzende der ebenfalls konservativen Fianna Fail, Micheál Martin, dem Plan zu. Obwohl sich die Hälfte seiner Fraktion zornig gegen ihn stemmte, erklärte Martin, er sei aus persönlicher Überzeugung „zu neuen Schlüssen gekommen“. So klar haben irische Politiker in dieser empfindlichen Frage in der Tat noch nie Stellung bezogen. Varadkar sprach von „einer Entscheidung, wie es sie nicht wieder geben wird für unsere Generation“. Diese Woche werde darüber befunden, „wie wir Frauen in Not behandeln wollen in Zukunft“, sagte er.

Auf der Gegenseite, bei den Neinsagern, hat der Multiparteienvorstoß Entrüstung provoziert – und das Gefühl, „zum letzten Gefecht“ um eine höhere moralische Ordnung anzutreten. Abtreibung sei „eine kriminelle Praxis, die den Gesetzen der Moral widerspricht“, verkündete Bischof John Kirby, Oberhirte der Diözese von Clonfert.

Tausende junger Aktivisten, oft mit religiösem Hintergrund und Unterstützung aus der US-amerikanischen religiösen Pro-Life-Bewegung, kämpfen auf der Seite der Kirche gegen das, was sie „Abtreibung auf Bestellung“ nennen.

„No licence to kill“

Es sind Leute wie der 20-jährige Student Gavin Boyne, der in den letzten Wochen von Kundgebung zu Kundgebung zog. Boyne lag daran, seiner Zuhörerschaft zu erklären, dass es ihn nie gegeben hätte, wäre das „Eighth Amendment“ nicht gewesen. Seine Mutter, sagt er, habe ihn abtreiben wollen, bis die Großeltern entdeckten, dass die Verfassung das nicht zulässt. Heute meint der wortgewandte Student: „Respekt füreinander beginnt im Mutterschoß.“

Für Cora Sherlock, Vorsitzende der Bewegung, ist der Referendumsantrag „eins der tödlichsten Abtreibungsgesetze, die es je gegeben hat“. Menschliches Leben müsse „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod geschützt bleiben – und zwar ausnahmslos“. Leute wie die Ärztin Rhona Mahony, die mittlerweile zu einer Leitfigur des Reformlagers geworden ist, hätten „no licence to kill“, keine Lizenz zum Töten.

In der Mütterklinik direkt gegenüber zuckt Mahony nur mit den Schultern. Die Emotionen seien begreiflich. Leid tue es ihr aber, dass „Plakate wie die von 1983“ an den Laternenpfählen hingen, direkt auf der Straße vorm Hospital.

Facebook verweigert die Kampagne

In der Tat sind die überall ausgehängten Poster nicht zimperlich. „In England wird jedes fünfte Baby abgetrieben – bringt so etwas bloß nicht nach Irland!“, steht etwa darauf. „Ich bin neun Wochen alt und kann schon gähnen und kicken“, lässt ein anderes einen groß abgebildeten Fötus erklären, und: „Don’t repeal me“, schaff mich nicht ab.

Ein paar unerwartete Rückschläge mussten die „Pro-Lifer“ aber hinnehmen. Erst eröffnete ihnen der Verband katholischer Priester, es sei inakzeptabel, dass einzelne Pfarrgemeinden Aktivisten erlaubten, ihre Botschaft von der Kanzel herunter zu verbreiten. Dann verbot Google auf seiner Plattform Referendumsanzeigen, die von ausländischen Interessengruppen bezahlt waren. Facebook bannte wenig später gleich alle Werbung, die mit dem Referendum zu tun hatte: ein harter Schlag für die Neinseite, die von Anfang an auf die Macht des Internets setzte.

Ein knapper Vorsprung für das Reformlager

Dennoch wissen alle: Das Reformlager hat in den letzten Umfragen nur einen kleinen Vorsprung. Und die Zahl der angeblich Unentschiedenen liegt zwischen 15 und 20 Prozent.

Regierungschef Varadkar gestand diese Woche, er fürchte Schlimmes für Irlands Frauen, wenn das Referendum verloren gehe. In seiner Post hatte er jüngst nicht nur Briefe, die den Reformbefürwortern den Rücken stärken. Sondern auch solche, die ankündigen, dass „Feuer vom Himmel regnen“ und ein Drittel der Menschheit auslöschen werde, falls die Welt „die Sünde der Abtreibung“ nicht für immer stoppt.

Bei der Homo-Ehe erwies sich Irland als liberal

Immerhin, vor drei Jahren haben sich die Iren beim Referendum zur Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe als überraschend liberal erwiesen. Klinikdirektorin Mahony kann der Gedanke daran nicht beruhigen: „Beim Referendum zur Homo-Ehe ging es im Wesentlichen um Liebe. Das war bei den meisten sehr populär. Bei Abtreibung geht es im Kern um eine persönliche Notlage, um Verlust, Schmerz und Angst. Das ist sehr viel komplexer.“

Die Ärztin hält es da mit dem Regierungschef. Varadkar gestand diese Woche: „Wenn das Referendum nicht durchkommt, dann fürchte ich Schlimmes für Irlands Frauen. Dann kann es keinen Wandel geben.“

Von Peter Nonnenmacher

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