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Deutschland / Welt Putin kam, sah und siegte
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21:50 16.07.2018
Wer kann zufriedener sein mit Helsinki? Präsidenten Trump, Putin. Quelle: dpa
Helsinki

Soll Donald Trump ruhig erst mal warten. Russlands Präsident kommt zu Verabredungen immer gern ein bisschen später. Manche sagen, so lasse er den anderen seine Macht schon spüren, bevor das Treffen losgeht.

Um 13 Uhr sollte der amerikanisch-russische Gipfel gestern beginnen, im Präsidentenpalast von Finnland. Doch genau um diese Zeit landete die russische Regierungsmaschine erst auf dem Flughafen von Helsinki, 35 Minuten von der Innenstadt entfernt.

Entspannt lächelnd stieg Wladimir Putin, dunkler Anzug, blaues Hemd, die Gangway hinab und schüttelte erstmal die Hände einer kleinen nicht sehr hochrangigen diplomatischen Abordnung. Jedem gönnte er ein paar nette Worte. Dann zog er sein Jackett aus, winkte freundlich einigen Journalisten zu und ließ sich im Fond seiner schwarzen Regierungslimousine Richtung Innenstadt chauffieren.

Putin weiß: Er ist der eigentliche Star dieses Treffens.

„Befreit die Ukraine, rettet Europa“: Exilukrainer protestieren in Helsinki gegen die Annexion der Krim durch Russland – und gegen mangelnde Hilfe durch die USA. Quelle: AP

Gebeten hatte um diese Begegnung der amerikanische Präsident. Das war schon im März, bei einem denkwürdigen Telefongespräch, an das Trumps damalige Berater kopfschüttelnd zurückdenken. Trump hatte seine Glückwünsche zu Putins Wiederwahl verbunden mit der Frage, ob man sich nicht demnächst mal treffen wolle, gern auch gleich im Weißen Haus.

Trumps Berater brauchten seinerzeit ein Beißholz. Erstens hatten sie ihm vor dem Telefongespräch ausdrücklich geraten, er solle Putin nicht gratulieren. Zweitens ging allen in der damaligen Regierungsmannschaft die Bekundung der Gesprächsbereitschaft zu schnell und viel zu weit. Eine Einladung ins Weiße Haus könne Putin als Billigung seiner Politik verstehen, warnten die Russlandkenner in der Regierung.

Keiner wagt, intern aufzumucken

Zwei der damaligen Kritiker seiner Putin-Freundlichkeit hat Trump inzwischen entlassen, seinen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster und seinen Außenminister Rex Tillerson.

Deren Nachfolger, John Bolton und Mike Pompeo, sehen Putin zwar ebenfalls sehr kritisch. Aber sie wagen es nicht, intern aufzumucken. „Man kann Trump nicht stoppen“, sagt ein inzwischen in den US-Medien zwar viel zitierter, aber ungenannt gebliebener Insider aus dem Weißem Haus. „Der Präsident wollte unbedingt ein Treffen mit Putin, also bekommt er ein Treffen mit Putin.“ Doch was genau wollte Trump mit diesem Treffen eigentlich erreichen?

Ein Gipfel um des Gipfels willen

Bevor Ronald Reagan in den Achtzigerjahren zum ersten Mal Michail Gorbatschow am Gipfelort in Genf die Hand schüttelte, ließ er hoch qualifizierte Vorbereitungsteams monatelang an diversen Sachthemen arbeiten. Eine Arbeitsgruppe nahm sich Lateinamerika vor, eine andere Europa, eine dritte konzentrierte sich auf Laserwaffen und Satellitentechnik.

Als die Medien seinerzeit quengelten, wann es denn nun endlich zum Spitzentreffen komme, mahnte Reagan zu Geduld: „Einen Gipfel zu veranstalten, nur um einen Gipfel zu veranstalten, hat keinen Sinn.“ Er wollte im Voraus wissen, auf welchen Feldern es tatsächlich Bewegung geben könne. Am Ende tat sich damals mehr, als viele erwartet hatten: Die Rüstung im Weltraum wurde begrenzt, für die Mittelstreckenraketen gab es eine Null-Lösung, und ein Austausch von Militärdaten half, Misstrauen auf beiden Seiten abzubauen.

Diesmal aber ist alles anders. Der amerikanische und der russische Präsident beeilten sich ohne Klärung auch nur einer einzigen strittigen Frage schon mal auf die Bühne – und inszenierten einen Gipfel um des Gipfels willen.

„Der ist für unseren Sohn Barron“: First Lady Melania Trump fängt in der gemeinsamen Pressekonferenz einen WM-Ball auf, den Putin zuvor Trump geschenkt hat. Quelle: AP

Bei der abschließenden Pressekonferenz war es, zum leisen Entsetzen der Amerikaner, Putin, der sich als der verantwortungsbewusste Treiber in Richtung konkreter künftiger Vereinbarungen positionierte.

Putin schlug in Helsinki „einen neuen Dialog über Fragen der atomaren Rüstungskontrolle“ vor. Russland und die USA als größte Atommächte der Welt stünden hier „in einer besonderen Verantwortung“, fügte Putin hinzu. Besorgt äußerte sich Putin über die neuen Raketenabwehrsysteme der USA und eine mögliche Aufrüstung im Weltraum.

Gute Noten vom Oberlehrer

Putin forderte die USA zu mehr Engagement für eine Friedenslösung in der Ostukraine auf. „Die USA könnten entschlossener sein und die ukrainische Führung dazu bringen, ihre Arbeit zu machen“, sagte Putin wörtlich – und wirkte ein bisschen oberlehrerhaft.

Der russische Präsident gab Trump allerdings an einer Stelle gnädigerweise auch eine gute Note, beim Thema Nordkorea: „Es ist gut, dass eine schrittweise Lösung des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel begonnen hat“, sagte Putin. „Vor allem wurde dies möglich, weil sich Präsident Trump persönlich dafür eingesetzt hat.“ Trump habe sich für den Dialog entschieden, nicht für die Konfrontation.

Da nickte Trump, blickte auf seinen Schlips und freute sich – wie immer, wenn er gelobt wird.

Putin – der Erwachsene im Raum

So entging dem amerikanischen Präsidenten eine Verschiebung in der Wahrnehmung der beiden Supermächte durch den Rest der Welt: Der Russe tritt auf als der sachlich und fachlich Überlegene, als der Erwachsene im Raum.

Trump indessen war, wieder einmal, ganz begeistert von einem Gipfeltreffen. Noch vor vier Stunden seien die Beziehungen zwischen Russland und den USA „schlechter als je zuvor“ gewesen. Nun habe sich das gedreht. Jetzt gebe es einen offenen und direkten Dialog, das alles sei „ein guter Start“.

Ist schon die bloße Behauptung einer neuen Harmonie ein politischer Erfolg? Trump scheint dies fest zu glauben.

„Ihr stinkenden Diktatoren“: Kurz und knapp bringt diese junge Finnin ihre Meinung über den Gipfel zum Ausdruck. Quelle: imago

Die amerikanische Journalistin Susan Glasser, eine Frau mit Harvard-Abschluss und stolzer Karriere bei „Washington Post“ und „Politico“, hat schon viele Präsidenten begleitet. Aber noch kein Gipfel kam ihr so seltsam vor wie der gestrige in Helsinki. Keiner wurde auch so schlecht vorbereitet.

Glassers Deutungen von Trumps Motiven weisen weniger ins Politische als ins Psychologische: „Trump ist besessen von der Idee, als großer Mann dazustehen, der Geschichte macht.“ Schon bei seinem Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un sei dies unübersehbar gewesen. „Da kam Trump raus und redete wie ein frisch verliebter Teenager“, höhnt Glasser. Kim sei so „smart“ und so „stark“ und ein „toller Verhandler“. Der „Deal“ aber, von dem Trump geträumt und auch gesprochen habe, sei bislang eine Illusion geblieben.

Ein Treffen ohne Vorbereitung

Der US-Präsident, nach eigener Einschätzung ein „stabiles Genie“, musste sich nicht lange vorbereiten auf Putin. Journalisten, die Trump am Wochenende nach Schottland begleitet hatten, sahen ihn am Sonnabend und am Sonntag auf dem Golfplatz – bevor er sich dann am frühen Sonntagabend dem Endspiel der Fußball-WM widmete. Als der US-Sender CBS News doch noch vorab etwas Genaueres über seine inhaltlichen Erwartungen wissen wollte, winkte Trump ab: „Wir werden über eine Menge Sachen reden, und dann werden wir sehen, was passiert.“

Am Montag, in Helsinki, fügte Trump kurz vor Beginn der Gespräche noch ein paar mögliche Themen hinzu. „Wir werden über alles diskutieren, über Handel und Militär bis zu Raketen und zu China.“ Ein Thema hatte Trump bei seiner Vorab-Aufzählung anfangs „glatt vergessen“. Er betonte aber nach dem Treffen mit Putin, er habe es mit ihm ausführlich behandelt: die Beeinflussung des US-Wahlkampfs von 2016 durch zwölf russische Agenten, gegen die seit Freitag eine detaillierte Anklageschrift vorliegt.

Mehr als zwei Stunden an der Seitenlinie: Die Außenminister Sergei Lavrov aus Russland (links) und Mike Pompeo aus den USA waren vom ersten Gespräch der Präsidenten rigoros ausgeschlossen. Quelle: imago

Doch was dazu genau besprochen wurde, wird nicht nachzuvollziehen sein – zumal Trump darauf bestand, beim ersten Teil des Gipfels mit Putin und zwei Dolmetschern allein zu sein. Zwei Stunden und zehn Minuten soll allein dieses Gespräch gedauert haben. Trump wies Kritik an dem Vier-Augen-Format mit dem Hinweis zurück, er wolle eine absolut vertrauliche Gesprächsatmosphäre schaffen. Wenn er allein sei, könne er mit Putin besser umgehen. Und auf jeden Fall wolle er vermeiden, dass Details durchsickern.

Diese maximale Geheimniskrämerei hat einen für Trump angenehmen Nebeneffekt. Auf diese Weise legt sich der Schleier staatsmännischer Diskretion eleganterweise gleich auch über die Frage, ob sich möglicherweise gar nichts bewegt hat in Helsinki.

Von Matthias Koch

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