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Deutschland / Welt Geflüchtet nach Europa, gestrandet in Ouistreham
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19:00 27.10.2017
Eine Jahr nach der Schließung des Lagers Calais wissen viele noch immer nicht, wohin. Quelle: AP
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Ouistreham

„Brittany, Brittany.“ Mohamed weist mit einem Arm unbestimmt in Richtung Meer, an dessen anderer Seite sein ersehntes Ziel liegt: Großbritannien. Seit Tagen streift er durch das nordfranzösische Hafenstädtchen Ouistreham in der Hoffnung, irgendwie auch die letzte Etappe auf seiner Reise zu schaffen, die ihn von seiner Heimat im Sudan über Libyen, das Mittelmeer und Italien bis in die Normandie geführt hat.

Fast 190 Kilometer sind es vom Hafen in Ouistreham bis ins britische Portsmouth. Es scheint nah und unüberwindbar weit zugleich für den jungen Sudanesen. Denn die großen Fährschiffe, die dreimal am Tag den Ärmelkanal überqueren, versuchen, als blinde Passagiere in Lastern mitreisende Flüchtlinge abzuwehren – die wiederum nicht aufgeben. Einzelnen gelingt trotz der verstärkten Kontrollen die Überfahrt.

Flüchtlinge und Einwanderer in Frankreich

Laut OECD hat Frankreich im Jahr 2016 mehr als 256.000 Einwanderer aufgenommen. Im Verhältnis zu den vergangenen Jahren handelt es sich hierbei um einen Rekord. Innerhalb der OECD nahmen nur die USA, Deutschland, Großbritannien und Kanada mehr Ausländer auf.

Ein Drittel der 217.500 permanenten Aufenthaltsgenehmigungen ging an Bürger der ehemaligen nordafrikanischen Kolonien Algerien, Marokko und Tunesien; ein Fünftel an Menschen aus Subsahara-Afrika.

Unter diesen Einwanderern waren rund 78.000 Flüchtlinge und Asylbewerber. Die meisten von ihnen kamen aus Albanien, Syrien, Afghanistan und dem Sudan.

Nur 29 Prozent der Asylanfragen wurden laut OECD positiv beantwortet.

Ende 2015 zählte Frankreich rund acht Millionen Ausländer, also rund 12,3 Prozent der Gesamtbevölkerung (gegenüber 14,2 Prozent in Deutschland).

Seit Oktober 2015 stehen im ganzen Land (außer auf Korsika und in der Hauptstadtregion um Paris) rund 450 Aufnahme- und Orientierungszentren zur Verfügung, die insgesamt rund 12.000 Plätze bieten. Diese dienen als Erstanlaufstelle für Flüchtlinge, um im Falle einer Beantragung von Asyl in Asylbewerberwohnheime untergebracht zu werden. Die Bewohner stammen überwiegend aus dem Sudan, Afghanistan und dem Irak.

Wie viele sie sind, weiß man nicht, aber in wenigen Wochen wuchs die Zahl der Flüchtlinge in Ouistreham von etwa einem Dutzend auf 100. Bekannt ist der 10.000-Seelen-Ort für seine Strände, an denen 1944 die Alliierten landeten, um die deutschen Besatzer zu besiegen. Nun gibt es die Befürchtungen, dass sich in dem beschaulichen Seebad die Situation von Calais wiederholt, das 350 Kilometer im Nordosten liegt.

Seit Jahrzehnten gilt Calais als Hauptanziehungspunkt für Flüchtlinge, die Großbritannien ansteuern. Zeitweise sammelten sich hier bis zu 10.000 Menschen, um jeden Tag und jede Nacht die Reise über den Ärmelkanal zu versuchen. Sie hausten in Behelfsunterkünften am Rande der Stadt, bis der Staat vor einem Jahr das unhygienische Riesen-Lager unter freiem Himmel auflöste.

Die Flüchtlinge wurden auf rund 450 „Aufnahme- und Orientierungszentren“ in ganz Frankreich verteilt, wo sie über Asylchancen informiert wurden. Doch schnell entstanden in und um Calais neue Ansiedlungen von Menschen, die um jeden Preis nach Großbritannien wollen. Immer mehr weichen auf andere Städte aus – nun eben auch auf Ouistreham, nach Calais der zweitgrößte Hafen des Landes. Die Flüchtlinge, allesamt männlich und selten älter als 20, übernachten auf Kartons im Wald.

Rauch steigt am 26.10.2016 auf dem Gelände des geräumten Flüchtlingslagers «Dschungel» bei Calais auf. Die provisorischen Unterkünfte der Migranten waren nach der Räumung in Brand gesetzt worden. Quelle: dpa

Diese menschliche Not vor seiner Haustür wollte er nicht tatenlos mit ansehen, sagt Miguel Martinez. Mit ein paar Bekannten gründete er vor kurzem die Gruppe CAMO (Collectif d’Aide aux Migrants à Ouistreham), die zweimal pro Woche warmes Essen ausgibt, gespendete Kleider, Schuhe und Waschutensilien verteilt. All das passiert auf freiem Feld unweit des Waldes, damit möglichst wenige Anwohner schimpfen.

„Wir möchten, dass unsere sudanesischen Freunde wenigstens eine Minimalversorgung bekommen“, sagt der 48-Jährige, der zurzeit Arbeit sucht. Bitten an die Stadt um Toiletten, Waschmöglichkeiten oder zumindest eine Wasserstelle seien verlorene Liebesmüh: „Wer den Bürgermeister fragt, spricht mit einer Mauer.“

Dieser wiederum bemüht sich sehr, nicht wie eine Mauer aufzutreten, sondern mitfühlend und standfest zugleich. „Natürlich versteht man das menschliche Drama hinter jedem Flüchtlingsschicksal“, versichert Romain Bail, das 33-jährige Stadtoberhaupt. „Aber wenn wir anfangen, Hilfe zu organisieren, werden es immer mehr.“ In Caen gäbe es auf Flüchtlingshilfe spezialisierte Vereine, die er gerne unterstütze. „Unsere Stadt lebt vom Tourismus und ich sorge mich um die Saison 2018“, so Bail. „Es gab schon erste Absagen für Ferienhäuser.“ Die Zahl der Sicherheitskräfte habe er seit seiner Wahl vor drei Jahren deutlich erhöhen müssen.

Frankreich wird Macron zufolge bis 2019 rund 10.000 Flüchtlinge aufnehmen. Quelle: AP

Die Flüchtlingskrise stelle ein internationales Problem dar – und auch der französische Staat sei in der Pflicht, der die Städte allein lasse, klagt der konservative Politiker. Tatsächlich hat Präsident Emmanuel Macron zwar angekündigt, bis Jahresende dürfe „kein einziger Flüchtling mehr auf der Straße schlafen“, alle sollten untergebracht und Asylanträge schneller bearbeitet werden. Doch die Realität ist eine andere. Besonders angespannt erscheint die Lage in Paris, wo Menschen unter Brücken kampieren, denn die Kapazitäten der beiden neuen Aufnahmezentren der Stadt reichen längst nicht aus.

Macron bemüht sich derweil um internationale Lösungen. Ende August organisierte Paris einen Migrationsgipfel unter anderem unter Beteiligung der Präsidenten von Niger und Tschad. In beiden Ländern arbeitet die französische Asylbehörde OFPRA an der Errichtung von Aufnahmezentren, um Asylanträge noch vor Ort zu prüfen. Frankreich wird Macron zufolge bis 2019 rund 10.000 Flüchtlinge aufnehmen. Für viele bleibt es dennoch nur ein Durchgangsland - und wahrlich kein gastliches. „Frankreich ist nicht gut. Es gibt hier nichts für uns“, sagt Mohamed. Und richtet den Blick wieder aufs Meer.

Von Birgit Holzer / RND

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