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Deutschland / Welt „Erasmus ist ein Projekt der oberen Mittelschicht“
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05:01 27.06.2018
„In Mathematik und Naturwissenschaften wären EU-weit einheitliche Schulbücher eine gute Sache“: EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics. Quelle: OLIVIER HOSLET/EPA-EFE/REX/Shutterstock
Berlin

Der ungarische Politiker Tibor Navracsics ist seit 2014 EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport. Der 52-jährige Jurist gehört der nationalkonservativen Fidesz-Partei an, die mit Viktor Orbán an der Spitze die Regierung in Budapest stellt.

Herr Kommissar, ist die EU zu weit weg von ihren Bürgern?

Einerseits schon. Das komplizierte Institutionengeflecht und die geografische Ferne Brüssels lassen die EU oftmals weit weg vom Alltag der Menschen erscheinen. Andererseits aber gibt es viele Projekte, die die EU und ihren Geist den Bürgern näherbringen können - allen voran das Austausch-Programm Erasmus für Schüler und Studenten.

Sie wollen die Mittel für Erasmus auf 30 Milliarden Euro verdoppeln. Warum?

Erasmus ist eine Erfolgsgeschichte, es ist gelebte europäische Integration. Und es ist ein gutes Beispiel für den greifbaren Nutzen der EU. Neun Millionen junge Menschen sind mit dem Programm ins Ausland gegangen, haben dort einzigartige Erfahrungen gesammelt und sie an ihre Familie, ihre Freunde weitergegeben. So schwinden kulturelle Hürden. Das ist heute wichtiger denn je.

Erasmus gilt vielen als elitäres Programm. Ist diese Sichtweise berechtigt?

Ja. Bisher profitieren vor allem westeuropäische Studenten vom Erasmus-Programm. Es ist ein Projekt der oberen Mittelschicht. Ich möchte, dass mehr junge Menschen aus zentral-, ost- und südeuropäischen Staaten Erasmus nutzen. Studenten aus weniger begüterten Verhältnissen haben ebenso ein Anrecht darauf, und gerade hier kann Erasmus große Wirkung entfalten: Wer als Student oder Auszubildender ins Ausland geht, erweitert seine Kenntnisse und Fähigkeiten – und steigert damit seine Chancen auf sozialen Aufstieg. Wir wollen mehr Menschen die Möglichkeit zu einem Erasmus-Stipendium geben.

Demnächst wird die EU-Kommission erstmals 15.000 Interrail-Tickets an 18-Jährige verlosen, damit sie im Spätsommer Europa erkunden. Die Bewerbungsphase endete gestern. Wie ist die Resonanz?

Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem. Es wird im Herbst eine weitere Bewerbungsrunde geben. Bis zu 5000 Jugendliche werden dann ein Ticket erhalten, um zur Weihnachtszeit Europa mit dem Zug oder auch Bus und Fähre zu bereisen. Noch ist das Interrail-Projekt in der Pilotphase. Ab 2021, wenn der nächste EU-Haushalt in Kraft tritt, wird daraus eine reguläre Einrichtung.

Zurzeit fordern viele in Europa die Steigerung von Verteidigungsausgaben. Wünschen Sie sich manchmal, dass mit derselben Verve über Bildungsausgaben gesprochen würde?

Oh ja. Die EU-Mitgliedstaaten müssen ihre Bildungsausgaben dringend erhöhen. Zurzeit geben sie im Durchschnitt lediglich fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für die Bildung der jungen Generation aus – das ist viel zu wenig. Andere Staaten, etwa im südostasiatischen Raum, sind uns da weit voraus. Wir brauchen eine breite Debatte über mehr Bildungsausgaben.

Wo fehlt das Geld?

Wir gehen pauschal davon aus, dass das europäische Bildungssystem gut ausgestattet und effektiv ist. Aber die Unterschiede zwischen und auch innerhalb der EU-Staaten sind mitunter groß. Kleinen Schulen auf dem Land fehlt es oft am Notwendigen, ganz zu schweigen von digitaler Ausstattung. Zudem braucht es mehr Geld für die Lehrerausbildung.

Sie wollen die Identifikation mit Europa steigern. Was halten Sie von gemeinsamen Schulbüchern – zum Beispiel für den Geschichtsunterricht?

Gar nichts. Der Blick auf die eigene Geschichte ist eine heikle Angelegenheit. In Mathematik und Naturwissenschaften wären EU-weit einheitliche Schulbücher eine gute Sache. Gemeinsame Standards währen hier gut.

Dass Europa von einer gemeinsamen Identität weit entfernt ist, zeigt der Streit zwischen der ungarischen und der deutschen Regierung in der Flüchtlingsfrage. Wie erklären Sie sich diese Konfrontation?

Es ist nicht bloß ein politischer Streit, es ist ein kultureller Konflikt. In Zentral- und Südosteuropa rührt die Frage der Einwanderung von Menschen muslimischen Glaubens an nationale Traumata. In Teilen des Westbalkans herrschte das Osmanische Reich jahrhundertelang – von dieser dunklen Zeit der Fremdherrschaft handeln noch heute viele Märchen und Kinderlieder. Westeuropäer sollten mehr Verständnis aufbringen. Um aber einander zu verstehen, braucht es Begegnung und Austausch. Programme wie Erasmus können dazu beitragen.

Von Marina Kormbaki/RND

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