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15:51 04.01.2018
Gewaltkriminalität durch Flüchtlinge steigt an. Quelle: dpa
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Berlin/Hannover

Der 21-jährige Nour N. war mit sechs Kumpels unterwegs, Gestrandete wie er, Kinder des Krieges aus Syrien und Libyen. Es war die Nacht, die die Christen als Heilige Nacht besingen, doch Nour und seine Freunde hatten anscheinend keinen Ort und keine Lust, Weihnachten zu feiern. Wegen der Ereignisse dieser Nacht Ende 2016 ist Nour vom Landgericht Berlin wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Die Jungs hatten versucht, den schlafenden Obdachlosen Maciej B. anzuzünden.

Der Fall erschütterte damals die Republik. Stärker noch war der Schock nur nach dem Mord an der 19-jährigen Studentin Maria L. in Freiburg und dem 15-jährigen Mädchen Mia in Kandel vor einer Woche. Die Tatverdächtigen: junge Männer, die 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Junge Männer, geprägt durch Krieg und Gewalt. Junge Männer, die in Deutschland Schutz suchen. Wird Deutschland ihretwegen unsicherer?

Mit der Angst vor gewalttätigen fremden jungen Männern machte die AfD im Bundestagswahlkampf massiv Stimmung. Jetzt erscheint eine Studie, die sich im Auftrag des Familienministeriums mit dem Thema befasst hat – in gebührendem Abstand zur Wahl. Ihre Ergebnisse fußen auf Statistiken aus den Jahren 2015 und 2016. Ganz taufrisch ist sie zum Veröffentlichungsdatum also nicht mehr, dennoch aber spannend. Christian Pfeiffer, langjähriger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), hat mit seinen Kollegen Sören Kliem vom KFN und Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik ausgewertet. Auftraggeber der Studie: das Bundesfamilienministerium.

„Eine fehlende Tagesstruktur führt oft zu Langeweile, Frustration und Aggression“: Der Kriminologe Christian Pfeiffer. Quelle: dpa

Die Forscher beschränken sich auf Niedersachsen. 2015 und 2016 steigt dort die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten um gut 10 Prozent an – und das nach sieben Jahren des Rückgangs. 2015 und 2016 waren zugleich die Jahre des starken Zuzugs von Flüchtlingen, die über die Balkan- oder die Mittelmeerroute nach Deutschland kamen. Und zu 92 Prozent sind Flüchtlinge für den Wiederanstieg der Gewaltdelikte verantwortlich.

„Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist falsch“

Pfeiffer, Kliem und Baier sind weit davon entfernt, Stimmung für Rechtspopulisten machen zu wollen. Ihnen sind gute Nachrichten lieber als schlechte. Pfeiffer ist seit Willy Brandts Zeiten Sozialdemokrat, er war 2000 bis 2003 Justizminister in Niedersachsen. Und er betont im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) als Erstes, dass die Zahlen trotz des Anstiegs immer noch besser seien als vor zehn Jahren. „Die gefühlte Kriminalitätstemperatur ist falsch“, sagt er. Es wird nicht alles schlimmer, im Gegenteil. Immer weniger Jugendliche werden gewalttätig, und auch bei den Flüchtlingen gibt es große Unterschiede. Syrer, Iraker und Afghanen tauchen stark unterdurchschnittlich in der Kriminalitätsstatistik auf. Junge Männer aus Nordafrika werden dagegen stark überdurchschnittlich kriminell. Algerier, Tunesier und Marokkaner machen nur knapp ein Prozent der in Niedersachsen registrierten Flüchtlinge aus, sie sind aber für 17 Prozent der Gewalttaten und sogar 31 Prozent der Raubdelikte verantwortlich, die Flüchtlingen zugeordnet werden.

Pfeiffers Erklärung: Nordafrikaner haben so gut wie keine legale Bleibeperspektive in Deutschland, Syrer und Afghanen eine vergleichsweise gute. Aber das erklärt nicht die ganze Geschichte: Aus Nordafrika kommen auch junge Männer, die seit frühester Jugend nichts anderes kennen als die Straße, die es aus den Slums von Casablanca oder Algier über Spanien, Italien, Frankreich bis nach Deutschland geschafft haben. Die haben nie in ihrem Leben über den nächsten Tag hinaus geplant, stellen Sozialarbeiter von unlösbare Aufgaben. Viele syrische und afghanische Jugendliche hingegen haben noch Kontakt zu ihrer Familie, hoffen darauf, wieder in Frieden zusammenleben zu können. Je besser ihre Aussicht, desto stärker der Anreiz, auf dem geraden Weg zu bleiben.

Die Autoren haben nicht nur Statistiken gewälzt, sondern auch mit Sozialarbeitern und anderen Experten gesprochen. Mit klaren, wenn auch nicht durchweg überraschenden Ergebnissen: Wer keine Perspektive hat, rutscht schneller ab. „Eine fehlende Tagesstruktur führt oft zu Langeweile, Frustration und Aggression“, schreiben Pfeiffer und Konsorten und warnen: „Flüchtlinge, die keine Bleibeperspektive haben, können nicht selten in Alkohol- und Drogenprobleme geraten, was wiederum das Risiko von Gewalttaten erhöhen kann.“ Ein weiteres Problem sei gerade für unbegleitete Minderjährige das Fehlen „verlässlicher sozialer Kontakte“.

Familiennachzug könnte regelgerechtes Verhalten fördern

Was könnte also helfen? Integration und Familiennachzug, meinen die Autoren. Und bekommen Unterstützung von der Polizei: „Wo diesem Personenkreis kaum Perspektiven aufgezeigt werden, Bildungs- und Integrationsangebote fehlen, kommt es deutlich öfter zu Gewalttaten“, sagt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), dem RND. Seine Forderungen: Schnelle Abschiebungen für die bösen Jungs, Familiennachzug für die Guten. „Abgelehnte oder straffällig gewordene Asylbewerber müssen zügig in ihre Heimatländer zurückgeführt werden“, sagt Malchow und meint vor allem Nordafrikaner. Gleichzeitig aber spricht er sich für einen Familiennachzug bei syrischen unbegleiteten Jugendlichen aus. „Familiennachzug könnte Integration und regelgerechtes Verhalten fördern“, meint Malchow. Pfeiffer wiederum betont die „gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung, die von Frauen ausgeht“, die zurzeit eben vielen fehle.

Für Integration: Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow Quelle: dpa

Denn der Anteil der Frauen unter den Flüchtlingen liege derzeit nur bei 22 Prozent. Die große Mehrheit der Flüchtlinge lebe ohne Partnerin, Mütter, Schwestern oder andere weibliche Bezugspersonen „in reinen Männergruppen“, schreiben die Autoren. Das erhöhe die Gefahr, „dass sie sich an gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen orientieren“. Für Pfeiffer ist das alles eine Bestätigung seiner Langzeitstudien. Seit Langem macht der Niedersachse eine „importierte Machokultur“ für eine erhöhte Neigung zur Gewalt verantwortlich.

Die aktuellsten Zahlen der landesweiten Schülerbefragung bestätigen das. Abgefragt wird die Zustimmung zu Sätzen wie: „Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling“ oder: „Der Mann ist das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen“. Fast 30 Prozent der in der Türkei, in anderen muslimischen Ländern oder in Ex-Jugoslawien geborenen Jugendlichen stimmen diesen Sätzen zu. Wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, liegt die Zustimmung 10 Prozent niedriger.

Machotum ist auf dem Rückzug

Der Rückgang der Gewalt in den vergangenen zehn Jahren hat auch damit zu tun, dass solches Machotum in Deutschland auf dem Rückzug ist. Dass die Gewalt einzelner Flüchtlinge ausschlaggebend mit solchen Traditionen zu tun hat und nicht primär mit Verlorenheit, Langeweile und Perspektivlosigkeit in Deutschland, wäre aber reine Spekulation. Konkretere Anhaltspunkte als die behauptete „maskuline Dominanz“ in den Herkunftsländern kann Pfeiffer nicht vorweisen. Und bleibt eine Erklärung schuldig, wie die „maskuline Dominanz“ und die „zivilisierende Wirkung“ der Frauen zusammenpassen sollen.

Viele Politiker forderten am Mittwoch ein härteres Vorgehen gegen straffällige Flüchtlinge oder solche, die Angaben zu ihrer Person verweigern. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach sich für verpflichtende Alterstests aus. Es sei „nicht zu viel verlangt, wenn die Betroffenen sich aktiv an der Feststellung ihres Alters beteiligen müssen“, teilte de Maizière am Mittwoch mit. Wenn dies durch Vorlage amtlicher Dokumente nicht möglich sei, müsse „klar geregelt werden, dass auch durch ärztliche Untersuchung das Alter festgestellt werden muss“.

„Lebenslüge der deutschen Einwanderungspolitik“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wiederum nutzte die Studie seines Parteifreundes Pfeiffer, Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Pflicht zu nehmen. Merkel müsse auf die nordafrikanischen Regierungschefs einwirken, dass sie die Rücknahme straffällig gewordener Landsleute nicht länger blockieren, forderte Weil. Er fordert zudem, dass die Integrationsanstrengungen intensiviert werden müssten. Dass alle Migranten ohne Aufenthaltsrecht das Land wieder verlassen würden, sei realitätsfern. „Das ist eine Lebenslüge der deutschen Einwanderungspolitik, diese dürfen wir nicht wiederholen.“

Diese Lüge bestimmt unter anderem das Leben des Berliners Yehya E. Seine Eltern brachten ihn als Säugling aus Palästina nach Berlin, seit 24 Jahren ist er hier geduldet. Als „Gangsterläufer“ macht er sich einen Namen in Neukölln, er wird mit 13 „Intensivstraftäter“. Als er auf den richtigen Weg fand, seinen Schulabschluss machte und Star eines Dokumentarfilmes wurde, wollte er sein Abitur absolvieren und arbeiten. Beides klappte nicht, weil er immer noch geduldet ist. 2014 wurde Yehya erneut bei einem Raub erwischt: Fünf Jahre Haft. Es war auch ein Urteil gegen die deutsche Integrationspolitik.

Von Jan Sternberg/RND

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