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Deutschland / Welt Die Arbeitszeit wird neu gedacht
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10:49 26.10.2017
Eine Frage des Timings: Wie viel Zeit ist für den Beruf, wie viel für die Familie da? Quelle: iStock
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Berlin

Sabine Feldt aus dem schwäbischen Gschwend ist eine von Millionen. Ihre Mutter erlitt einen Schlaganfall, war mit einem Mal pflegebedürftig. In ein Heim wollte sie nicht. Auch Tochter Sabine glaubte: Das schaffen wir schon zu zweit. Allerdings: Sabine Feldt arbeitete Vollzeit, und der Wohnort ihrer Mutter war weit weg.

„Ich hatte Glück mit meinem Arbeitgeber“, erzählt die heute 63-Jährige. „Er ist ein familienfreundlicher Unternehmer.“ Sie reduzierte die Arbeitszeit, arbeitete viele Jahre nur 28 Stunden pro Woche. Und: Sabine Feldt konnte ihre Arbeitszeit auf drei Wochentage legen. „Für mich war das eine Zeit mit zwei Leben: einmal Ranklotzen und sich voll auf die Arbeit konzentrieren, anschließend dann bei meiner Mutter vier Tage mit ganz anderen Herausforderungen.“ Trotzdem weiß Sabine Feldt: Ohne die persönliche Rückendeckung ihrer Vorgesetzten und Kollegen hätte sie die schwierige Lebenssituation nicht so meistern können. Genau das aber will Jörg Hofmann ändern.

„Ich musste schließlich meine Arbeit aufgeben“: Sabine Feldt (links) hat ihre Mutter bis zu deren Tod gepflegt. Quelle: privat

Die Chance, einen Angehörigen im Notfall zu pflegen, soll nicht länger vom guten Willen eines Arbeitgebers abhängen. „Die Beschäftigten“, sagt Hofmann, Chef der mächtigen Industriegewerkschaft (IG) Metall, „wollen mehr Selbstbestimmung anstatt Fremdbestimmung in der Arbeitszeit.“ Und dazu gehört seiner Meinung nach ein Recht auf eine Auszeit.

Der Bundesvorstand der Gewerkschaft will an diesem Donnerstag zwei Forderungen beschließen, die von den regionalen Tarifkommissionen bereits am Dienstag abgesegnet worden waren: mehr Geld und mehr Zeit für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten in deutschen Schlüsselindustrien wie Auto- oder Maschinenbau.

Es geht um 6 Prozent mehr Lohn – vor allem aber um das Recht, für bis zu zwei Jahre befristet die wöchentliche Arbeitszeit auf 28 Stunden reduzieren zu können. Außerdem sollen bestimmte Gruppen bei Arbeitszeitverkürzungen „tarifdynamische Zuschüsse“ zwischen 750 und 2400 Euro im Jahr erhalten. Viele Beschäftigte könnten es sich sonst nicht leisten, weniger zu arbeiten. Gemeint sind Schichtarbeiter, die kürzertreten wollen, weil die Arbeitszeit ihre Gesundheit belastet, sowie Beschäftigte, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen.

„Die Beschäftigten wollen mehr Selbstbestimmung auch bei der Arbeitszeit“: IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Quelle: dpa

Die Pflege von Angehörigen ist in Millionen Familien Thema – insofern ist die Forderung der Gewerkschaft verständlich. Aber ist sie auch realistisch? Die Voraussetzungen am Arbeitsmarkt sind jedenfalls gut: Im vergangenen September waren 2,45 Millionen Arbeitslose registriert, die Quote lag bei 5,5 Prozent. Nach jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit liegt die Arbeitslosenquote in fast 70 Landkreisen unter 3 Prozent – für Wirtschaftsexperten gilt das als Vollbeschäftigung.

Diese Zahlen sind zum einen durch die demografische Situation und zum anderen durch die bundesweit gute Auftragslage bedingt. Die Bundesregierung hat die Wachstumsprognose zuletzt deutlich angehoben. Für 2017 erwartet sie einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2 Prozent und für 2018 ein Wachstum von 1,9 Prozent. Die derzeit in der Metall- und Elektrobranche geltende 35-Stunden-Woche im Westen und 38-Stunden-Woche im Osten steht in vielen Unternehmen nur auf dem Papier. Betriebliche Öffnungsklauseln und Zuschläge sorgen dafür, dass sich Mehrarbeit für viele lohnt. Vor allem aber: Sieben von zehn Beschäftigten in der Metall- und Elektrobranche sind mit ihrer Arbeitszeit zufrieden – obwohl fast 50 Prozent länger arbeiten als 35 Stunden, knapp 25 Prozent sogar 40 Stunden oder mehr. Das sind Ergebnisse einer Umfrage der IG Metall, an der sich 681 000 Beschäftigte beteiligt haben. Was soll da die 28-Stunden-Forderung?

Dieselbe Umfrage, sagt Gewerkschaftschef Hofmann, habe eben auch ergeben, dass sich viele wünschen, in privat schwierigen Situationen beruflich kürzertreten zu können. Generell, versichert der Gewerkschafter, bleibe die 35-Stunden-Woche Richtschnur.

Frank Gartensleben kommt in Wallung, wenn er das hört. Der 62-Jährige führt in Brandenburg an der Havel als Inhaber einen Metallbaubetrieb mit 23 Mitarbeitern. Sie fertigen Treppen, Geländer, Stahltüren. „Ich verstehe den Ansatz der 28-Stunden-Woche überhaupt nicht“, sagt Gartensleben. Ende des Jahres würde jeder seiner Mitarbeiter mindestens 50 Überstunden angesammelt haben. Und nun 28 Stunden Arbeitszeit, wenn auch nur befristet? „Die, die sich so was ausdenken, haben doch noch keinen Betrieb geführt“, schimpft der Metallbauer. „Vielleicht können sich das große Konzerne leisten. Die spielen auf einem anderen Niveau. Da können wir nicht mithalten.“

Doch auch ein Großkonzern wie BMW winkt ab. „Wir bieten schon unzählige Teilzeitmodelle an, um unseren Beschäftigten entgegenzukommen“, erklärt Sprecher Jochen Frey. „Was die IG Metall will, geht weit darüber hinaus und würde uns an den Rand von Planbarkeit und Auslastung bringen. Wir müssen im internationalen Maßstab wettbewerbsfähig bleiben.“ Frey weist auf das größte Problem für weitere Flexibilisierungen von Arbeitszeiten hin: „Auch wir spüren ja bereits den Fachkräftemangel in Produktion und Entwicklung.“

Die Arbeitgeber wollen lieber überhaupt keine Luft an die Sache lassen. Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger warnt vor Produktionsverlagerungen ins Ausland und massiver Tarifflucht von Unternehmen. Seine Rechnung: Gegenwärtig leben in Deutschland 50 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, bis 2050 werden es elf Millionen weniger sein. „Wer die Arbeit erledigen soll, wenn die Arbeitszeit weiter reduziert würde, darauf hat die IG Metall keine Antwort. Mehr Geld für Nichtstun wird es mit uns nicht geben.“

Sabine Feldt hält die Forderung der IG Metall indes für richtig – für pflegende Angehörige sei sie jedoch zu kurz gedacht. „Jede Pflegesituation ist anders, deshalb werden individuelle Lösungen gebraucht.“ Zwischen dem Schlaganfall ihrer Mutter und deren Tod lagen acht Jahre. „Als der Pflegebedarf größer wurde, habe ich mein Zeitmodell umstellen können. Trotz weiterer Reduzierung der Arbeitszeit ging das aber nicht lange gut“, erzählt Feldt, die sich inzwischen im Angehörigenverband „wir pflegen“ engagiert. „Ich musste schließlich meine Arbeit aufgeben – eine sehr schwere Entscheidung.“ Sie sei aber richtig gewesen – „trotz großer finanzieller Einbußen für mein ganzes weiteres Leben“.

Das ist jedoch ein Punkt, der kaum im Rahmen von Tarifverhandlungen gelöst werden kann. Karl-Josef Laumann, Arbeits- und Sozialminister in Nordrhein-Westfalen und Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, sagt: „Die Flexibilisierung in der Arbeitswelt darf keine Einbahnstraße sein. Auch Arbeitnehmer müssen in die Lage kommen, ihre Arbeitszeit an aktuelle Gegebenheiten wie die Pflege von Angehörigen anzupassen. Insofern begrüße ich diesen Vorstoß der IG Metall.“ Der Christdemokrat weiß auch, dass gerade in der häuslichen Pflege auf die Familie gebaut wird: „Wenn der Pflegebedarf jährlich weiter um 2 bis 3 Prozent steigt und der jetzige Anteil pflegender Angehöriger stabil bleibt, benötigen wir jedes Jahr 20 000 neue Pflegekräfte in Deutschland. Die sind aber schlicht und einfach nicht da.“

Das Problem dränge, wenn die Gesellschaft nicht in Kauf nehmen wolle, dass Menschen wie Sabine Feldt fundamentale Abstriche an ihrer Zukunft machen müssen, sagt Laumann. „Ich glaube nicht, dass in Familien ein hundertprozentiger Ausgleich erwartet wird. Worum wir uns kümmern müssen, ist, dass die verkürzte Arbeitszeit zur Pflege von Mutter oder Vater die Rentenansprüche nicht so weit nach unten drückt.“

Von Thoralf Cleven / RND

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