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Deutschland / Welt Die Angst vor einem zweiten Chemnitz
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14:15 10.09.2018
Der Tatort in Köthen: Viele in der Stadt rechnen damit, dass es „bestimmt noch einmal knallt“. Quelle: Jan Sternberg
Köthen

Am Tatort auf dem Spielplatz an der Karlstraße liegen Blumen und abgebrannte Teelichter. Hier wurde Markus B. (22) von zwei afghanischen Asylbewerbern geschlagen und getreten, offenbar, nachdem er einen Streit zwischen den beiden Männern schlichten wollte. Der Spielplatz liegt in einer ruhigen, zentralen Wohngegend der 26.000-Einwohner-Stadt Köthen in Anhalt. Hier sitzen abends öfter mal Jugendliche, trinken, reden, streiten sich.

Marcus B.s Familie wohnt gleich um die Ecke. Auch am Montagvormittag ist viel Betrieb am Tatort. Schüler kommen in ihrer Freistunde vorbei, erzählen den Kamerateams, was sie über Markus wissen oder zu wissen glauben. Dass er einen Herzschrittmacher trug, die Narbe habe man sehen können, wenn er ohne T-Shirt herumlief. Dass Merkel Schuld an seinem Tod sei. Und dass es bestimmt noch einmal knallt in Köthen.

Das glaubt auch Klaus Weltge. Der pensionierte Gymnasiallehrer schiebt sein Fahrrad am Tatort vorbei und holt weit aus in die deutsche Geschichte: „Die Rechten sind immer die Folge der verfehlten Politik.“ Dass am Sonntagabend mehrere Hundert Rechtsextreme, auch aus Thüringen und Niedersachsen, bei einem Trauermarsch mitliefen, daran sei eigentlich auch Merkel schuld. Am Sonntagabend waren 2500 Menschen durch die Stadt gezogen, erst schweigend, dann an einem „offenen Mikrofon“ am Tatort umso lauter.

Bürgermeister Bernd Hauschild (SPD) schätzt, dass es 2000 Köthener und 500 angereiste Rechtsextreme waren. Der Ex-NPDler und Thügida-Funktionär David Köckert schwadronierte von einem „Rassenkrieg gegen das deutsche Volk“ und fragte die Menge: „Wollt ihr weiterhin Schafe sein und blöken, oder wollt ihr zu Wölfen werden und sie zerfetzen?“

Später hallten Rufe durch die Dunkelheit: „Nationaler Sozialismus - jetzt, jetzt, jetzt!“

Eine Nachbarin kommt vorbei, grüßt Klaus Weltge und sagt: „Das war ja nicht auszuhalten, was die Schwarzen dort gebrüllt haben!“ Weltge ist irritiert: „Welche Schwarzen?“ „Die Rechten meine ich, die waren alle schwarz gekleidet“, erklärt sie.

„Ein Staat, der sein Gewaltmonopol durchsetzt“

Weltge hat nichts übrig für grölende Neonazis, er nennt sie „Dumpfbacken“, um die soll sich der Rechtsstaat kümmern, „und um Linksradikale und Kriminelle genauso. Damit meine ich alle Kriminellen, ausländische und deutsche.“ Wieder holt er aus: „Wir wurden in der DDR zur Disziplin erzogen. Die Leute vermissen einen Staat, der sein Gewaltmonopol durchsetzt.“

Auf dem Marktplatz steht der Staat und gibt Interviews im Fünf-Minuten-Takt. Bürgermeister Hauschild erzählt in jede Kamera, dass Köthen nun wirklich gar nichts mit Chemnitz zu tun hat. Wenn das stimmen sollte, hat es auch viel mit ihm zu tun. Hauschild arbeitet seit Sonntagmittag ununterbrochen daran, die Trauer in Bahnen zu lenken, die nicht missbraucht werden können.

Er postet ununterbrochen in den sozialen Netzwerken, rief bereits am Sonntagmittag zusammen mit dem Landrat zu einer Kranzniederlegung am Tatort auf, dann zum Gedenkgottesdienst in der Jakobskirche. 350 Menschen kamen. Er riet von der Teilnahme am Trauermarsch ab und sagt selbstkritisch, dass diese Warnung vielleicht bei einigen das Gegenteil bewirkt hat: „Einige haben mich falsch verstanden, dass ich ihnen die Teilnahme verbieten wollte, und werden aus Trotz mitgelaufen sein.“

Vor allem aber lobt er den Schulterschluss, den er am Sonntag noch hinbekommen hat. Alle Ratsfraktionen und Kirchengemeinden trafen sich um 21 Uhr im Rathaus, auch am Montagabend wird die Runde wieder zusammenkommen. Dazu gehört auch Hannes Loth, der lokale AfD-Landtagsabgeordnete, das betont Hauschild besonders.

Loth sitzt am Montagvormittag im weißen T-Shirt in seinem Bürgerbüro und spricht so leise und bedächtig, dass man einen Moment glaubt, sich in der Tür geirrt zu haben.

AfD-Trauermarsch am Abend

Die AfD ruft für Montagabend zwar zu einem öffentlichen Gedenken auf dem Marktplatz auf, bei dem der gesamte Landes- und Fraktionsvorstand erwartet wird, aber Loth gibt sich abgeklärt und ruhig: „Wir wollen mit den Menschen in der Region trauern. Köthen hat es nicht verdient, wenn hier Rechte und Linke aufeinander losgehen.“

Den Satz von den Schafen und Wölfen aber, den der Neonazi Köckert am Sonntagabend von sich gab, denn kennt Loth ganz ähnlich aus seiner eigenen Partei. Loth war im Juni beim Treffen der Parteirechten in Burgscheidungen dabei, als Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke ins Publikum rief: „Heute lautet die Frage: Schaf oder Wolf? Und wir ... entscheiden uns in dieser Frage für: Wolf!“ Loth wiegt den Kopf: „Das fand ich schon damals nicht passend, und gestern Abend noch weniger.“

Auf dem Köthener Marktplatz sieht alles nach einem normalen Kleinstadt-Montagmittag aus, bis auf die Mannschaftswagen der Polizei aus Baden-Württemberg, die unverdrossen ihre Runden drehen. In einer Stadt, die viel dafür tun kann, kein zweites Chemnitz zu werden.

Von Jan Sternberg/RND

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