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08:03 30.07.2018
Wer gehört zu Deutschland? Quelle: iStock
Berlin

Früher war es Maryem peinlich, wenn in der Klasse über den Islam gesprochen wurde. Ihr, der einzigen Schülerin mit Migrationshintergrund in einem „sehr deutschen Viertel“ in einer „sehr deutschen Schule“ in der Nähe von Münster. Die Eltern der 16-Jährigen stammen aus Pakistan, Maryem und ihre zwei Schwestern wurden in Deutschland geboren. „Ich habe mein Ausländersein regelrecht geleugnet, wer will schon in der fünften Klasse die eine Komische sein?“, schreibt sie im Interview via Twitter.

Doch dann entdeckte Maryem die sozialen Netzwerke. „Auf Instagram habe ich zum ersten Mal eine Bloggerin gesehen, die ein Kopftuch trägt“, erzählt die Gymnasiastin. „Ich habe Witze gelesen, mit denen ich mich identifizieren konnte. Ich habe mich normal gefühlt. Und das hatte ich echt gebraucht.“

Dieser Tage tritt die gemeinschaftsstiftende Funktion des Internets mal wieder auffällig zutage: Unter #MeTwo haben Menschen innerhalb von wenigen Tagen 133 000 Erfahrungen mit Alltagsrassismus geteilt. Sekündlich werden bis zu zwei Tweets mit dem Schlagwort abgesetzt. Auch Maryem hat gepostet: „Politikunterricht 9. Klasse: Lehrer zieht über Erdogan her. Ich, so ziemlich einziger Kanacke in der Klasse. ,Oh Maryem. bei dir müssen wir ja darauf achten, was wir so über Erdogan erzählen.’ – ,Herr Schmitz, ich stamme aus Pakistan.’ ,Ja, trotzdem.’“

„Ich finde, wir brauchen ein neues Verständnis vom Deutschsein“: Ali Can kämpft als Betreiber der „Hotline für besorgte Bürger“ gegen Vorurteile und Rassismus – jetzt hat er #MeTwo gegründet. Quelle: dpa

Mehr als 5000 Lesern gefällt der Beitrag. Die Schülerin war so überwältigt, dass sie ihr Profilbild gegen ein Foto der Sängerin Rihanna austauschte. Eine Frau mit Powerstimme. So wie #MeTwo: Ähnlich wie bei der #MeToo-Bewegung, die Sexismus im Alltag anprangert, haben die Betroffenen anscheinend nur darauf gewartet, ihre Geschichten teilen zu können. #MeToo begann in Hollywood und wurde zur weltweiten Bewegung. Auch #MeTwo beginnt sich über Deutschland hinaus zu verbreiten, wird in Spanien, Griechenland, der Türkei aufgegriffen.

Viele Prominente mischen sich ein. Oguz Yilmaz, Ex-Mitglied der Youtubekomiker Y-Titty, berichtet von einem Chemielehrer, der ihn vor der ganzen Klasse nach seinem beschnittenen Penis fragte. Der Pianist Igor Levit, der im April infolge der Antisemitismusdebatte seinen Klassik-Echo zurückgab, zitierte aus einer Konzertkritik: „Der Russe Igor Levit fand einen überraschend natürlichen Zugang zu deutscher Musik.“ Sein Vorschlag an #Me­Two: „Lasst uns einander versprechen, Rassismus nie als normal hinzunehmen.“

„Sind Sie fertig mit Putzen?“

Gestartet als Reaktion auf die Debatte um Mesut Özil sind die #Me­Two-Botschaften zum Seismografen für Integration in Deutschland geworden. Sie erzählen teils ungeheuerliche Geschichten. Von der Kinderärztin, die Duftspray im Wartezimmer versprüht, nachdem sie ein Mädchen mit Kopftuch behandelt hat. Von der Verkäuferin, die einer vietnamesischen Kundin Diebstahl unterstellt, weil sie wie alle anderen Schmuckstücke zur Ansicht in die Hand nimmt. Von dem Studenten, der eine Lehrkraft mit Kopftuch, die den Seminarraum vorbereitet, fragt: „Sind Sie bald fertig mit Putzen?“

Die Bandbreite reicht von handfesten Beschimpfungen bis zur unglücklichen Formulierung. Nicht immer steckt böse Absicht dahinter, manchmal nur Unwissen. Und ist es schon rassistisch, einen Menschen mit anderem Namen als Müller oder Schmidt nach seiner Herkunft zu fragen, auch wenn dieser vielleicht schon sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat?

#MeTwo-Tweet von Reyhan Sahin alias Lady Bitch Rey, Musikerin: „,Sie können aber gut Deutsch!‘ – ,Danke, Sie auch!‘ #MeTwo ,Du bist ein sehr kluges Mädchen, Reyhan, du wirst mal etwas ganz Besonderes, wenn du groß bist!‘ (Grundschullehrerin) #GermanDream #MeTwo & #GermanDream können nebeneinander stehen, so wie die Realität.“ Quelle: SAT.1

Die Masse an Beispielen zeigt, dass Rassismus nicht nur eine Sache pöbelnder Glatzköpfe ist, sondern allgegenwärtig. Dass Vorurteile Lebensläufe prägen, auch wenn gerade kein Flüchtlingsheim brennt und kein Kippaträger verprügelt wird.

57 Prozent der Befragten einer aktuellen Emnid-Umfrage finden, in Deutschland habe der Rassismus in den letzten zehn Jahren zugenommen. Wie verschoben oft die Eigenwahrnehmung ist, zeigt eine Begebenheit, die ausgerechnet Ilker Gündogan unter #MeTwo gepostet hat. Er ist Wissenschaftler und Bruder des Fußballers Ilkay, der sich im Gegensatz zu Mesut Özil frühzeitig zum Treffen mit Erdogan geäußert hatte. Ilker Gündogan wartete in Bochum auf die Bahn zur Uni. Auf dem Bahnsteig pöbelte ein älterer Mann eine Kopftuchträgerin an, weil sie ihre Tasche auf die Bank neben sich gestellt hatte. Die Plätze um sie herum waren frei. Schließlich spuckte der Schnauzbartträger vor der Frau aus. Die von Gündogan gerufene Polizei habe das Verhalten gerügt, eine Strafe habe es nicht gegeben. Der Rentner habe sich verteidigt: Er sei früher Gewerkschafter gewesen und „kein Rassist“.

#MeTwo-Tweet von Abdelkarim Zemhoute, Komiker: „Lange Schlange an der Kasse. Ich sag zum älteren Mann hinter mir: ,Sie können ruhig vor.‘ – ,Nein danke, ich habe dich lieber im Blick.‘“ Quelle: dpa

Jetzt reden die Selbstbewussten

Nicht wenige halten denen, die von solchen Ereignissen berichten, vor, sich als Opfer zu gefallen. Die Journalistin Ferda Ataman aber hat es in ihrer „Heimatkunde“-Kolumne für den „Spiegel“ auf den Punkt gebracht: Hier bestimmen nicht mehr weiße Deutsche, worüber wir wie streiten. Betroffene selbst definieren die Agenda der Integrationsdebatte. Hier äußert sich eine Generation von Selbstbewussten, die ihren Platz in der Gesellschaft einfordert. Es sind die Kinder und Kindeskinder von Einwanderern, die sich stärker gegen Diskriminierung wehren, obwohl sie meist weniger davon betroffen sind als ihre Eltern.

Ein Repräsentant dieser Bewegung ist der 24-jährige Ali Can, der die Aktion bei Twitter gestartet hat. Er kam als Zweijähriger mit seinen Eltern nach Deutschland, die als kurdische Aleviten Asyl suchten. Die „Zwei“(Two) im Stichwort stehe für die beiden Identitäten in seiner Brust, sagt er: „Meine Heimat ist Deutschland, und ich bekenne mich zu unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Gleichzeitig fühle ich mich auch mit den Menschen aus dem türkischen Dorf verbunden, in dem ich geboren wurde. Ich finde, wir brauchen ein neues Verständnis vom Deutschsein.“ Can bezeichnet sich selbst als Integrationsaktivist. So will er potenziellen AfD-Wählern mit einer „Hotline für besorgte Bürger“ Ängste nehmen und als Leiter eines Essener Vielseitigkeitszentrums Toleranzprojekte fördern. Can hat ähnlich wie Özil „den Eindruck, dass ich nur als Deutscher anerkannt werde, solange ich keine Fehler mache“.

#MeTwo-Tweet von Hasnain Kazim, Korrespondent des „Spiegel: „Mein Vater arbeitete als Kapitän auf einem Frachtschiff. Gerichtsurteil in den Achtzigerjahren, uns aus Deutschland abzuschieben, mit der Urteilsbegründung: ,Die Heimat eines Seemannes ist das Meer.‘“++ Quelle: dpa

Er erzählt, wie ihm gerade noch freundliche Vermieter absagten, sobald sie seinen Namen hörten. Wie Menschen aus der Schlange hinter ihm in den Club eingelassen wurden, er aber nicht. Er hat sich von diesen Verletzungen nicht unterkriegen lassen, weiß aber auch: „Das Gefühl von Ausgrenzung ist integrationshemmend. Wenn all die Menschen, die in den letzten Jahren zu uns kamen, diese Erfahrung teilen, wird aus der Flüchtlingskrise ganz schnell eine Integrationskrise.“ Er selbst habe das Glück, gute deutschstämmige Freunde zu haben. Seine aktuelle Aktion sei auch ein Dank an sie.

Auch von solch positiven Erfahrungen wird jetzt viel erzählt. Der Piratenpolitiker Ali Utlu prägte dafür einen eigenen Hashtag: Unter #MyGermanDream berichtet er vom Glück, als Mann einen Mann lieben zu dürfen. Utlu wurde bekannt, als er bei der Beschneidungsdebatte 2012 über seine traumatische Erfahrung berichtete.

„Rassismus ist ein Gefühl“

Längst sind es nicht nur die Hasserfüllten, die in den Netzwerken hinter jedem #MeTwo-Klick lauern. Es gibt auch diejenigen, die selber genug Rassismus erfahren haben und doch sagen: „Integration ist in erster Linie Bringschuld der Mi­granten“. Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour zum Beispiel.

In seinen neuen, noch ziemlich kahlen Büroräumen in einer Villa im Berliner Südwesten erzählt er, wie hart das Ankommen in Deutschland vor 14 Jahren war. Der Palästinenser aus Israel kam zum Studium nach Berlin und traf auf eine Wand der Gleichgültigkeit. „An der Humboldt-Uni haben mich die Kommilitonen zwei Semester lang nicht einmal begrüßt. Niemand wollte mit mir zusammen ein Referat halten, weil ich noch nicht so gut Deutsch konnte.“ War das Rassismus? Rassismus, sagt Mansour, „ist ein Gefühl. Wie viel lasse ich zu? Wie selbstsicher bin ich, um Sachen auszuhalten und Widerstand zu leisten?“

#MeTwo-Tweet von Dunya Hayali, Journalistin: „Jetzt also #MeTwo. Und was passiert? Wir diskutieren, dass nicht alle in Deutschland Rassisten sind. a) behauptet das niemand und b) geht es darum nicht. Fast jeder mit Migrationsvordergrund HAT aber Rassismuserfahrung. Gefällt Ihnen nicht? Mir auch nicht! #diskursverschiebung“ Quelle: Tim Schaarschmidt

Mansour kämpft an allen Fronten. Unter #MeTwo hat er Beleidigungen von muslimischer Seite gepostet, die er für genauso rassistisch hält wie die der Mehrheitsgesellschaft. Als „Mossad-Agent“ und „Haus-Araber“ wird er beschimpft. Er kämpft aber auch, wenn er oder seine Tochter im Alltag Rassismus erfahren. Er hat das Selbstbewusstsein, schlicht festzustellen, dass sie Teil dieser Gesellschaft sind.

Es gibt nicht wenige mit diesem Selbstbewusstsein. Tugba Tekkal aus Hannover hätte Nationalspielerin werden können. Für die Türkei. Sie entschied sich dagegen, wie Mesut Özil. Ihr Traum war es, den Adler auf dem Trikot zu tragen. Das hat die frühere Bundesligaspielerin (HSV, 1. FC Köln) nicht geschafft. Gehadert hat sie damit nie. „Ich bin Deutsche, durch und durch“, sagt sie. Opfer zu sein, konnte sie sich nie leisten, nicht in einer Familie mit zehn Geschwistern. Dass es Rassismus gibt in der deutschen Gesellschaft, ist für die Tochter kurdisch-jesidischer Eltern selbstverständlich. In Köln bringt sie junge Mädchen aus Flüchtlingsfamilien und aus sozial benachteiligten deutschen Familien auf dem Fußballplatz zusammen, trainiert sie ehrenamtlich beim Projekt „Scoring Girls“. Sie hatte ein Vorbild, das die Debatte um Mesut Özil nun zerstört hat: das bunte, erfolgreiche Männer-Team der Jahre ab 2010. „Jetzt läuft alles in eine ganz falsche Richtung. Ich finde es traurig, was gerade passiert. Es kann doch nicht wieder darum gehen, wo jemand herkommt.“

#MeTwo-Tweet von Shahak Shapira: „#MyGermanDream ist, dass so viele Leute wie möglich sich die Menschen, die unter #MeTwo tweeten, anhören und ihre Erfahrungen nicht als Angriff gegen sich sehen, sondern als Chance, wieder zueinander zu finden. Außerdem finde ich Spätzle ganz gut.“: Quelle: Kempner

Ihre Schwester Düzen Tekkal möchte sich mit großen Ehrgeiz als Integrationspolitikerin einen Namen machen. Sie hat einen anderen Hashtag auf Twitter populär gemacht: #Germandream, deutscher Traum. Da postete sie Bilder ihrer neun Geschwister mit der Botschaft: Wir haben alle unseren deutschen Traum erfüllt und lassen uns das nicht kleinreden.

Tekkal hat damit direkt nach dem Özil-Rücktritt begonnen, noch vor #MeTwo. Als Gegenkampagne ist es also nicht gedacht, dennoch wird es von einigen so aufgefasst. Von der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli etwa, die schrieb: „Liebe erfolgreiche Migranten, könnt ihr bitte aufhören, Migranten, die auch erfolgreich sind, aber nicht der Meinung sind, dass hierzulande alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, Opfermentalität vorzuwerfen?“

Ein Streit unter Migranten? Mitnichten. Es ist zuallererst ein parteipolitischer Streit. Chebli macht Karriere auf SPD-Ticket, Tekkal war im Schattenkabinett von CDU-Vize Julia Klöckner, als diese 2016 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden wollte.

Erfolgreich sind beide. Erfolgreich sind viele. Obwohl Migrantenkinder fast automatisch eine Hauptschulempfehlung bekommen. #MeTwo erzählt viele Geschichten von Schülerinnen, die studiert und Karriere gemacht haben. Die 16-jährige Maryem wird ihnen folgen. Nach dem Abitur will sie studieren. Im Moment findet sie Jura interessant. „Hauptsache etwas, wo man den Mund aufmachen muss, um zu reden. Das kann ich ganz gut.“ #MeTwo und all die positiven Reaktionen auf ihre Twitterbotschaft haben sie nur darin bestätigt.

Von Nina May und Jan Sternberg

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